Amateurfußball in der Region Stuttgart Jagdszenen auf dem Fußballplatz

Starker Ordner, hehrer Grundsatz: Doch das hilft nicht immer. Fast 70 Amateurkicks in Württemberg waren vorige Saison so gewalttätig, dass sie abgebrochen wurden. Foto: Avanti

Schimpfen, schlagen, jagen: Mit dem Sportsgeist scheint es bei Spielen im Amateurfußball in der Region Stuttgart nicht weit her zu sein. Tumulte und Polizeieinsätze sind dort keine Seltenheit. Ist es wirklich so schlimm?

Region: Verena Mayer (ena)

Der eigentliche Kampf fand an jenem Sonntag im Mai nach Abpfiff statt: Fans des Fußballvereins AKV Ludwigsburg stürmen den Platz, es gibt Streit, ein Gegenspieler fängt eine Ohrfeige. Der Streit eskaliert, Ordner, Schiedsrichter und Zuschauer können nichts ausrichten, am Ende rückt die Polizei mit acht Mann an.

 

Verrückt, mag das nicht fußballaffine Publikum denken. Tatsächlich aber ist das gar nicht so verrückt. Anhänger, die auf gegnerische Spieler losgehen – das kommt im Amateurfußball regelmäßig vor. Kicker, die nicht nur nach dem Ball treten – selten ist das nicht. Schiedsrichter, die attackiert und übel beschimpft werden – gehört fast schon zum Alltag. „Es gibt eine wirklich brutale Unzufriedenheit“, sagt Horst-Walter Schaefer. Genauso gut könnte er sagen: Es gibt eine brutale Brutalität.

Flucht vor dem Mob

Horst-Walter Schaefer ist Vorsitzender des Bezirkssportgerichts Enz-Murr, jenem Bezirk, in dem der fragliche AKV Ludwigsburg seine Heimat hat. Und einem der größten Bezirke im Württembergischen Fußballverband (WFV). Seinem Sportgericht sitzt Schaefer seit acht Jahren vor. Er erinnert sich noch gut an die erste Attacke, die er erlebte: Ein Spieler verfolgte mit einer Glasflasche den Schiedsrichter, der sich in die Kabine retten konnte.

„Ui, was ist denn hier los?“, wunderte sich Schäfer damals. Längst weiß er: Mit Harmonie bei Amateurkicks sollte man besser nicht rechnen. 500 Verfahren zählt sein Sportgericht für die vergangene Saison bei den aktiven Mannschaften. 84 Mal waren Spieler dabei wegen „unsportlichen Verhaltens“ angeklagt, 78 Mal wurde eine „Tätlichkeit“ verhandelt, und 49 Mal mussten sich Trainer, Eltern oder die Vereine wegen „sportwidrigen Verhaltens“ verantworten.

Heftige Fälle, geringe Zahlen

Dieses Problem hat die Bezirksliga Enz-Murr nicht exklusiv. Man denke an Isa Boletini aus Sindelfingen, dessen Spieler, Anhänger und Verantwortliche 2019 derart einen Schiedsrichter angegangen sind, dass er verletzt und in Sicherheit gebracht werden musste. Oder an die SpVgg Holzgerlingen, deren A-Jugend-Spiel Ende Juni gegen den Göppinger SV mit roten Karten, Beleidigungen, Platzsturm und mehreren Leichtverletzten so aus dem Ruder lief, dass der Schiedsrichter das Spiel abbrach. Und in Fellbach hat 2019 ein 50-Jähriger einen Schiedsrichter so drangsaliert, dass er sich wegen Körperverletzung verantworten musste. Besonders krass: Der Schiedsrichter in diesem Fall war 14 und hatte bei einem Hallenfußballturnier der E-Jugend gepfiffen.

Natürlich kennt der WFV diese Vorfälle, und natürlich gefallen sie ihm nicht. Was dem Verband allerdings auch nicht gefällt: Dass der öffentliche Eindruck und die Realität wenig miteinander gemein haben. Die druckfrische Statistik für die vergangene Spielzeit führt exakt 112 284 Spiele auf – bei 196 davon wurden „massive Gewaltvorfälle“ gezählt, und 67 mussten wegen eines Gewaltvorfalls abgebrochen werden. Das entspricht deutlich weniger als einem Prozent gewalttätiger Spiele. „Durch Zahlen lässt sich das subjektive Empfinden nicht belegen“, sagt deshalb Phil Martens.

Viel Arbeit für den Verband

Martens ist beim WFV zuständig für die Fälle von Gewalt und Diskriminierung. Damit es möglichst immer weniger werden, hat sich der Verband einiges einfallen lassen. Unter anderem gibt es „Coolness-Trainings“, in denen alle Beteiligten lernen können, einen drohenden Konflikt rasch zu beenden. Für auffällige Akteure ist die Teilnahme verpflichtend. Mit Sachpreisen, auch das eine Maßnahme zur Mäßigung, sollen Spieler zum Fair Play motiviert werden. Und für Kicks mit erhöhtem Risiko stellt der WFV eine Aufsicht, um Konflikte im Keim zu ersticken. „Aber natürlich“, auch das sagt der Experte, „ist jeder Fall einer zu viel.“

Und auffallend, da sind sich alle einig, ist nicht unbedingt die Zahl der Vorfälle, sondern vor allem ihre Heftigkeit.

Schiris im Streik

Im Frühjahr hat die bundesweit aktive IG Schiedsrichter alle Unparteiischen im Amateurfußball deshalb zu einem Streik aufgerufen: Am 15. Mai sollten keine Spiele gepfiffen werden. Der WFV hat das nicht unterstützt. Weil man bereits viel tue, um Gewalt zu unterbinden.

Ohnehin, zeigt ein Blick nach Heilbronn, erscheint der Erfolg eines Boykotts fraglich. Dort haben sich Schiedsrichter vorigen Winter geweigert, bei drei Vereinen zu pfeifen, ihre Spiele bis Jahresende wurden abgesetzt. Eine spürbare Veränderung habe sich jedoch nicht eingestellt, sagt Lorenz Gleißner von der hiesigen Schiedsrichtergruppe. Ein Verein fiel rasch wieder negativ auf. Inzwischen sei man schon froh, wenn die Situation auf dem Rasen nicht schlimmer werde.

Auf Umwegen zum Ziel?

Womöglich aber kommt es trotzdem wieder zu Schiri-Absagen – und womöglich bewirken die etwas. Weil es immer schwieriger wird, Nachwuchs zu gewinnen, wird es auch immer schwieriger, alle Spiele zu besetzen.

In Heilbronn etwa können in der kommenden Saison nicht mal alle Herrenspiele in der Kreisliga B besetzt werden, sagt Lorenz Gleißner. In solchen Fällen müsse dann jemand aus dem Verein pfeifen. Und vielleicht, hofft Gleißner, erkennen die Leute den Wert eines Unparteiischen, wenn ein Parteiischer auf dem Platz steht.

Der AKV Ludwigsburg, jener Verein, der im Mai so negativ auffiel, muss die ersten fünf Heimspiele der kommenden Saison übrigens ohne Zuschauer bestreiten. Horst-Walter Schaefer vom Bezirkssportgericht, der das Urteil samt Geldbuße verhängt hat, spricht von einer harten Strafe. So viele Geisterspiele habe sein Gericht noch nie angeordnet – und jetzt auch nur, weil der Verein ein Wiederholungstäter sei.

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