Gewalt gegen Polizisten „Mit Worten komme ich nicht mehr weit“

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Polizeibeamte erleben in der Praxis, was das bedeutet. „Man wird nicht nur gleich geduzt. Kaum einer hält mehr den Mindestabstand von etwa 60 Zentimetern ein. Wenn jemand sauer ist, rückt er einem auf 20 Zentimeter auf die Pelle und schreit einem ins Gesicht“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar Ralf Perrey, stellvertretender Leiter des Polizeireviers Wolframstraße in Stuttgart. „Die erste Maßnahme ist immer das Reden“, sagt Perrey, der unter anderem bei knapp 200 Stuttgart-21-Einsätzen dabei war. „Aber wenn jemand gleich schreit, komme ich mit Worten nicht mehr weit“, sagt der 49-Jährige.

Dass sich etwas verändert hat, die Grenzen nicht mehr klar sind, beobachten Perrey und seine Kollegen seit Jahren. Im Gegensatz zum Wissenschaftler Paul Nolte gehen sie aber nicht so weit in die Geschichte zurück. Der Erste Polizeihauptkommissar Robert Vucenovic, Dienstgruppenleiter im Stuttgarter Revier Hauptstätter Straße, ist seit 1980 bei der Polizei. In den Jahren 1983 bis 1994 war er zum ersten Mal im Bereich Innenstadt tätig. Damals habe er keine wesentliche Verschlechterung wahrgenommen. „Aber in den zurückliegenden zehn Jahren sehe ich das sehr deutlich“, sagt er. Für sein Revier, dass auch für die Partymeile an der Theodor-Heuss-Straße zuständig ist, setzt er den Wendepunkt im Jahr 2006 an. So schön das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft auch gewesen sei, „damals begann dieses Event-Denken“, meint Vucenovic. Sein Kollege Perrey will erste Anzeichen davon bereits 2002 erkannt haben, als zum ersten Mal das Massenphänomen Autokorso in deutschen Städten beim Feiern von WM-Fußballerfolgen zu erleben war. „Auch früher gab es Probleme, wenn wir als Polizei auftauchten. Wenn wir kommen, stören wir halt“, sagt Vucenovic. Seitdem aber die Innenstadt von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen fest in der Hand der Partyszene sei, mache sich eine Hemmungslosigkeit breit, über die man manchmal nicht mal mehr staunen könne.

Feiern ohne Limit bis in die Morgenstunden

„Wobei eins klar ist: weit mehr als 90 Prozent der Leute, die da feiern, sind anständig und friedlich“, sagt Vucenovic. Doch die wenigen Spielverderber in der Masse der fröhlich Feiernden gebe es eben auch, und sie seien das Problem. „Das Verhalten können wir nicht ändern. Es wird zu viel Gelegenheit gegeben, über die Stränge zu schlagen“, meint der 52 -jährige Beamte. Das Feiern ohne Limit bis in die frühen Morgenstunden fördere auch ein Verhalten, das keine Grenzen mehr anerkenne. „In einem Nachtdienst am Wochenende haben wir im Schnitt vier Fälle von Widerstand gegen unsere Kollegen. Das haben Dienstgruppen außerhalb von Stuttgart im ganzen Jahr nicht“, sagt Vucenovic. „Die Regeln sind aufgeweicht“, so fasst Martin Kopp das zusammen, was seine Kollegen aus den harten Nachteinsätzen an Geschichten und Erlebnissen mitbringen. Kopp ist Konfliktberater in der Koordinierungsstelle Mitarbeiterberatung des Stuttgarter Polizeipräsidiums.

Auch dieser Erklärungsansatz greift nach Ansicht von Ralf Perrey nicht weit genug. Es sind nicht nur alkoholisierte junge Flegel, die Polizisten anpöbeln. Völlig nüchterne, bürgerliche Zeitgenossen legten ebenso ein schwindendes Verständnis für polizeiliches Einschreiten an den Tag. „Stellen Sie sich vor, da kommt man nachts um halb vier zu einem Haus, weil ein Einbruch gemeldet wird, und stellt den Streifenwagen schnell ab. Dann geht gegenüber ein Fenster auf und jemand schreit herunter: ,Da ist Parkverbot!‘ In der Situation kann man nun wirklich nicht mehr diskutieren“, sagt der stellvertretende Revierleiter. Ein solches Verhalten habe ihm bisher noch niemand erklären können.