Gewalt in Indien Aus verhätschelten Buben werden gewalttätige Männer

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Von kleinauf wird Frauen eingebläut, dass es ihre Pflicht ist, sich für den Mann zu opfern – wie Sita, die Heldin aus dem Hindu-Epos „Ramayana“, die bis heute als weibliches Rollenmodell idealisiert wird. Das geht so weit, dass mancherorts Frauen gezwungen werden, ihrem Mann in den Tod zu folgen, wenn er stirbt. Sati wird das grausame Ritual der Witwenverbrennung genannt. Andernorts werden Witwen davongejagt und zu einem Leben in Armut und Einsamkeit verdammt.

Auf Anerkennung können Frauen nur hoffen, wenn sie einen Stammhalter gebären. Söhne werden vergöttert und verhätschelt. Das gilt in patriarchalisch geprägten Regionen in allen Schichten. In den Nobelvierteln Delhis sieht man auffällig viele Mütter mit nur einem Kind, einem Sohn natürlich. Das Ergebnis: Männer, die Frauen als Dienerinnen, Eigentum und Freiwild sehen – und das Wort Nein nicht kennen. Die es lieben, Macht auszuüben.

Gruppenvergewaltigung als Waffe im Geschlechterkampf

Vergewaltigung, vor allem Gruppenvergewaltigung, ist eine Waffe, um die männliche Machtposition zu sichern und Frauen kollektiv einzuschüchtern, meinen Frauenrechtlerinnen. „Es ist ein Weg zu sagen: Ich bin dir überlegen“, sagt der Anwalt ­Tridip Pais. Seine Kollegin Madhu Mehra nennt Vergewaltigungen „Terrorismus gegen Frauen“. Allerdings sind Vergewaltigungen nur der Schlusspunkt einer allgegenwärtigen Praxis sexueller Bedrohung und Belästigung. Die Stadt, der öffentliche Raum gehört den Männern. Und das demonstrieren sie allenthalben. Ob auf der Straße oder im Bus – Frauen werden begrapscht, verfolgt und müssen sich anzügliche Bemerkungen anhören. „Eve teasing“, Eva necken, wird dies verharmlosend genannt. Viele Frauen trauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf die Straße.

Doch vor allem in den Städten wächst auch eine neue Frauengeneration heran, die aus den alten Rollenzwängen ausbricht. Frauen gehen arbeiten, gehen auf Partys, tragen körperbetonte Kleider, haben Sex vor der Ehe, trinken und rauchen. Und verstoßen damit gegen alle Regeln. Das provoziert viele Männer, weil es an ihrer überlieferten Machtposition rüttelt. Viele reagieren aggressiv.