Stuttgart Gewalt gegen Frauen nimmt erschreckend zu

Von Wolf-Dieter Obst 

Eine Stuttgarterin wird Monate nach der Trennung von ihrem Ex-Freund getötet: Das Gewaltverbrechen hat auch eine erschreckende gesellschaftliche Komponente.

Am Ende bleibt nur die Spurensuche am Tatort: Hätte man die Bluttat in der Stöckachstraße ahnen können? Foto: 7aktuell.de/Sven Franz
Am Ende bleibt nur die Spurensuche am Tatort: Hätte man die Bluttat in der Stöckachstraße ahnen können? Foto: 7aktuell.de/Sven Franz

Stuttgart - Hätte man ahnen können, dass der Ex-Freund bis zum Äußersten gehen würde? Nach dem gewaltsamen Tod einer 39-Jährigen in einem Mietshaus an der Stöckachstraße im Stuttgarter Osten stellen sich viele in ihrem Umfeld diese Frage. Ein 41-Jähriger hatte die Frau Anfang der Woche in ihrer Wohnung erstochen, sich später auf einer Baustelle in Münster selbst gerichtet. Das sind zusammengefasst die Erkenntnisse der Kripo, die das tödliche Ende einer Beziehung aufarbeitet. Eine Beziehung, die von der 39-jährigen Frau bereits im Februar beendet worden sein soll.

Der Fall ist ein trauriger Höhepunkt einer Entwicklung, die kaum mehr zu übersehen ist: Gewalttaten im häuslichen Bereich steigen deutlich, die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Binnen drei Jahren ist die Zahl der Polizeieinsätze in Stuttgart um mehr als 50 Prozent gestiegen – auf 755 Fälle im vergangenen Jahr.

Aus dem Büro der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt kommt keine Entwarnung: Auch 2018 gibt es wohl mehr und zunehmend komplexere Fälle. „Dabei ist die Dunkelziffer häuslicher Gewalt hoch“, sagt Ursula Matschke, „man kann von 30 Prozent der Haushalte ausgehen.“ Wobei der Gewaltbegriff aber nicht nur Prügel bedeutet – sondern auch Psychokrieg oder ökonomische Knebel. Dass sich vieles im Verborgenen abspielt, zeigt das Tötungsdelikt in der Stöckachstraße: Die Hilfsangebote der Stuttgarter Ordnungspartnerschaft von Stadt und Polizei wurden nicht in Anspruch genommen. Es gab wohl keine Auffälligkeiten, keine Warnsignale.

Eine Trennung bedeutet erhöhte Gefahr

Dabei ist das Muster oft das gleiche: „Eine Frau ist erhöht gefährdet, wenn sie sich von ihrem gewalttätigen Partner trennt“, sagt Iris Enchelmaier, Diplom-Sozialpädagogin in der Beratungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen. Dass die betroffenen Frauen zumeist keine externe Hilfe suchen, liege zum einen daran, dass sie einen sozialen Abstieg und den Verlust des vertrauten Umfelds fürchten müssten, zum anderen ihren Kindern nicht die Familie nehmen wollten. Außerdem folge „meist die Phase, in der die Männer Reue zeigen und die Frauen hofieren“, so Iris Enchelmaier. Wird doch schon alles wieder! Doch das täuscht: Werden die Ursachen nicht angesprochen und geklärt, baut sich die Spannung erneut auf.

Und das kann dann so sichtbar werden wie vor wenigen Tagen in Göppingen. Die Polizei rückte mit mehreren Streifenwagen, Hunden und einem Hubschrauber aus, um einen 40-Jährigen zu suchen, der seiner Ex-Frau nachstellte. Das gerichtliche Annäherungsverbot war Mitte August ausgelaufen. Schließlich wurde er aufgespürt – und erneut angezeigt. Ermittlungen gibt es auch gegen einen 22-Jährigen, der Tage vorher in Ludwigsburg seine 28-jährige Freundin mit einer Glasflasche attackiert und verletzt hatte.

Jede dritte Frau trifft es einmal im Leben

Erschreckende Erkenntnisse hat auch das Bundesfamilienministerium: Fast 110 000 Frauen seien in Deutschland binnen eines Jahres Opfer von Gewalt geworden, so Ministerin Franziska Giffey. Noch drastischer: „In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet“, so Giffey. Außerdem: Etwa jede dritte Frau in Deutschland werde in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von Gewalt.

In Stuttgart passiert es meist samstags, zwischen 16 und 20 Uhr. „Gewalt in Beziehungen zieht sich durch alle Nationalitäten, Kulturen und soziale Schichten“, sagt Sozialpädagogin Enchelmaier. Und sie ist auch keine Frage des Alters. Bei der Beraterin tauchte eine 58-jährige Stuttgarterin auf, die lange gelitten hatte und sich nun trennen wollte. „Sie hatte so lange damit gewartet“, sagt Iris Enchelmaier, „bis ihre drei Kinder aus dem Haus waren.“

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