Ein Start-up mischt mit Hilfe von Rappern und Influencern den Getränkemarkt auf. Der Eistee von Capital Bra und einem Vitaminwasser namens Vitavate sind Hits. An dem Erfolg der Firma würden gerne viele Prominente teil haben, aber bislang konnte ihn noch keiner kopieren.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Die Zentrale von Unibev im Stuttgarter Westen entspricht ganz dem Klischee: In der Altbauwohnung sind die Decken hoch, in der Gemeinschaftsküche gibt es Espresso mit Crema, im Flur steht  eine Mini-Tischtennisplatte und an den Wänden hängen bunte Titelseiten von coolen Magazinen. Auf einer ist Patrick Dietz abgebildet, der in dritter Generation den gleichnamigen Fruchtsafthersteller leitet und im Januar 2020 mit vier vernetzten Stuttgartern die Firma Unibev gründete. In dem hippen Altbau am Feuersee wird seither ein Verkaufsschlager nach dem anderen fabriziert. Sie sind hinter der Glastüre eines Kühlschranks aufgereiht: lauter bunte Flaschen, Dosen und Tetrapaks. Unibev ist das erfolgreichste Start-up in der Branche. Aber die Firma hat längst neue Produkte im Portfolio.

Fünf Stuttgarter mit guten Verbindungen

„Mensch, wir machen eine eigene Getränkemarke“, lautete die vielleicht etwas banal klingende Geschäftsidee. Zu den Gründern gehören allerdings auch Steffen Posner, der Inhaber von Cros Musiklabel Chimperator, Sidney Blum, der Betreiber des Clubs und Burgerestaurants Schankstelle, und Christian Hymer, dessen Nachname auf Wohnmobilen prangt, sowie Fabian Huber, der für die Brauerei Dinkelacker die Marke Wulle wieder aufbaute. „Getränke sind ein wundervolles Segment, mit dem jeder Berührungspunkte hat“, sagt der 39-Jährige, der die Geschäfte bei Unibev führt. „Neu denken“ wollten sie das Produkt, und das erste Ergebnis hieß White Colombia. Die Limonade in Dosen mit Geschmacksrichtungen wie Minze oder Honigmelone zielte auf Shisha-Bars ab – und wurde von den Rappern Azet und Zuna von der Hip-Hop-Crew KMN Gang promotet. Wenn nicht die Lokale wegen der Coronapandemie hätten schließen müssen, wäre das Erstlingswerk wahrscheinlich ein Hit geworden.

Die Kontakte der Stuttgarter reichten jedoch noch viel weiter: Sie brachten Capital Bra, den erfolgreichsten deutschen Musiker, im vergangenen Jahr auf den Eistee. „Bratee ist explodiert“, sagt Fabian Huber, „es gab noch nie ein Getränk, das so eingeschlagen ist.“ Nicht einmal Red Bull kann mithalten: Von dem Energydrink werden im Jahr 850 000 Dosen verkauft, von Bratee wurden im ersten Jahr mehr als 60 Millionen Tetrapaks getrunken. Damit sei jeder Rekord im Lebensmittelhandel pulverisiert worden, sagt der Unibev-Geschäftsführer. Innerhalb von 15 Minuten waren die Kartons nach Markteinführung ausverkauft. Die Belegschaft von damals neun Mitarbeitern war rund um die Uhr damit beschäftigt, Nachschub bei den Auftragsherstellern zu ordern und zu vertreiben. In diesem Jahr gelang der Firma, deren Personalstärke sich mittlerweile vervierfacht hat, ein weiterer Chartstürmer namens Vitavate, für das sie die Twitch-Streamer Niklas Wilson Sommer, Sidney Friede und Elias Nerlich gewinnen konnten. Den drei Fußballern schauen hunderttausende von jungen Menschen auf der Plattform beim Zocken von Computerspielen zu.

Ein Mensch steht hinter dem Produkt und kein Konzern

Auf Stars als Werbebotschafter zu setzen, ist an sich nichts Neues. George Clooney schlürft seit Ewigkeiten Espresso, Thomas Gottschalk futterte einst Gummibärchen. Die Rapper und Influencer von Unibev bringen dagegen ihre Drinks selbst heraus und vermarkten sie über ihre Social Media-Kanäle. „Es steht ein Mensch dahinter und kein namenloser Konzern“, erklärt Fabian Huber den Unterschied. Das steigert die Glaubwürdigkeit, ist allerdings eine Gefahr, wenn der Star seine Follower enttäuscht, wie im Fall des Youtubers Fynn Kliemann und seiner Maskenaffäre geschehen. Andere haben längst versucht, das erfolgreiche Konzept der Stuttgarter zu kopieren, die Sängerin Shirin David etwa mit Dirtea oder Bushido. Der Fußballer Marco Reus hat mit Repeat ein Vitaminwasser wie Vitavate herausgebracht.

Im Altbaubüro klingelt unablässig das Telefon, weil andere Prominente an dem Erfolg teilhaben wollen. Allein Vitavate hat auf Instagram mehr als 250 000 Follower, Bratee kommt auf 76 000 Fans. Unibev sucht sich seine Markenträger selbst aus. Die neueste Entwicklung ist ein Gemüsesmoothie namens Gartenglück, den der Sterne- und Fernsehkoch Steffen Henssler unter seine Fittiche genommen hat. Der „Bio-Löschi“ von Feuerwehrmann Sam kommt als nächstes. Die Stuttgarter haben aber längst die Grenzen der Branche gesprengt – mit dem Bratee-Kaugummi und einem Kosmetiklabel mit der Rapperin Badmomzjay. Bald werden sie mit mehr als 20 Produkten auf dem Markt vertreten sein, kündigt Fabian Huber an: „Wir müssen nicht nur Getränke machen.“