Gewalt in Indien Wenn Frauen selbst zu Täterinnen werden

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Indien hat kein Frauenproblem. Es hat ein Männerproblem. So verrutscht ist das Wertesystem, dass viele Täter auch noch dem Opfer die Schuld dafür・ geben, dass sie es vergewaltigen. Dies suggeriert ihnen auch die Gesellschaft, die Polizei, die Justiz, der Staat: Meist decken sie die Vergewaltiger und stigmatisieren die Opfer. Die Täter wissen, dass sie davonkommen. Und das ermutige sie, sagt Subhasini Ali von der Frauenvereinigung AIDWA.

Das patriarchalische System eröffnet vielen Frauen nur einen Ausweg, der Opferrolle zu entfliehen: selbst zu Täterinnen zu werden. Oft sind es die Schwiegermütter, die die Schwiegertöchter besonders brutal malträtieren oder gar das Streichholz anzünden, wenn man die Schwiegertochter verbrennt, weil die Mitgift nicht gereicht hat. Jede Stunde stirbt in Indien eine Frau wegen der Mitgift.

Ungeduldig fragt der Westen, wann sich das alles ändert. Dabei hat es auch im Westen Jahrhunderte gedauert, bis sich etwas bewegte. Bis in die Neuzeit wurden Frauen als „Hexen“ verbrannt, erst seit 1919 dürfen Frauen in Deutschland wählen. Bis 1977 mussten sie ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Noch heute sind Frauen in Führungsetagen die Ausnahme.

Mittelalter und Moderne prallen aufeinander

Patentrezepte fehlen, auch in Indien. Indiens Gesellschaft ist tief gespalten, Mittelalter und Moderne prallen – nicht nur, aber besonders in den überfüllten Städten – brutal aufeinander. Davon zeugt auch die leidenschaftliche Debatte über Lösungen. Ein Komitee erhielt nun sage und schreibe 80 000 Vorschläge, was man gegen Gewalt gegen Frauen tun könne. Die einen setzen auf gesellschaftliches Umdenken, sozialen Wandel, ein neues Frauen- und Männerbild sowie Reformen von Polizei und Justiz. Die anderen wollen die Uhr zurückdrehen und Frauen wieder stärker unter die Kon­trolle des Mannes zwingen. Einige Dorfräte schlugen vor, das Heiratsalter von Mädchen zu senken, um Vergewaltigungen ­einzudämmen.