Gewalt in der Beziehung „Jedes Mal vor dem Sex habe ich geweint, weil ich es nicht wollte“

Knapp 190 000 Frauen wurden 2024 in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt. Foto: Fabian Sommer/dpa

Erst überschüttet er sie mit Liebe und Zuwendung, dann, als sie verheiratet sind, schlägt er zu. Hannah aus Stuttgart erlebt eine Ehe voller Gewalt. Wie sie den Absprung geschafft hat.

„Du bist verrückt!“, schreit er sie an und packt sie an den Schultern. Seine Finger graben sich in ihre Haut, dann schleudert er sie zu Boden. Sie schreit vor Schmerz auf. Er rennt aus der Küche. Der Tisch, auf dem eben noch das Mittagessen stand, ist leergefegt. Um Hannah herum liegen halb leere Töpfe und Scherben. Gerade hatte sie noch das Essen für beide gekocht, den Tisch gedeckt und ihr Lieblingskleid angezogen – jetzt liegt sie mitten in einem Schlachtfeld. Weil sie ihn auf die Nachrichten angesprochen hat, die er mit einer Arbeitskollegin ausgetauscht hatte, wie sie später erzählt. Über ihre Wangen laufen Tränen. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher.

 

Für viele Frauen ist das eigene Zuhause nicht der ersehnte Rückzugsort, sondern ein Ort der Angst und Gewalt – die persönliche Hölle. Nach außen wirkt alles gut, doch hinter verschlossenen Türen wird aus dem vermeintlichen Traummann ein Peiniger.

Alle zehn Minuten erlebt eine Frau eine Sexualstraftat

Laut einer Studie des Bundeskriminalamts (BKA), veröffentlicht im November 2025, wurden im Jahr 2024 insgesamt 187 128 Frauen hierzulande Opfer häuslicher Gewalt – ein Anstieg um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch dabei bleibt es nicht: Fast jede Stunde wird eine Frau in Deutschland vergewaltigt, alle zehn Minuten erlebt eine Frau eine Sexualstraftat und alle drei Minuten erfährt sie häusliche Gewalt.

308 Frauen und Mädchen starben infolge vollendeter Tötungsdelikte. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden diese Tötungsdelikte nicht als „Femizide“ definiert, da es in Deutschland keine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt. Allgemein wird ein Femizid als „Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist“ interpretiert. Ob und wie sehr sich die Zahlen im Jahr 2025 verändert haben, wird voraussichtlich erst in der kommenden Statistik im Herbst 2026 bekannt werden.

Hannahs Geschichte ist also eine Geschichte, wie sie viele Frauen in Deutschland erzählen könnten. Sie zog aus Liebe zu ihrem Freund nach Stuttgart, ließ Familie und einen sicheren Job zurück. Was sie erwartete, war keine glückliche Beziehung, sondern Abhängigkeit, Kontrolle und Missbrauch.

Jetzt ist Hannah, deren Name in diesem Artikel zu ihrem Schutz geändert wurde, bereit, darüber zu sprechen. Wir sitzen in einem Raum mit großem Tisch in einer Frauenhaus-Beratungsstelle in Stuttgart. Eine Beraterin begleitet sie. Die 28-jährige Hannah trägt ein knalliges lilafarbenes Pulloverkleid. Behutsam schiebt sie den Kinderwagen in den Raum und vergewissert sich, dass ihr vier Monate altes Kind noch schläft. Erst als die Beraterin den Raum verlässt, schaut sie auf. Ihre Stimme klingt leise, aber ruhig: „Was möchtest du wissen?“ Viele andere Frauen haben zu viel Angst, um über ihren Missbrauch zu sprechen. Auch Hannah fürchtet sich, aber sie will anderen zeigen, dass sie nicht allein sind. „Ich werde versuchen, nicht zu weinen.“

„Er hat mir eine gemeinsame Zukunft ausgemalt“

Bevor sie ihren späteren Mann bei einem Besuch in Deutschland im Jahr 2019 kennenlernt, lebt Hannah bei ihren Eltern in einem südosteuropäischen Land. Wo genau, soll geheim bleiben. „Zu meinen Eltern hatte ich immer eine gute Beziehung. Wir haben für jedes Problem immer eine Lösung gefunden – er jedoch ging bei jedem Streit sofort an die Decke.“ Liebe auf den ersten Blick sei es nicht unbedingt gewesen. Doch sein Werben, die vielen Nachrichten, die er ihr monatelang schickte, und Versprechungen einer gemeinsamen Zukunft – Hochzeit und Kinder, das sogenannte „Love Bombing“ – überzeugten sie. Sie glaubte, das zu bekommen, was sie von ihren Eltern kannte: Liebe, Sicherheit und Ehrlichkeit. „Er hat mir eine gemeinsame Zukunft ausgemalt, wie ich sie mir gewünscht habe“, erinnert sie sich. „Es ist attraktiv, wenn jemand sich öffnet und gemeinsame Pläne macht.“

Früher emotionaler Missbrauch

Love-Bombing beschreibt eine Form der emotionalen Manipulation, bei der eine Person ihr Gegenüber mit übermäßiger Zuneigung, Geschenken und Aufmerksamkeit überschüttet, um Bindung und Abhängigkeit zu erzeugen. Das wird als typisch für toxische Beziehungen und frühen emotionalen Missbrauch angesehen.

Hannah kündigt den Job im Rathaus ihrer Heimatstadt, zieht 2022 nach Deutschland zu ihrem Partner, die beiden heiraten. In den Flitterwochen erlebt sie erste Grenzüberschreitungen. Bei ihrer ersten gemeinsamen Nacht auf der Hochzeitsreise kommt es zu einem Vorfall: keine Zärtlichkeit, kein Vorspiel – nur die reine Penetration. Nachdem er gekommen ist, ignoriert er sie, wird laut, als sie ihr Unbehagen äußert. „Ich dachte, das ist normal“, sagt sie rückblickend. Während sie davon erzählt, spielt sie immer wieder an den weichen Ärmeln ihres Kleides oder legt die Hände offen auf den Tisch – so, als wolle sie wirklich alles offenlegen.

Nach der Hochzeit gibt Hannah ihre Selbstständigkeit auf. Ihr Erspartes fließt in die neue Wohnung, die Kontrolle über das gemeinsame Konto hat er. „Ich musste beim Einkaufen immer aufpassen, dass ich nicht zu viel ausgebe – bei ihm war das anders.“ Er drängt darauf zu sparen, kontrolliert ihre Ausgaben, investiert derweil selbst mehrere Tausend Euro in Krypto-Währungen und behauptet gleichzeitig, kein Geld zu haben. „Ich zahlte alle Möbel sowie Strom und Gas von meinem Ersparten“, sagt Hannah. Die ständige Kontrolle setzt ihr immer engere Grenzen. Sie fühlt sich klein, machtlos.

Hannah hält im Frauenhaus Stuttgart ihr Handy in den Händen. Das Gespräch über ihre Gewalterfahrungen fällt ihr schwer. Foto: Paloma Schneider

Nach und nach häuften sich die „Red Flags“, Warnzeichen. Kontrolle, Eifersucht, Wutausbrüche, Beleidigungen. Er schreit sie an, schüttelt sie, wirft mit Gegenständen, schubst sie und packt ihr fest ins Gesicht. Dann kommt noch der Kontakt zu anderen Frauen hinzu. „Ich habe ihn öfter konfrontiert. Er hat es immer verneint“, sagt sie und senkt den Kopf in den Rollkragen ihres Pullovers. Doch sie findet Beweise auf seinem Handy – seine Reaktion: Er wird handgreiflich: „Er schmiss mich auf den Boden. Mein Knie war fast schwarz.“ Am Ende soll immer sie an den Streitereien schuld sein, er stellt sie als krankhaft eifersüchtig hin. Ihre Arme sind nun verschränkt, ihre Stirn liegt in Falten. Der Blick wandert zum Kinderwagen und dann zum Fenster.

„Beim Geschlechtsverkehr war nichts ‚normal‘. Ich weiß gar nicht, was normaler Sex ist“, erzählt Hannah. Sie soll sich stark schminken und Dessous anziehen – alles, um ihn zufrieden zu stellen; er verlangt es so. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse spielen keine Rolle. „Jedes Mal, wenn ich mich im Bad für den Sex vorbereitet habe, habe ich geweint, weil ich es nicht wollte.“ Er bestimmt, wie es läuft, und wenn sie nicht so tut, als ob es ihr gefällt, wird der Sex härter und für sie schmerzhafter. Sie verfällt immer mehr dem Bedürfnis, ihm gefallen zu wollen – und gibt sich selbst dabei auf.

Die Schwiegereltern verstärken sein Narrativ

Während ihre Familie im Ausland lebt und nur selten zu Besuch kommen kann, wohnen seine Eltern in Stuttgart. Auch von ihnen bekommt sie keinen Halt oder Unterstützung. Sie verstärken sein Narrativ und bezeichnen sie als „respektlos“ und „krankhaft eifersüchtig“. „Ich dachte, ich werde irgendwann verrückt“, sagt sie.

Hannah wird Anfang 2024 schwanger. Das verschafft ihr aber nur kurzfristig Ruhe. Sie erkrankt an Präeklampsie – eine Komplikation in der Schwangerschaft, die durch Bluthochdruck und Organschäden, meist an Leber und Nieren, gekennzeichnet ist. Unterstützung vom Vater? Fehlanzeige. Auch für die Babyausstattung zahlt er nichts und sagt ihr, sie solle dafür arbeiten gehen. „Ich musste alles kaufen, obwohl er genug verdiente“, sagt sie.

Nach der Geburt ihrer Tochter Emma (Name von der Redaktion geändert) verschlimmert sich die Situation. Das Mädchen kommt wegen der Schwangerschaftskomplikation zu früh zur Welt, liegt mehrere Wochen im Krankenhaus. Währenddessen wird der Druck auf Hannah immer größer. „Er hat mich bei der Geburt allein gelassen, ich war traumatisiert und lag eine Woche auf der Intensivstation“, erzählt sie. Ihr Mann unterstellt ihr währenddessen, mehr Liebe für ihre Tochter zu empfinden als für ihn.

Die Situation eskaliert. Ihr Ehemann bedroht sie, schreit und greift sie auch körperlich an – auch während sie das Baby im Arm hält. Als er ihr droht, das Kind wegzunehmen, ruft Hannah die Polizei. „Ich hatte einfach so große Angst, dass er mir Emma wirklich wegnehmen könnte, weil er der Vater ist“, sagt sie.

Die Polizei ordnet eine räumliche Trennung an – sie bleibt in der Wohnung, er geht zu seinen Eltern. Mithilfe ihrer Mutter wendet sie sich ans Jugendamt und findet schließlich mit ihrer Tochter einen Platz im Frauenhaus. „Ich bin froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens, aber es war notwendig.“ Im Frauenhaus beginnt für Hannah ein neues Leben – mit Unterstützung einer Psychologin, des Jugendamts und ihrer Anwältin. Sie erhält psychologische Hilfe, spricht mit Fachleuten über ihre Erlebnisse und plant ihre Zukunft. „Ich möchte eine eigene Wohnung, eine sichere Umgebung für Emma und mich“, sagt sie.

Vor Gericht behauptet ihr Ex weiterhin, sie sei „psychisch krank“ und wolle das Kind „ins Ausland entführen“. Das Gericht entscheidet am Ende, dass der Vater seine Tochter einmal die Woche unter Aufsicht des Jugendamts sehen kann. Hannah hat keinen direkten Kontakt mehr mit ihm. Die Bindung ist toxisch, das Trauma tief, und die emotionalen Narben bleiben. Doch rückblickend weiß sie: „Ich habe immer gewartet, dass er sich bessert. Aber nach der Geburt habe ich gemerkt: Ich liebe mich und meine Tochter mehr. Ich muss für sie stark sein.“

„Es ist ein Krieg im Kopf“

Der Weg aus der Partnerschaft ist für Hannah trotz aller Erkenntnis ein Kraftakt. „Ich war verliebt, wollte ihn nicht verlieren. Er hat auch gute Seiten.“ Mittlerweile hat sie erkannt: „Ich war süchtig nach dieser Art von Liebe, sodass ich nicht mehr klar denken konnte.“ Die Therapie hilft, doch es gibt noch einiges zu entwirren. „Manchmal vermisse ich meinen Mann, dann bin ich wieder froh, ohne ihn zu sein. Es ist ein Krieg im Kopf“, sagt Hannah.

Schon in ihrer ersten Beziehung vor vielen Jahren habe sie Gewalt erlebt, erkennt sie. Die Wunden heilen langsam. „Ich muss mein Trauma verarbeiten, damit ich nicht wieder in eine solche Beziehung gerate.“ Hannahs Appell an andere betroffene Frauen und an sich selbst: „Jede Frau muss sich an erste Stelle setzen. Wir müssen uns lieben und respektieren.“

Wo gibt es Hilfe?
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016

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