Frauenhaus in Ludwigsburg Warum die Immobilie noch freigehalten wird

Gewalt gegen Frauen ist alltäglich und endet immer wieder tödlich. Foto: dpa/Christophe Gateau

Der Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen hat mit seinem Kampf um Fördergeld für ein zweites Frauenhaus mittlerweile sogar schon überregionale Aufmerksamkeit erreicht. Warum hält der Eigentümer der Immobilie das Haus überhaupt noch frei?

Das Ringen um die Finanzierung eines zweiten Frauenhauses in Ludwigsburg ist überregional ins Blickfeld geraten. Für ein 15-seitiges Titelthema zum Thema „Tatort zuhause“ über häusliche Gewalt machte sich eine Redakteurin des Polit-Magazins „Focus“ auf den Weg zum Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen und nahm ihn als Beispiel dafür, wie groß die Kluft ist: zwischen der Theorie, für den Ausbau der Platzkapazitäten Fördergelder aus einem eigens aufgelegten Topf zu erhalten, und der Praxis, angesichts des labyrinthischen Verfahrens tatsächlich zum Zuge zu kommen.

 

Zwischen verzweifelt und hoffnungsvoll

Zur Erinnerung: Frauen für Frauen hofft seit März 2022 auf eine Finanzierungszusage für sein damals auf rund drei Millionen Euro geschätztes Vorhaben, eine Immobilie in ein Frauenhaus mit offenem Konzept umzubauen – mittlerweile sind die geschätzten Baukosten beträchtlich gestiegen. Aufgelegt hat das „Bundesinvestitionsprogramm Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ mit 120 Millionen Euro das Familienministerium in Berlin. Bearbeitet werden die Anträge im Auftrag des Ministeriums von der Bundesservicestelle „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen.“

„Wir wenden uns etwas verzweifelt und dennoch hoffnungsvoll an Sie“, schrieb der Verein Anfang Juni wieder einmal an Bundestagsabgeordnete des Landkreises Ludwigsburg. „Die Fakten sind bekannt, der Bedarf ebenso. Wir haben Mitte Mai alle Unterlagen, aktuelle Zahlen und einen aktualisierten Kostenplan, wie die Bundesservicestelle es von uns erneut gefordert hatte, fristgerecht und zum wiederholten Mal eingereicht und haben eine Bestätigung, dass alles, genau wie es die Bundesservicestelle für die Bearbeitung der Anträge benötigt, dort auch angekommen ist“, so Arezoo Shoaleh von Frauen für Frauen. „Wir bitten Sie, sich dafür einzusetzen und Ihr Möglichstes tun, damit unser Antrag rasch bewilligt wird. Sie setzen sich für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder ein, die wir täglich abweisen müssen.“

Warum aber wird die Immobilie in Ludwigsburg trotz der unsicheren Finanzierungssituation seit mehr als einem Jahr – und auch erst einmal weiterhin – freigehalten? Der Eigentümer, der angesichts der momentan ungeklärten Lage noch nicht namentlich genannt werden will, hält das zweite Frauenhaus für ein gesellschaftlich wichtiges Projekt und zieht überdies seinen Hut vor dem Einsatz des Trägervereins. „Respekt, mit welchem Engagement er sich dafür einsetzt. Das ist ein Engagement, das mich beeindruckt und das ich unglaublich schätze. Wir würden das Projekt gerne machen, mit guten Konditionen für den Verein“, sagt er.

Deshalb sei man auch gewillt, die Reservierung auch noch um eine gewisse Zeitspanne zu verlängern. Für die Immobilie, die ohnehin eine Kernsanierung nötig habe, hätte die geplante Nutzung auch den Vorteil, sie „als gesamtes Haus und für einen Zweck, mit dem man bei mir offene Türen einrennt, zu bespielen“. Andererseits: „Es herrscht Wohnungsnot. Wir können die Immobilie nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag leer stehen lassen.“ Über die Bedingungen des Familienministeriums für die Fördergeldbewilligung und die monatelangen Wartezeiten mit unklarem Ausgang ist der Eigentümer irritiert: „Wie kann man von einem Verein erwarten, dass er bei einem Vorhaben in diesem Kostenumfang mit Vorleistungen im sechsstelligen Bereich ins Risiko geht?“

Krasse Diskrepanz zwischen dem Ziel und dessen Erreichbarkeit

Momentan will er die Hoffnung noch nicht fahren lassen. „Ende Juni haben wir ein Gespräch mit dem Landratsamt und Frauen für Frauen, von dem ich mir auch einiges erhoffe“, sagt er. „Auch wenn das neue Frauenhaus in Ludwigsburg eröffnet werden soll, ist es doch für Frauen aus dem ganzen Landkreis gedacht.“ Eventuell könnten, wenn der Verein beim Bundes-Fördergeld leer ausgehe, mit dem Kreis, den Kreis-Kommunen und Crowdfunding Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden – „es wäre jammerschade, wenn das Projekt scheitern würde“.

Das fände auch Christiane Völz, Bundesvorsitzende der Frauenhauskoordinierung, in der sich die Wohlfahrtsverbände zusammengeschlossen haben, die Frauenhäuser tragen. Ludwigsburg sei ein Beispiel dafür, dass „eine gut gemeinte Förderrichtlinie so hochschwellig angesetzt wird, dass sie fast nicht genutzt werden kann“, sagt Völz. Sie kenne etliche dieser Fälle. Die meisten Träger von Frauenhäusern seien kleine Vereine. Sozialpädagoginnen seien aber keine Baurechtlerinnen und Antragsprofis. Und sie müssten solche Projekte zu ihren zusätzlichen Aufgaben stemmen. Zugespitzt formuliert sei es auch eine Form von struktureller Gewalt, wenn man öffentlichkeitswirksam ein Förderprogramm ins Leben rufe, das so hohe Hürden berge, dass man sich fragen müsse: „Wie ernst meint Ihr das denn?“

Die Pressestelle des Familienministeriums ließ eine Anfrage, wie es aktuell um den Ludwigsburger Antrag bestellt ist, seit Montag vergangener Woche unbeantwortet.

Gewalt in den eigenen vier Wänden

Frauen für Frauen
Der Ludwigsburger Verein ist Träger eines aus Sicherheitsgründen anonymen Frauenhauses, bietet Fachberatungen für Opfer von häuslicher und von sexualisierter Gewalt, berät und unterstützt in Kooperation mit der Polizei nach einem polizeilichen Platzverweis, hat Gruppenangebote für Kinder, die von häuslicher Gewalt mitbetroffen sind, und bietet Gewaltpräventionsprojekte.

Schutz für Opfer
Im Frauenhaus gibt es zehn Zimmer für 19 Personen – in einem 550 000-Einwohner-Landkreis. Frauen für Frauen will daher einen zweiten Standort mit einem offenen Konzept eröffnen – mit fünf bis sechs Appartements mit Platz für zehn bis 15 Frauen und Kinder. Sie sollen für Frauen zur Verfügung stehen, die Schutz, aber keine Anonymität brauchen.

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