Getrübte Stimmung an den Böblinger Seen Ärger mit Kormoranen

Der Kormoran – eine Gefahr für die Fische in den Böblinger Seen Foto: Stefanie Schlecht

Hierzulande gibt es immer mehr Kormorane. Die großen schwarzen Vögel fühlen sich auch an den Böblinger Seen wohl. Sehr zum Ärger der Angler, denn die Vögel bedrohen die hiesigen Fischbestände. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Majestätisch sehen sie aus, wie sie in ihrem glänzenden, schwarzen Federkleid am Ufer oder auf Bäumen sitzen und ihr Gefieder trocknen. Einige Zeit war der Kormoran hierzulande fast ausgerottet, aber nun ist er wieder auf dem Vormarsch. Da er kaum natürliche Feinde hat, vermehrt er sich rasch – zum großen Ärger von Anglern und Fischern. Rund ein halbes Kilo Fisch vertilgt der Kormoran laut Experten jeden Tag. „Kormorane ernähren sich fast ausschließlich von Fisch und können in kurzer Zeit erhebliche Schäden am Fischbestand anrichten“, sagt Daniel Gruseck, seit 2000 Mitglied im Kreisfischereiverein Böblingen und dort Gewässerwart. Bei einer Kolonie von zehn Brutpaaren macht das etwa 70 Kilogramm Fisch pro Woche.

 

Den Kreisfischern ist der Kormoran vor allem deshalb ein Dorn im Auge, da er den sorgsam aufgebauten Fischbestand im Oberen und Unteren See, den die Angler hegen und pflegen, massiv gefährdet. Aber genau an diesen Gewässern gefällt es den gefiederten Jägern besonders gut. Neben Friedfischen schwimmen Raubfische wie Hecht, Zander, Aal und auch viele Edelfische wie Karpfen, Schleie, Rotauge oder Brasse im kühlen Nass.

„Der Kormoranbestand in der Region ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während die Fischpopulation rapide abnimmt. Dies hat ökologische Konsequenzen“, so der Gewässerwart. Immer mehr Kormorane ziehen aufgrund der milden Winter nicht mehr in südeuropäische und nordafrikanische Überwinterungsgebiete, sondern bleiben an deutschen Gewässern. Wegen der strengen Winter habe es früher hierzulande kaum Kormorane gegeben, weiß Gruseck. „Mittlerweile frieren die Seen weniger stark zu, und die Fische haben kaum noch Ruhephasen“, sorgt sich der 44-Jährige um die Fischbestände.

Ein gefundenes Fressen für Kormorane

„So ein künstlich angelegter See ist für Kormorane wie ein Schlaraffenland“, sagt Gruseck. Die Fische hätten kaum Ausweich- oder Versteckmöglichkeiten, weil das Gewässer nicht so tief sei und wenig Schutz biete. „Der Karpfen beispielsweise fährt seinen Stoffwechsel im Winter komplett herunter. Sein Herz schlägt nur noch ein- bis zweimal pro Minute. Wenn er nun von einem Kormoran attackiert wird, kann man sich vorstellen, was passiert.“ Oft überschätze sich der Kormoran selbst, was die Größe seiner Beute betreffe, weiß der Experte. Ein Fisch, den der gefiederte Jäger mit seinem spitzen, gekrümmten Schnabel attackiere, aber nicht schlucken könne, erleide schwere Verletzungen und verende oft qualvoll. „Alles, was Fell oder Federn hat, ist süß – aber unter der Wasseroberfläche hört bei vielen die Tierliebe auf“, sagt Gruseck, der auch Vorsitzender des Sindelfinger Geflügel- und Vogelfreundevereins ist. Der Kreisfischereiverein Böblingen fordert, dass die Stadt nun endlich handelt.

/ Die Fische, die der Kormoran nicht schlucken kann, verenden oft qualvoll. Foto: Stefanie Schlecht

Die Stadt reagiert gelassen

Die Stadt Böblingen hat derzeit allerdings keine Maßnahmen gegen den Kormoran geplant. Sie bestätigt, dass es in Böblingen zwar Kormorane gebe, das Vorkommen im landesweiten Vergleich aber noch verträglich sei.„Einen Anstieg der Anzahl von Kormoranen am Oberen See beobachten wir jedes Jahr im zeitigen Frühjahr“, heißt es vonseiten des Tiefbau- und Grünflächenamts, Abteilung Umwelt und Grünflächen. Die Vögel würden zwei bis drei Wochen bleiben und anschließend weiterziehen. Zudem müssten die Maßnahmen gegen die Zugvögel kreis- oder landesweit koordiniert werden, da das Problem sonst nur von der einen in die andere Gegend verlagert werde. Vergrämungsabschüsse seien zudem in befriedeten, bebauten Gebieten laut der Kormoranverordnung des Landes Baden-Württemberg nicht zulässig. Dennoch wolle man sich mit den Böblinger Angelvereinen demnächst an einen Runden Tisch setzen, heißt es aus dem Rathaus.

Die Kormorane fühlen sich in Böblingen wohl. /Foto: Kreisfischereiverein Böblingen

Auch die Nilgänse machen Fischen das Leben schwer

Neben den Kormoranen sind auch die Nilgänse ein Problem. Ihre wachsende Zahl führt dazu, dass die Uferbereiche und Wege rund um die Seen mit Kot verschmutzt sind. Die Ausscheidungen der Vögel übertragen nicht nur Krankheiten, sie belasten auch die Gewässer spürbar. Zwar gab es in der Vergangenheit mehrere Versuche, die Gänse zu vergrämen – bisher gelang dies jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Nachdem der Einsatz eines Seeadlers nur einen kurzzeitigen Effekt auf die Anwesenheit der Nilgänse hatte, ist die Stadt nun dazu übergegangen, die Eier regelmäßig durch Attrappen auszutauschen, um so den Bestand zu regulieren.

Daniel Gruseck glaubt allerdings nicht daran, dass die Kormorane oder die Nilgänse von selbst wieder verschwinden werden. „Wenn ein Tier erst einmal eine Komfortzone gefunden hat, dann bleibt es natürlich da“, sagt er. Zudem sei der Kormoran sehr anpassungsfähig. Tiere oder Vögel, die plötzlich auftauchten – vor allem Arten, die nicht heimisch seien – strapazierten das Ökosystem stark. Die Folgen seien noch nicht absehbar, warnt der Experte.

Ein flexibler Anpassungskünstler

Kormoran
Der Kormoran ist 80 Zentimeter bis einen Meter groß. Er ernährt sich hauptsächlich von Fischen, die er unter Wasser fängt. Er brütet in Kolonien auf Felsklippen oder auf Bäumen. Dort verätzt der Kot häufig die Blätter, weshalb Bäume, auf denen Kormorankolonien brüten, oft kahl sind.

Schutz
Die Vogelschutzrichtlinie der EU stellt den Kormoran seit 1979 europaweit unter Schutz. Auch nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist der Kormoran eine besonders geschützte Art.

Name
Der deutsche Name „Kormoran“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Meerrabe“. So werden die Vögel genannt, weil sie fast schwarz sind und an Gewässern leben.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Böblingen Fische Artenschutz