Die Forelle war ursprünglich überall im Land zu finden, nun ist der kälteliebende Fisch gefährdet. Foto: imago stock&people
Die Forelle war früher überall im Land anzutreffen, nun ist sie gefährdet. Der Fischereiverein Bietigheim warnt: Auch Strömer, Aale und Hechte werden seltener. Ist daran der Klimawandel schuld oder auch Kanufahrer und Stand-up-Paddler?
Im August hatten sie die Schnauze voll. Die Verantwortlichen des Angelsportvereins Bietigheim erstatteten Anzeige gegen Unbekannt. In diesen Wochen war es heiß, es fiel kein Regen – die Metter führte kaum noch Wasser und war viel zu warm. Etliche Fische, Kleintiere und Pflanzen starben in dem Fluss, der durch Bietigheim-Bissingen fließt und auf Höhe des Kronenzentrums in die Enz mündet. Sie hätten nicht mehr tatenlos zuschauen können, sagen die Vereinsvorstände Manfred Peter und Peter Reinhardt.
Die zwei Angler sind sich bewusst, dass die Anzeige ins Leere laufen wird. Es gibt nicht den einen Schuldigen für die unnatürlichen Flussläufe, für die vielen Wasserentnahmen, für die schädlichen Nährstoffe und die invasiven Arten, die den Laich fressen. Sie hätten sich aber endlich einmal wehren wollen, sagen die beiden. Und sie wollten ein Zeichen setzen, dass es so nicht weitergehen kann.
Kanus, SUP und Schlauchboote als Problem?
In diesem Jahr wurden 21 Arten in der Roten Liste für Süßwasserfische und Neunaugen in einer Gefährdungskategorie hochgestuft. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die Forelle, der kälteliebende Fisch ist nun gefährdet. Laut dem Angelsportverein Bietigheim wird die Forelle auch im Kreis Ludwigsburg immer seltener, überhaupt hätten es Fische zunehmend schwer zu überleben. Das ergab zuletzt auch eine Untersuchung der Bestände in den Zugwiesen.
Dass der Fischbestand in Flüssen des Kreises abnimmt, habe viele Gründe, sagen Manfred Peter und Peter Reinhardt. Die Probleme beginnen bei invasiven Arten wie dem amerikanischen Signalkrebs. Der hat keine Fressfeinde, vermehrt sich schnell und frisst kleine Fische und Laich. Auch der Kormoran verbreite sich schnell und schnappt laut Peter Reinhardt „unglaublich viele“ junge Fische aus den Flüssen.
Manfred Peter sieht zudem eine Gefahr im Wassertourismus. Während der Pandemie sei die Zahl der Kanus, Stand-up-Boards und Schlauchboote auf der Enz explodiert – Stress für die Fische, die ruhige Flecken für die Fortpflanzung benötigen.
Eine Entwicklung macht sich laut den zwei Anglern jedoch „exorbitant“ bemerkbar: der Klimawandel. Aufgeheizte Flüsse und niedrige Wasserstände gebe es immer häufiger und seien der größte Todesfaktor für die Lebewesen in den Flüssen des Landkreises. „Die Forelle stellt ab einer Wassertemperatur von 18 Grad zum Beispiel die Nahrungsaufnahme ein“, sagt Peter Reinhardt. Die Enz überschreite regelmäßig diese Temperatur.
Manfred Peter (links) und Peter Reinhardt sorgen sich um die Metter. Foto: Simon Granville
Laut EU-Gesetz müssten eigentlich alle Fließgewässer in Deutschland bis 2027 in einem „guten“ ökologischen Zustand sein. Wie in vielen Regionen Baden-Württembergs hat im Kreis Ludwigsburg jedoch kein einziges der überprüften Fließgewässer diese Qualität. Sie haben einen „mäßigen“, „unbefriedigenden“, der Neckar sogar teils einen „schlechten“ Zustand. Die Flüsse sind also teils feindliche Lebensräume für Fische und Kleintiere.
Bis 2027 werde das Ruder nicht mehr herumgerissen, es gebe noch zu viele Missstände, sagt Uwe Bergdolt, Leiter des Referats Fließgewässerökologie der Landesanstalt für Umwelt (LUBW). Neben dem Klimawandel, der eine Spirale an Problemen mit sich bringe, nennt Bergdolt zwei weitere Hauptursachen, warum die Flüsse im Kreis keine guten Lebensräume sind.
Aus Abwasser kommen gefährliche Stoffe
Erstens sei in der Vergangenheit massiv auf Flussverläufe eingewirkt worden: Wegen der Schifffahrt, des Hochwasserschutzes, der Landwirtschaft und der Stromerzeugung wurden Flüsse umgeleitet oder begradigt. Kiesbeete, Laichplätze und verschiedene Fließformen gingen verloren – zum Nachteil der Fische.
Zweitens gebe es immer noch zu viele Nährstoffe in den Fließgewässern, die das Ökosystem und die Artenzusammensetzung durcheinanderwirbeln. Gefährliche Stoffe wie Phosphor würden jedoch nicht nur durch die Landwirtschaft eingetragen, sie kämen auch über das Abwasser aus den Haushalten.
Es geht bergauf, sagen Experten
Es gibt aber auch gute Nachrichten. Im Kreis Ludwigsburg sowie in ganz Baden-Württemberg gehen die Nährstoffeinträge zurück. Das liegt unter anderem an der Pflicht zu Gewässerrandstreifen für Landwirte sowie an besserer Technik in den Kläranlagen. Auch bei der Renaturierung der Fließgewässer gehe etwas voran, heißt es von der Landesanstalt für Umwelt und dem Naturschutzbund (Nabu). Die sogenannte Durchgängigkeit der Flüsse werde an vielen Orten wieder hergestellt, an nahezu allen Wehren an Enz, Metter und Kirbach wurden mittlerweile wichtige Umgehungsgerinnen für Fische gebaut.
Laut Uwe Bergdolt ist die Talsohle durchschritten, der ökologische Zustand der Flüsse sei nicht gut, verbessere sich aber immerhin langsam. Ein Artensterben im Kreis beobachtet die LUBW aktuell nicht, der Nabu Sachsenheim erkennt sogar eine Verbesserung der Bestände an Fischen und Kleinlebewesen in Enz, Metter und Kirbach.
Die Sorge der Vorstände des Angelsportvereins Bietigheim ist trotz allem groß. Auch weil sie bei ihren Aufräumaktionen an Metter und Enz immer wieder vor Augen geführt bekommen, wie die Menschen mit den Flüssen umgehen. „Es gibt nichts, was wir da noch nicht herausgefischt haben; vom Einkaufswagen bis zum Motorroller“, sagt Peter Reinhardt. Eines ist ihnen beim Blick in die Zukunft besonders wichtig: Es brauche ein besseres Umweltbewusstsein der Gesellschaft, denn jeder habe eine Verantwortung für Flüsse und Fische.