Gewalt im Stadion Sicherheitsgipfel ohne Fanvertreter

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Bengalisches Feuer, Prügeleien und Gegenstände auf dem Spielfeld: Am Dienstag diskutieren der Innenminister, Vereine und Verbände über Gewalt und Pyrotechnik im Fußballstadion – allerdings ohne Fanvertreter. Die beklagen eine einseitige Kommunikation.

Solche Bilder sollen in Zukunft verhindert werden. Foto: dpa
Solche Bilder sollen in Zukunft verhindert werden. Foto: dpa

Stuttgart - Die Fans werden auf der anderen Seite der Budapester Straße zu finden sein. Während im Hotel Intercontinental in Berlin die Vertreter der Politik und des Fußballs über die Situation in selbigem sprechen und mögliche Maßnahmen gegen Gewalt und Pyrotechnik diskutieren, werden die Fanvertreter der Organisationen Pro Fans und der IG Unsere Kurve in der gleichen Straße knapp 200 Meter weiter im Hotel Palace Stellung beziehen und dort ihre Sicht der Dinge darstellen.

So nah und doch so fern.

Die, um die es geht, und deren Interessenvertreter sind bei der Problemlösung außen vor. Und das, obwohl in der im November ins Leben gerufenen Task-Force Sicherheit doch immerhin fünf Vertreter der Fans sitzen. Die müssen nun beim Gipfelgespräch draußen bleiben. Übereinander sprechen statt miteinander? Monolog statt Dialog? Zumindest hat sich in der Szene der Eindruck durchgesetzt, dass die Kommunikation eine Einbahnstraße ist. „So gut es ist, dass dort die wichtigsten Vertreter der Clubs an den Tisch kommen, es fehlen aber die Experten, die tagtäglich die Arbeit vor Ort verrichten. Wie auch Vertreter der Fankultur fehlen“, sagt etwa Michael Gabriel von der Koordinationsstelle für Fanprojekte, die für die bundesweiten Fanprojekte vor Ort verantwortlich ist.

Nach Lösungen werden unter dem Motto „Für Fußball. Gegen Gewalt.“ am Dienstag beim dritten Sicherheitsgipfel binnen 27 Monaten also allein Vertreter der 54 Proficlubs, des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) suchen. Die Politik will die Vereine stärker in die Pflicht nehmen. Der Ligapräsident Reinhard Rauball spricht sich etwa für eine bessere Videoüberwachung in den Stadien aus, auch die Einlasskontrollen könnten noch optimiert werden. Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach erklärte, „dass die bisherigen Konzepte und Maßnahmen alleine nicht ausreichen“ und sprach von einer „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Störern. Wie die aussehen soll, ist aber ziemlich unklar. Die eine große Lösung wird es aufgrund des komplexen Lagebildes und der unterschiedlichen Situationen in den Vereinen sicher nicht geben.

Handlungsbedarf in Sachen Pyrotechnik

Handlungsbedarf gibt es tatsächlich vor allem in Sachen Pyrotechnik – und das haben sich die Fans auch selbst zuzuschreiben. Durch die zahlreichen Vorfälle mit gefährlichen Feuerwerkskörpern nach dem Scheitern von Gesprächen zwischen Fans und Verbänden über eine Teillegalisierung sind bei Politik, Polizei und Funktionären die Forderungen von Hardlinern auf fruchtbaren Boden gefallen. So wurde unter anderem intensiv über eine Abschaffung der Stehplätze debattiert. Laut Innenminister Friedrich ist dies zurzeit kein Thema, doch als Drohkulisse bleibt ein solches Verbot erhalten. Die Anhänger hätten es selbst in der Hand, so Minister Friedrich. Erpressung, empören sich die Fans.

Nach dem Platzsturm in Düsseldorf, den Ausschreitungen beim Relegationsspiel des Karlsruher SC sowie zahlreichen pyrotechnischen Vorfällen in der abgelaufen Saison war das Thema in den öffentlichen Fokus gerückt und zu einem Gewaltcocktail verrührt worden, was zu einem teils verzerrten Bild geführt hatte. Vertreter der Fußballfans mühen sich seit Monaten um eine Versachlichung der Debatte, auf deren Höhepunkt die kritisierten Ultragruppierungen in der Talkshow „Maischberger“ als „Taliban der Fans“ bezeichnet wurden.

Während die Behörden vor allem durch den Höchststand an Verletzten in der Saison 2010/2011 in der ersten und zweiten Bundesliga (846) alarmiert sind, verweist zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft Fan­anwälte auf andere Zahlen aus dem Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis): So ist die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren von 6030 (2008/2009) über 6043 (2009/2010) auf 5818 in der Saison 2010/2011 gesunken.

Am 23. Juli wird es weitergehen. Auf der Innenministerkonferenz steht das Thema Fußball erneut auf der Tagesordnung.