Niedergelassene Ärzte rufen wegen zunehmender Gewalt von Patienten die Politik um Hilfe. Aggressives und forderndes Verhalten, Bedrohungen bis hin zu Tätlichkeiten hätten deutlich zugenommen, beklagt Andreas Gassen, der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Ich hatte selbst schon einen Patienten, der eine Tür kaputt getreten hat“, so Gassen, der in Düsseldorf in einer Gemeinschaftspraxis praktiziert, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.
In baden-württembergischen Praxen sieht es ähnlich aus. Laut Innenministerium ist die Zahl der gemeldeten körperlichen Angriffe auf Ärzte im Südwesten zwischen den Jahren 2017 und 2021 von 92 auf 140 gestiegen. Im vergangenen Jahr lag sie bei 128. „Das Gros der Straftaten sind dabei vorsätzliche leichte Körperverletzungen und Bedrohungen“, heißt es aus dem Ministerium.
Patienten bedrohen Ärzte und Mitarbeiter
Ein Hausarzt aus der Region Stuttgart beschreibt die Lage auf Anfrage unserer Zeitung so: „Die Haltung der Patienten ist häufig: Wir wünschen, Sie spielen!“ Würden die teils völlig überzogenen Erwartungen enttäuscht, also etwa die geforderten Medikamente nicht verschrieben oder eine Behandlung abgelehnt, seien Beschimpfungen und Bedrohungen an der Tagesordnung.
Erst kürzlich habe ihn ein Patient lautstark übelst beleidigt und seine Akten zur Mitnahme eingefordert, so der Allgemeinarzt: „Jeder hat das Recht, den Arzt zu wechseln.“ Verunglimpfen lassen, noch dazu vor anderen Patienten, müsse er sich aber nicht. Er habe den Patienten zur Rede gestellt. Einsichtig sei dieser jedoch nicht gewesen. „Bei Unzufriedenheit wird dann sofort gedroht: Ich mache Sie im Netz nieder.“
Gassen betonte, das schlechte Benehmen von Patienten sei „ein Nationen-übergreifendes Phänomen“. Die meisten Patienten und Ärzte pflegten ein „sehr vertrauensvolles Verhältnis“. Doch es gebe eine „kleine, leider aber größer werdende Klientel, die wirklich schwer erträglich ist“. Zu den „Übeltätern“ gehörten „Menschen mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge und Deutsche“.
Bislang habe „so ein asoziales Verhalten aber null Konsequenzen“. Deshalb müsse das Gesetz zum besseren Schutz von Einsatzkräften auf Arztpraxen ausgeweitet werden. „Ein erster Schritt sind harte Sanktionen gegen die Angreifer – Gewalt, nicht nur in Arztpraxen, ist durch nichts zu rechtfertigen“, bekräftigt auch Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) auf Anfrage unserer Zeitung.
Lauterbach kündigt Strafverschärfung an
Auch wenn nur eine Minderheit aggressiv sei: „Der Schutz der Praxisteams wird zu einem wichtigeren Thema“, sagt auch Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Deeskalation stehe daher im Mittelpunkt. „Leider nimmt der Egoismus zu“, ergänzt die Landesärztekammer Baden-Württemberg. Sie appelliert an Patienten und ihre Angehörigen, „sich an die Prozesse in den Praxen anzupassen“. Man arbeite dort „am Limit der Belastbarkeit“, um die medizinische Versorgung sicherzustellen.
Florian Wahl, SPD-Landtagsabgeordneter und Gesundheitsexperte, fordert Minister Lucha auf, „die Akteure des Gesundheitswesens zu einem Runden Tisch einzuladen“, um gemeinsam Strategien zu entwickeln: „Das darf man so nicht weiterlaufen lassen, da muss das Land aktiv werden.“
Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) will Schutzmaßnahmen prüfen. Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) reagierte: „Uns droht so schon ein ganz massiver Arztmangel, Praxen können nicht wieder besetzt werden.“ Man arbeite an einem Gesetz zur Strafverschärfung.