Gesundheitssystem auf dem Prüfstand Mediziner klagen über viel zu viel Bürokratie

Von Georg Friedel 

Wie gesund ist unser Gesundheitssystem? Im Hof der „Alten Apotheke“ an der Stuttgarter Straßen diskutierten Mediziner bei einer Podiumsdiskussion über das Thema und beantworteten dazu Fragen aus dem Publikum.

Petra Steinbeck (links), Inhaberin der Alten Apotheke,  lud  Experten aus dem Gesundheitsbereich ein. Auf dem Podium  saßen Karin Maag, Dietmar Beck, Norbert Metke, Harald Schweim und Jürgen Zimmermann (von rechts nach links). Foto: Georg Friedel
Petra Steinbeck (links), Inhaberin der Alten Apotheke, lud Experten aus dem Gesundheitsbereich ein. Auf dem Podium saßen Karin Maag, Dietmar Beck, Norbert Metke, Harald Schweim und Jürgen Zimmermann (von rechts nach links). Foto: Georg Friedel

Feuerbach - Wann haben Bürger schon einmal die Gelegenheit, sechs Gesundheits-Experten zwei Stunden lang mit Fragen zu löchern? Petra Steinbeck, Inhaberin der Alten Apotheke in Feuerbach, will diesen Dialog in Gang bringen. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: „Oft werde ich als Apothekerin zu übergeordneten gesundheitlichen Themen befragt oder höre mir die Klagen meiner Kunden zur aktuellen Gesundheitspolitik an, die ich selbst nicht beantworten oder beeinflussen kann.“

Wachsende Dokumentationspflicht in den Kliniken

So entstand die Idee zur Organisation dieser Podiumsdiskussion, die bereits zum zweiten Mal im Hinterhof der Alten Apotheke an der Stuttgarter Straße stattfand. Ausgangspunkt des Expertengesprächs war die Frage: Wie funktionstüchtig ist unser Gesundheitssystem und wo besteht Verbesserungsbedarf? Für die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag, die seit 2009 Mitglied im Gesundheitsausschusses des Bundestages ist, gibt es keinen Grund zur Sorge. Das deutsche Gesundheitswesen sei eines der besten der Welt, findet sie. Zentraler Punkt sei die flächendeckende und wohnortnahe Versorgung von Patienten.

Auch die Entwicklung neuer Medikamente sei teilweise rasant, als Beispiel nannte sie die Behandlung von HIV. „In den 1980er Jahren sind die Betroffenen an Aids gestorben.“ Heute komme die Krankheit dank der medikamentösen Behandlung gar nicht mehr zum Ausbruch. „Das sind Erfolge, die man nicht kleinreden darf“, so Maag. Es gibt aber auch viele diskussionswürdige Punkte in der aktuellen Entwicklung, betonte Jürgen Zimmermann. Der Geschäftsführer der Sportklinik Stuttgart, beklagt eine wachsende Dokumentationsflut und einen überbordenden Bürokratismus. „Wir fallen in Deutschland oft von einem Extrem ins andere. Wir können nicht alles noch mehr reglementieren.“ Das hohe Maß an Bürokratie stehle den Ärzten und dem Pflegepersonal die Zeit, die sie lieber ihren Patienten widmen würden. Es sei teilweise schon irrsinnig, was alles dokumentiert werden müsse, gab ihm Maag recht. Dies geschehe in erster Linie, um bei Haftungsprozessen gerüstet zu sein.

Erste Hilfe und Wiederbelebungstraining als Schulstoff

Nach Ansicht von Dietmar Beck, Leitender Arzt des Palliative-Care-Teams Stuttgart, könnte in den Schulen noch mehr im Bereich Gesundheitserziehung und Prävention getan werden. Auch Wiederbelebungsmaßnahmen sollten zum Schulstoff gemacht werden, forderte Beck. In skandinavischen Ländern sei das Thema an Schulen viel präsenter. Deutschland liege, was die Wiederbelebungsrate durch Erste Hilfe angehe, im europaweiten Vergleich hinten.

Professor Harald Schweim von der Universität Bonn , der sich auch mit Arzneimittelzulassungen beschäftigt, sagte, er blicke eher pessimistisch in Zukunft. Deutschland habe tatsächlich eines der besten Gesundheitssysteme auf der Welt, sei aber gerade dabei, diese sehr gute Ausgangslage aufgrund politischer Fehlentscheidungen zu verspielen. Seit langem warnen zum Beispiel Hygiene-Experten in Krankenhäusern vor aggressiven Keimen und multiresistenten Erregern. „Was glauben Sie nun, wie viele neue Antibiotikamedikamente derzeit bei der Pharmaindustrie in der Forschungspipeline sind?“, fragte Schweim die Anwesenden und lieferte die Antwort gleich mit: „Null!“ Gleichzeitig gebe es in Deutschland gigantische Impflücken. „Wir setzen derzeit die Gelder falsch ein“, zog der Pharma-Experte aus Bonn Bilanz.

Multiresistente Erreger und aggressive Klinik-Keime

Norbert Metke, der seit 2011 Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg ist, widersprach ihm: Es gebe zwar Probleme, aber ganz so schlimm wie geschildert sei die Situation nicht. Den resistenten Keimen könne man durch erhöhte Hygiene-Standards in den Kliniken zu Leibe rücken. Da seien die Niederländer den Deutschen weit voraus: „In Holland gibt es viel weniger Fälle“, so Metke. Ein weiterer Streitpunkt bei dem Podiumsgespräch waren die Arzneimittel-Rabattverträge. Wenn mal die weißen Tabletten, dann wieder gelbe oder blaue Pharmazeutika als wirkstoffgleiche Medikamente verordnet würden, verunsichere das die Patienten, meinte Schweim. Viele gesetzlichen Neuerungen würden unter die Rubrik fallen: „Gut gedacht, schlecht gemacht.“

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