Jugendspiel in Stuttgart Prügelei, Sachbeschädigung, Polizei – Vereine machen sich gegenseitig Vorwürfe

Die Partie zwischen dem SV Rot und der SGM Max-Eyth-See/Steinhaldenfeld wurde von einem Gewaltvorfall überschattet. Foto: imago/7aktuell

Rund um eine A-Junioren-Partie in Stuttgart-Rot eskaliert das Geschehen. Beide beteiligten Vereine beschuldigen sich gegenseitig. Hat eine Seite gedroht: „Ich stech’ euch ab“?

Sport: Dominik Grill (grd)

Eine Prügelei mit mehreren Verletzten, ein beschädigtes Auto, die Polizei mit Blaulicht-Einsatz vor Ort – das sind die unrühmlichen Eckdaten rund um ein Jugendfußballspiel vom vergangenen Samstag in Stuttgart-Rot. Nach Abpfiff der A-Junioren-Partie (Spieler im Alter von meist 17 bis 19 Jahren) zwischen dem SV Rot und der Spielgemeinschaft Max-Eyth-See/Steinhaldenfeld kam es zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit laut Polizeiangaben 20 bis 25 Beteiligten. Mehrere Personen sollen sich Blessuren zugezogen haben. Von Seiten beider Vereine ist indes von einer deutlich niedrigeren Zahl Beteiligter die Rede, nämlich nur rund zehn.

 

Was genau ist passiert? Einigkeit herrscht noch bis dahin, dass es bereits während der Partie hitzig zugegangen ist. Insbesondere in der zweiten Hälfte soll das Spiel von Nickligkeiten, Beleidigungen und Fouls geprägt gewesen sein – ehe das Geschehen rund 20 Minuten nach der Begegnung auf der Straße vor dem Sportgelände eskalierte. Hierzu wiederum gehen die Darstellungen überhaupt weit auseinander, vor allem zwischen den Clubs. Als die von einem Zeugen verständigte Polizei eintraf, war von den Streithähnen bereits niemand mehr vor Ort. Für die Ordnungshüter gilt es nun also, ein schwieriges Puzzle zusammenzufügen.

Habibe Ay Bilgic, Jugendleiterin beim SV Rot, war zwar nicht zugegen, als die Fäuste flogen, erlebte aber das Spiel und die Minuten direkt nach dem Abpfiff mit. So sei schon während des Spiels einer ihrer Kicker von einem Zuschauer, der auf den Platz gerannt sei, körperlich attackiert worden, ohne Einschreiten des Schiedsrichters – später dann sollen der Täter, dessen Familie und Spieler von Max-Eyth-See/Steinhaldenfeld vor der Umkleidekabine des SV Rot gewartet haben. „Wir haben die Türen von innen abgeschlossen, damit keiner reinkommt“, sagt Ay Bilgic. Gleichzeitig sollte niemand die Kabine verlassen – einerseits zum eigenen Schutz, andererseits ist sie sich auch sicher: „Hätte ich unsere Jungs rausgelassen, wäre das eine Massenschlägerei geworden – man kennt ja auch die eigenen Kids.“

Für einen der Spieler sei indes eine Ausnahme gemacht worden. Laut der Stellungnahme des SV Rot, die unserer Zeitung vorliegt, wurde dieser anschließend auf dem Heimweg von der dem Gegner zugehörigen Gruppe angegriffen. Unter anderem sei der Spieler mehrfach mit dem Kopf gegen ein parkendes Auto gestoßen worden. Erst durch das Eingreifen eines Unbeteiligten und durch die herannahenden Polizeikräfte hätten die Täter von dem Spieler abgelassen. Dessen „gesetzliche Vertreter“ haben laut Verein mittlerweile Anzeige erstattet.

Prügelei samt eines beschädigten Autos in Stuttgart-Rot

So weit die Gastgeber-Version – welcher die SGM Max-Eyth-See/Steinhaldenfeld in einer eigenen Stellungnahme widerspricht. In jener heißt es: Einem eigenen Zuschauer und dessen Familie, die auf dem Heimweg waren, habe sich vielmehr eine Dreiergruppe des SV Rot, einschließlich eines Spielers, entgegengestellt. Zwei weitere Personen seien schließlich hinzugekommen. Zur Eskalation sei es gekommen, als aus der Roter Gruppe der Satz „Ich stech’ euch ab“ gefallen sei. Daraufhin habe der Vater aus der Gruppe der Gästemannschaft zwei Personen gegen die Motorhaube eines parkenden Autos gedrückt – im Anschluss sei es zu einer Prügelei gekommen. Der Verein stellt seinerseits klar: Der erste Impuls sei von einem Spieler des SV Rot und dessen Begleitern ausgegangen, nicht umgekehrt.

Unabhängig von den Schilderungen beider Vereine bestätigt die Polizei, dass im Zuge der Auseinandersetzung ein Auto leicht beschädigt wurde – wie genau der Schaden zustande kam, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Sportrechtliche Konsequenzen haben die Beteiligten und ihre Vereine Stand jetzt nicht zu befürchten. „Der Vorfall fand nach Abpfiff des Spiels statt, und uns liegt keine Anzeige eines Vereins vor“, sagt Michael Spörer, der Vorsitzenden des Fußballbezirks Stuttgart/Böblingen.

Nimmt die Gewalt im Jugendfußball zu?

In Zeiten einer in der Gesellschaft steigenden Konfliktbereitschaft stellt sich aber auch im Fußball die Frage: Nimmt die Gewalt, insbesondere im Jugendbereich, zu? Der Bezirksjugendleiter Christian Bauer kann anhand seiner persönlichen Erfahrung zumindest keinen Trend feststellen. „Es gibt nun mal die öffentlich bekannten Einzelfälle, in denen ein Spiel hochkocht und es zu Gewalt kommt. Aber ich selbst habe nicht den Eindruck, dass diese Vorfälle überdurchschnittlich zunehmen“, sagt Bauer. Freilich, jeder Einzelfall sei einer zu viel, „und wir tun alles in unser Macht Stehende, diese Fälle zu reduzieren“. Unter anderem Social Media und die dadurch gestiegenen Aufmerksamkeit für bestimmte Ereignisse verzerrten aber auch das Bild.

Generell steht für Bauer zum Thema Gewalt und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft fest: „Darauf muss unser Verband reagieren, und das tun wir auch.“ Neben Platzaufsichten bei Risikospielen mit vermutetem Konfliktpotenzial wurde im Bezirk schon vor längerem eine spezielle Präventions- respektive Strafmaßnahme eingeführt. „Übersteigt ein Vorfall das übliche Maß, müssen die Beteiligten zusammen mit Sozialarbeitern Deeskalationsstrategien erlernen“, erläutert Bauer. Heißt: Vom Sportgericht Verurteilte haben an einem entsprechenden Kurs teilzunehmen. So lange sie das nicht getan haben, dürfen sie nicht mehr spielen.

Einen Ausschluss von Spielern aus den Vereinen sähe Bauer nur als letztes Mittel. Seine Einschätzung: „Natürlich gibt es für alles Grenzen. Aber die Jungs und Mädels vorschnell fallen zu lassen, könnte alles noch schlimmer machen.“

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