Gewalt in Indien Der Mann ist alles, die Frau zählt nichts

Von  

Erbittert streitet Indien darüber, wie sich Gewalt gegen Frauen eindämmen lässt. Das mittelalterliche Rollenbild ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Westliche Konzepte können da nur bedingt helfen.

Indien hat ein Männerproblem. Aber ein Bewusstseinswandel wäre auch bei den Frauen nötig. Foto: EPA
Indien hat ein Männerproblem. Aber ein Bewusstseinswandel wäre auch bei den Frauen nötig. Foto: EPA

Neu-Delhi - Hände und Füße gefesselt, liegt die Frau wehrlos am Boden, während sich ein Mann über sie beugt. „Nun wirst du mich küssen“, sagt er triumphierend und presst seine Lippen auf ihre. Die Kamera schwenkt zu einem Gemälde an der Wand, das eine halbnackte Frau in Ketten zeigt. Man hört ein verzweifeltes „Nein“, Schreie. Dann ein Schnitt. Der Mann stopft sein Hemd in die Hose, zündet sich eine Zigarette an.

Die Vergewaltigungsszene aus dem Bollywoodfilm „Insaaf Ka Tarazu“ (Waage der Gerechtigkeit, 1980) wurde in den letzten zehn Monaten auf Youtube 3,5 Millionen Mal angeklickt. Lange gehörten solche Szenen zur Erfolgsformel von Indiens Traumfabrik. Allein der Altstar Ranjeet, über Jahrzehnte der Schurke vom Dienst, soll fast hundert Vergewaltigungen gespielt haben. Was Bände spricht, ist die Reaktion des – meist männlichen – Publikums. Dieses „feuerte den Täter fast noch an“, schreibt die „Times of India“.

Vergewaltigung als Unterhaltung. Indien, bisher als Land von Ayurveda, Yoga und Mahatma Gandhi bekannt, macht traurige Schlagzeilen – zuletzt auch mit Überfällen auf eine Schweizerin und eine Britin. Im Westen, der lange diese Schattenseiten der aufstrebenden Wirtschaftsmacht übersehen hat, zeigt man sich schockiert. „Neue Vergewaltigungsschande in Indien“, titelte der britische „Mirror“, die „New York Post“ schrieb von „neuem Vergewaltigungshorror“. Dabei ist Gewalt gegen Frauen in Indien kein neues Phänomen, sondern so verbreitet, dass einheimische Medien zynisch vom „nationalen Volkssport“ sprechen. Laut einer Studie der Thomson Reuters Foundation ist Indien das frauenfeindlichste Land unter den G 20, den großen Nationen der Welt. Die Wurzeln liegen im mittelalterlichen Frauenbild.

Sie sind Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau – oder nichts

In Indien würden Frauen als Menschen wahrgenommen, wenn sie Mutter, Tochter, Schwester oder Ehefrau seien, meint der bekannte Psychoanalytiker Sudhir Kakar. Aber „dieser Beziehungskategorien beraubt und als Einzelwesen ist eine Frau kein Mensch, sondern ein Objekt, ein Körper für männliches Vergnügen“, so Kakar.

Objekte kann man benutzen. Man kann sie kaputt machen. Man kann sie wegwerfen. Dieser Dreiklang an Entmenschlichung spiegelte sich in der Schreckenstat vom 16. Dezember wider, als sechs Männer eine 23-jährige Studentin vergewaltigten, bestialisch verletzten und auf die Straße warfen. All das geschah nicht auf dem rückständigen Lande, sondern in der Metropole Delhi, die als relativ modern gilt. Deshalb hat die Tat, obwohl nicht beispiellos, eine beispiellose Protestwelle ausgelöst. An der Spitze standen Studenten. Gemeinsam trotzten junge Männer und Frauen Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas. Väter kamen mit ihren Söhnen. Alte Frauen rollten in Rollstühlen zu den Protesten.

In Indien tobt ein Kulturkampf. Es geht um die Frage: Nach welchem Wertesystem will das Land leben? Indien ist nicht ein Land. Es ist viele Länder. Als die Briten „Britisch Indien“ 1947 in die Unabhängigkeit entließen, bestand es aus 565 Fürstentümern. Und dies berücksichtigt nicht einmal die Naturvölker mit ihrer eigenen Kultur. Mit 1,2 Milliarden Menschen beherbergt Indien heute mehr als doppelt so viele Einwohner wie die ganze EU. Es ist ethnisch, kulturell und religiös ungleich heterogener und widersprüchlicher. Mancherorts gibt es matriarchalisch geprägte Gesellschaften, anderswo erzchauvinistische. Es wäre daher falsch, Indien zu verteufeln, zumal der Westen wenig Grund hat, sich selbstgefällig zurückzulehnen, wie der Steubenville-Fall in den USA zeigt, bei dem Studenten eine bewusstlose junge Frau von Party zu Party schleppten und vergewaltigten.