Gewalt gegen Polizisten „Die Kollegen kriegen den Frust dann ab“

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Was dazu geführt hat, dass die Umgangsformen so rüde geworden sind, bleibt dabei unergründet. „In Deutschland gibt es Studien über die Größe von Sektbläschen. Aber warum die Polizei diese Probleme hat, das erforscht keiner. Ich würde mir wünschen, es würde sich mal ein Soziologe hinsetzen und das Phänomen untersuchen“, sagt Rüdiger Seidenspinner (52), der Chef der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg. Eine Theorie hat er schon parat, um zu erklären, was schiefläuft. „Ich glaube, dass immer mehr Menschen unzufrieden sind in unserer Gesellschaft“, sagt er. Diese Unzufriedenheit führe zu Groll auf den Staat und Zweifeln an der Gerechtigkeit des Systems. Der Vertreter des Staates, der dem unzufriedenen Bürger in Stresssituationen gegenübertritt, sei der Polizeibeamte. „Und die Kollegen kriegen den Frust dann ab“, folgert Seidenspinner.

Inzwischen seien das nicht mehr nur Beleidigungen – wobei die Verunglimpfung „Bulle“ seit Jahren nicht mehr zu einer Anzeige führt, die Reizschwelle ist höher geworden. Oft endet das Nichtakzeptieren der staatlichen Autorität in gewaltsamen Übergriffen. Nasenbeinbrüche, gebrochene Finger und Sehnenabrisse erleiden Beamte im Einsatz, die Stuttgarter Polizei verzeichnete im Jahr 2012 zwei versuchte Tötungsdelikte gegen Polizisten.

Der Historiker spricht von Überkompensation

„Wenn was dran ist an der These vom schwindenden Respekt, dann ist es nicht nur gegenüber Amtsträgern so, sondern allgemein in der Gesellschaft“, sagt Paul Nolte. Er ist kein Soziologe, sondern Professor für Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin. Mit wertkonservativer Grundhaltung beobachtet er, wie sich die Umgangsformen in der Gesellschaft wandeln – und überträgt die Erkenntnisse auf den Umgang mit Autoritäten. Nolte zieht eine Analyse der allerjüngsten Geschichte Deutschlands als Erklärung heran.

In den Jahren der Studentenbewegung sieht Paul Nolte den Anfang der Entwicklung. Die Ablehnung der Autoritäten, die bei einigen in Häme, bei manchen in Aggressivität umschlug, sei damals „wichtig und befreiend“ gewesen, ein Sich-Wehren gegen die „allzu ehrfürchtige Anbetung“ der Obrigkeit. Nolte geht noch ein paar Jahrzehnte zurück in der Geschichte, um herauszuarbeiten, warum es wohl ein typisch deutsches Phänomen geworden ist, Autorität zu untergraben. Angesichts des deutschen Wegs vom repressiven Kaiserreich über das Scheitern der Weimarer Republik in die Nazidiktatur habe die 68er-Generation „eine Art Überkompensation“ der deutschen Autoritätshörigkeit ausgelebt, die bis heute weiterwirke. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist es laut Nolte, dass es den Deutschen schwerfalle, zwischen Überwindung von Untertanengeist und Anerkennung der Leistung der Einsatzkräfte zu unterscheiden. „Dabei ist es doch nicht undemokratisch, Respekt zu haben vor jemandem, der Uniform trägt. Ich habe in den USA gelebt, dort kriegt man das hin“, sagt der 49-jährige Historiker. Genau darin aber sieht er den Mangel an Respekt begründet: „Wir Deutschen haben Schwierigkeiten, Staatsorgane als demokratisch anzuerkennen.“

Das Verhältnis zur Obrigkeit allein macht Nolte nicht verantwortlich für den Rückgang der gegenseitigen Achtung. In den Jahren des Studentenprotests habe zudem etwas eingesetzt, was der Fachjargon als „Informalisierung“ der Gesellschaft bezeichnet. Anredeformen schmolzen vom „Sehr geehrter Herr Professor“ zum „Hallo“. „Anredemechanismen“ aber, so Nolte, seien „für den Respekt ganz wichtig“.