Gesundheitsversorgung im Kreis Böblingen Wenn der Arzt zum Patienten wird

Sowohl die Krankenhäuser als auch die Arztpraxen ächzen unter dem Personalmangel. Foto: dpa/Fabian Strauch

Die stationäre und ambulante Versorgung hat dringenden Therapiebedarf. Nicht nur im Kreis Böblingen, sondern im ganzen Land, schreibt Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Kaum zu glauben, doch bis zur Bundestagswahl sind es gerade mal noch drei Wochen. Dass im Kreis Böblingen die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen hat, ist am politischen Personal ablesbar, das sich unters Volk mischt. So wurde der Böblinger Elbenplatz kurzerhand zur bundespolitischen Bühne: Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken stand jüngst nur einen Steinwurf vom ehemaligen FDP-Staatssekretär Florian Toncar entfernt. Beide warben in der Januarkälte um Stimmen. Ablesbar ist die heiße Phase aber auch an der Eindringlichkeit der Forderungen, die aus der Lokalpolitik kommen.

 

Zwar empfängt der Landrat im Kreis Böblingen traditionell nicht zum neuen Jahr, doch er versäumt es nicht, den Finger in die politischen Wunden zu legen. Per Offenem Brief lässt er die Kandidaten wissen, wo vor Ort der Schuh am ärgsten drückt. Ganz oben auf der Agenda steht die Gesundheitsversorgung. Und die krankt an ganz wesentlichen Stellen. Eine baldige Heilung ist – leider – noch immer nicht in Sicht. Im stationären Bereich hat die Therapie zwar schon begonnen und zeitigt erste Erfolge, doch ausgestanden ist die fast schon chronische Entzündung bei Weitem noch nicht.

Zunächst: Die Krankenhäuser im Landkreis sind massiv unterfinanziert. Den Klinikverbund plagt für 2024 noch ein massives Defizit von knapp 40 Millionen Euro. Und das nach einer ähnlichen Misere im Vorjahr und im Jahr davor auch. Sprich: Die öffentliche Hand leistet sich über ihre Trägerschaft des Klinikverbunds eine zig Millionen Euro schwere Quersubventionierung des Gesundheitssystems – und das Jahr für Jahr. Zwar hat sich das Defizit dank eines Ergebnisverbesserungsprogramms (EVP) im Verbund schon reduziert oder wäre ohne das EVP noch mal deutlich höher. Doch die Millionen drücken, Jahr für Jahr für Jahr.

Flugfeldklinik nicht eingerechnet

Hinzu kommt, dass der Bau der neuen Flugfeldklinik in diesem horrenden Defizit noch gar nicht eingerechnet ist. Kämen die mit 750 Millionen veranschlagten Baukosten noch hinzu und wäre der Klinikverbund ein privatwirtschaftliches Unternehmen – er müsste wohl Insolvenz anmelden. Der Landkreis und mit ihm die Städte und Gemeinden stemmen sich mit ihrem Steuergeld dagegen. Doch auf Dauer tragbar ist der Zustand mitnichten. Die Forderungen des parteilosen Landrats Roland Bernhard nach Berlin und Stuttgart sind daher sehr dezidiert. Gut so. Schließlich vernachlässigen Land und Bund seit Jahren ihre gesetzliche Zuständigkeit.

Verschärfend hinzu kommt die Situation bei den niedergelassenen Ärzten. Hier fehlt es eindeutig am medizinischen Personal. Die ärztliche Versorgung ist vor allem dort am kritischsten, wo sie am nötigsten gebraucht wird: bei den Kinder- und Hausärzten. Überlaufene Praxen vor allem in den Städten machen vielen zu schaffen. In den Randzeiten und am Wochenende tritt der Ärztemangel im Bereitschaftsdienst noch offener zutage. Dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) nun die Zahl der Notfallpraxen im ganzen Land reduzieren will, schmerzt vor Ort zwar sehr. Überraschend kommt es nicht.

Stationär und ambulant nicht verzahnt

Stutzig macht allerdings die Tatsache, dass die stationäre und die ambulante Versorgung sich nicht viel besser verzahnen. Beide Bereiche plagen die gleichen Symptome: Unterfinanzierung und Personalmangel. Doch statt ihre Strukturen aufeinander abzustimmen und sinnvolle Synergien zu schaffen, gehen KV und öffentliche Hand weitestgehend getrennte Wege. Mehr noch: Sie geraten sogar öffentlich aneinander, wie jüngst bei der drohenden Schließung der Notfallpraxis im Herrenberger Krankenhaus. Dieser Konflikt sollte aber nicht öffentlich ausgetragen werden – und vor allem nicht auf dem Rücken der Patienten.

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