Gewässerschutz in Baden-Württemberg Fehlende Chemikalien erschweren Trinkwasserreinigung

Die Grenzwerte für Phosphor können in den Kläranlagen noch eingehalten werden – aber wie lange noch? Foto: dpa//Jan Woitas

Sogenannte Fällmittel, die Trübstoffe aus dem Wasser filtern, sind kaum noch zu bekommen. Auch Kläranlagen sind betroffen – es gelangt jetzt mehr Phosphor in die Flüsse. Das könnte gravierende Folgen haben.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Der Krieg in der Ukraine und dessen wirtschaftliche Folgen schlagen immer mehr unerwartete Kapriolen: Seit Wochen tun sich Trinkwasserversorger und Kläranlagen-Betreiber extrem schwer, genügend Fällmittel geliefert zu bekommen. Die Knappheit vor allem bei Eisensalzen hat gravierende Auswirkungen.

 

Die Landeswasserversorgung (LW), die in Baden-Württemberg drei Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt, musste bereits reagieren. Sie entnimmt normalerweise 1900 Liter pro Sekunde aus der Donau bei Ulm – die Fällmittel sorgen in der ersten von sechs Reinigungsstufen dafür, dass sich Schwebstoffe im Wasser an diese Eisenchloridsulfat-Lösung andocken und ausgefällt werden. Da jetzt der Nachschub stockt, musste die Entnahme aus der Donau auf 700 Liter pro Sekunde heruntergefahren werden.

Die Fällmittel sind eigentlich ein Abfallprodukt – das ist das Problem

Diese fehlende Wassermenge kann zwar durch Grundwasser, das nicht gereinigt werden muss, ausgeglichen werden. „Aber die Grundwasserstände sind sowieso seit langem unterdurchschnittlich“, sagt LW-Sprecher Bernhard Röhrle: „Es ist deshalb nicht gut, dass wir diese Bestände stärker als bisher nutzen müssen.“ Das Unternehmen benötigte bisher rund 3400 Tonnen Flüssigmaterial pro Jahr – derzeit erhalte man nur 45 Prozent der Menge, weil von mehreren Lieferanten nur einer übrig geblieben sei und weil sich selbst dieser erst nach harten Verhandlungen bereit erklärt habe, noch eine Teilmenge zu liefern. Der Preis sei von 160 Euro pro Tonne auf 260 Euro gestiegen, so Röhrle.

Dieser Lieferant ist das Unternehmen Kronos International mit zwei Standorten in Deutschland, einer von ihnen in Leverkusen. Der Leiter des Geschäftsbereichs Kronos Ecochem, Thomas Kühl, versucht, die sehr komplexe Lage zu erklären. Die Fällmittel, sagt er, seien eigentlich nur ein Nebenprodukt – zuvorderst produziere Kronos Titandioxid, das für die Herstellung von Lacken, Textilien oder Papier benötigt werde. Dabei entstünden jedoch Eisensalze, die für die Fällmittel verwendet werden. Die Produktion der genannten Waren sei aufgrund der globalen Krise, aber etwa auch aufgrund des Chipmangels in der Autoproduktion, deutlich zurückgegangen.

Zudem fehle mittlerweile in großem Stil Salzsäure, das ebenfalls zur Herstellung der Fällmittel benötigt werde. Auch wegen der hohen Energiepreise hat die chemische Industrie teilweise ihre Produktion gedrosselt. „Das ist also keine Frage des Preises, sondern es fehlen die Grundstoffe“, betont Kühl.

Es gelangt mehr Phosphor in die Flüsse

Auch in den Kläranlagen des Landes gibt es längst Probleme. Dort werden die Chemikalien dafür verwendet, den Phosphor aus dem Abwasser zu entfernen. Phosphor ist zwar nicht giftig, aber als zentraler Nährstoff fördert es die Algenproduktion in den Gewässern – die Flüsse könnten folglich überdüngt werden, mit allen negativen Folgen für Tiere und Pflanzen.

Matthias Schmid, der Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart, weiß um den Engpass. Viele der 900 Kläranlagen in Baden-Württemberg liefen deshalb mittlerweile im Streckbetrieb, sagt er. Sprich: Es werden weniger Fällmittel als normalerweise eingesetzt, damit die Vorräte möglichst lange reichen. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass wir damit weniger Phosphor als normal aus dem Abwasser entfernen können – ohne aber natürlich die Grenzwerte zu überschreiten“, so Schmid. Schon heute gelangen somit mehr Nährstoffe als üblich in die Flüsse. Im Winter sei dies nicht ganz so dramatisch, weil die Algen bei kälteren Temperaturen sowieso nicht so gut wüchsen, betont Stefan Bröker, der Sprecher der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Dennoch müsse man das Problem schnell in den Griff bekommen, denn laut einer Umfrage des Verbandes hat schon heute jede zweite Kläranlage in Deutschland Schwierigkeiten.

Einige Bundesländer dulden deshalb schon heute kurzzeitige Überschreitungen der Grenzwerte – normalerweise sind dafür hohe Strafzahlungen fällig, weshalb die Betreiber bisher immer einen Sicherheitspuffer eingebaut hatten und lieber etwas mehr Fällmittel verwendeten. Dieser Puffer wird nun immer kleiner.

Ein Ende des Engpasses ist noch nicht in Sicht

Beim Bund ist das Problem wohl mittlerweile erkannt worden; es gebe eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen der Wasserwirtschaft und der Politik, betont Bröker. Überlegt wird beispielsweise, ob man Salzsäure synthetisch herstellen könnte, was aber noch sehr teuer sei, oder ob man die Fällmittel-Erzeugung aus ihrer Zwangsrolle als Abfallprodukt löst und eine eigenständige Herstellungslinie aufbaut.

Auch Kronos International denkt in diese Richtung. Die Titandioxid-Produktion sei stark heruntergefahren, in beiden deutschen Werken gelte Kurzarbeit, betont Thomas Kühl – diese Anlagen wolle man deshalb nun zumindest vorübergehend nutzen, um Fällmittel direkt herzustellen. Die Hürden dafür sind aber hoch.

Wann die Engpässe enden könnten und in welcher Höhe sich der Preis für die Fällmittel einpendeln wird, da wagt derzeit niemand eine Prognose. Bei der Landeswasserversorgung reichen die Vorräte noch bis zum Jahresende, bei den baden-württembergischen Kläranlagen im Streckbetrieb noch wenige Wochen bis sechs Monate. Was danach kommt, weiß niemand.

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