Gewalt im Iran Wie ein Augenzeuge aus dem Raum Stuttgart die Proteste in Teheran erlebt
Das Regime im Iran verhindert, dass Informationen zum Protest außer Landes gelangen. Dank Augenzeugen geschieht dies doch – einer kommt aus dem Raum Stuttgart.
Das Regime im Iran verhindert, dass Informationen zum Protest außer Landes gelangen. Dank Augenzeugen geschieht dies doch – einer kommt aus dem Raum Stuttgart.
Während die Welt die Gewalt im Iran gebannt von Handy- und Fernsehbildschirmen aus verfolgt, war Amir, ganz nah dran am Geschehen. Der junge Mann, Ende zwanzig, der in Wahrheit anders heißt, aus der Region Stuttgart kommt und seinen echten Namen aus Angst vor Repressionen seiner Familie durch das Mullah-Regime nicht in der Zeitung lesen will, berichtet davon, wie brutal, rücksichtslos und mit welchen perfiden Methoden die Regierung gegen den landesweiten Protest vorgeht, der Millionen Menschen mobilisiert. Amir war vergangene Woche in den Iran gereist.
In Zeiten des Internetlockdowns sind es Menschen wie Amir, die Einblicke in ein womöglich angezähltes System liefern, das sich offenbar nur noch mit Gewalt zu helfen weiß. Seine Schilderungen liefern eine Ahnung davon, wie Menschen den Alltag in der autoritären Theokratie erleben, die mit aller Macht gegen Demonstrierende vorgeht. Mit seinem Verhalten begibt er sich in Gefahr, denn das Regime hat das Internet abgestellt, um zu verhindern, dass sich der Protest organisiert und um zu verhindern, dass Informationen außer Landes gelangen.
Amir erlebte ein verändertes Teheran. „Die Wirtschaftskrise ist überall spürbar“, sagt er. Vor allem tagsüber, wenn man die sonst sehr belebten Geschäfte in Millionenmetropole besuche – der sonst überlaufene Basar habe derzeit geschlossen. „Es kommt vor, dass dir eine Händler die Hand küsst, wenn du etwas im Laden kaufst – weil du vielleicht der erste Kunde an diesem Tag warst“, sagt Amir. Die Preise seien explodiert, ganz alltägliche Dinge wie Bratöl hätten ihre Preise innerhalb kürzester Zeit verdreifacht, „die Menschen wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen“.
Damit beschreibt Amir die Gründe der aktuellen Proteste, an denen sich, anders als zuvor, auch Arbeiter und die Landbevölkerung beteiligten. „Bei den Demos in den vergangenen Jahren gingen meistens nur bestimmte Schichten auf die Straße“, sagt Amir – so seien es im Fall der mutmaßlich durch Sittenwächter getöteten Jina Mahsa Amini vor allem junge und progressive Menschen gewesen, die ihre Stimme erhoben hätten. Nun würden alle geschlossen aufbegehren.
Richtig gespenstisch werde es in Teheran aber erst zur Abendzeit. Zusätzlich zum während seines Iran-Aufenthalts ohnehin abgestellten Internets lege das Regime in Teheran auch den Mobilfunk lahm. Zumindest für die Zivilbevölkerung. „Die Revolutionsgarden versenden dann SMS in denen zum Beispiel sinngemäß steht: Eltern, wenn eure Kinder heute rausgehen, können wir nicht dafür garantieren, dass sie lebend zurückkommen.“ Einschüchterungen der übelsten Art.
Übermäßig beeindrucken lassen sich viele Menschen im Iran davon nicht. Amir sei nicht jeden Tag bei Demos dabeigewesen und manchmal auch nur kurz – in Lebensgefahr bringen wollte er sich nicht. Als er dort war, habe er sich bisweilen an die Coronazeit in Deutschland erinnert gefühlt, wenn die Demonstrierenden ihre Gesichter hinter Atemschutzmasken verbergen würden, um den Blicken und Kameras der Behörden zu entgehen.
Was auf der anderen Seite auf den Straßen stehe, habe nichts mit Demos oder Kundgebungen zu tun, wie man sie aus Deutschland kennt. „Da sind nicht einfach Demonstrierende auf der einen und Polizei auf der anderen Seite“, sagt Amir. Das Regime werfe dem Protest fast alles entgegen, was es aufbieten kann.
„Neben der normalen Polizei sind da die Revolutionsgarden und die Sittenwächter“, sagt Amir. Aber besonders brutal gingen die Teile der Revolutionsgarden vor, die vermummt auftreten und von denen allgemein bekannt sei, dass es Kämpfer aus dem Ausland seien. Aus den Reihen von Verbündeten des Iran, von Terrororganisationen wie der Hisbollah bis zu Getreuen des gestürzten syrischen Diktators Baschar al-Assad. „Wahrscheinlich setzt das Regime sie ein, weil es glaubt, dass sie weniger Skrupel haben, gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen.“
Und dann seien da noch die sogenannten Basidsch-Einsatzkräfte, die überhaupt nicht uniformiert seien, aber von den Behörden bewaffnet würden. Es seien Nutznießer des Systems, gewissermaßen eine Freiwilligenmiliz, die ebenfalls besonders skrupellos gegen die Protestierenden vorgehe.
Wenn die beiden Gruppen dann aufeinanderprallten, breche tagtäglich das Chaos auf den Straßen aus. Die Gassen würden in einen Nebel aus Tränengas gehüllt, „es fallen Schüsse“. Wie häufig scharf geschossen wird, wisse Amir nicht, „ehrlich: das kann ich am Klang nicht erkennen“. Aber dass auch mit Plastikgeschossen auf Köpfe gezielt werde, was ebenfalls tödlich enden kann, das habe er selbst beobachten können.
Dass die Auseinandersetzungen vor allem für viele Demonstranten tödlich enden, ist kein Geheimnis. Menschenrechtsorganisationen wie Iran Human Rights (IHRNGO) sprechen von mehreren tausend Toten, es gibt auch Quellen, die die Todeszahlen auf 12 000 oder sogar 20 000 schätzen. „Wenn man mit den Leuten in Teheran spricht, gibt es kaum jemanden, der niemanden verloren hat, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder im Arbeitsumfeld“, sagt Amir. Dass die Kommunikationsmittel zusätzlich derart eingeschränkt seien, erzeuge ein Klima des Terrors; wenn jemand nicht nachhause kommt und es keine Möglichkeit gibt, sich über den Verbleib der Liebsten zu informieren.
Aber wie organisieren sich die Menschen ohne Internet und Telekommunikation überhaupt für die Demos? Eine entscheidende Rolle spiele dabei der „Kronprinz“ Reza Pahlavi, Sohn des Schahs, der während der islamischen Revolution 1979 ins Exil flüchtete. „Neben dem Staatsfernsehen, das für Propaganda genutzt wird, können wir über Satellitenschüsseln, wie sie das Stadtbild in Teheran noch heute prägen, auch iranische Auslandssender empfangen“, sagt Amir. Über die sei dann immerhin zu erfahren, wann Pahlavi zum Protest aufrufe – und Millionen Iraner folgten seinem Ruf.
Amir selbst ist nicht unbedingt ein Fan von Monarchien. Aber er erkennt an, dass er bei den aktuellen Protesten als Galionsfigur fungiere und ohne ihn ein möglicher Regimesturz wohl nicht denkbar wäre. „Rufe nach dem Schah sind bei den Demos sogar von Leuten zu hören, die ihn gar nicht unterstützen – ein bisschen als Provokation“, sagt Amir.
Was Amir erzählt, deckt sich mit dem, was auch andere Augenzeugen berichteten, die den Iran in den letzten Wochen verlassen hatten. Von „Kopfschüssen aus nächster Nähe“ ist da die Rede. Laut Medienberichten ist es auch vorgekommen, dass Angehörige von bei Protesten Getöteten Dokumente mit falschen Todesursachen unterschreiben mussten, um sie beisetzen zu können.
Die eingeschränkte Kommunikation belastet auch andere Diaspora-Iraner. Mersehde Ghazaei etwa, die Linken-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März, bangt aktuell um Familienangehörige. Ein Familienmitglied befinde sich in Haft, ein anderes werde vermisst, sagte sie unserer Zeitung. Viele Iraner in Deutschland hätten zwar ähnliche Geschichten zu erzählen, wollen aber nicht mit Medien sprechen; zu groß die Sorge, dass die Spitzel der Revolutionsgarden, von denen laut Bundesverfassungsschutz 2023 mindestens 160 in Deutschland aktiv gewesen sein sollen, Wind davon kriegen und die Familien in der Heimat bestraft werden könnten.
Amir ist vor wenigen Tagen nach einer komplizierten Ausreise in die Region Stuttgart zurückgekehrt. Details dazu will er nicht preisgeben, allerdings sei es selbst über iranische Airlines kaum noch möglich, das Land auf dem Luftweg zu verlassen. Es geht ihm schlecht. Denn Kommunikation mit der Familie, die gibt es nicht mehr.