Gegen 22 Uhr tritt ein Mann in die Mitte des Platzes und unterhält die Menge mit einer kleinen Pyroshow. Wenig später rückt die Polizei an. Ruhig aber bestimmt bitten die Beamten das Feiervolk, den Platz zu räumen. Das kleine Feuerwerk sei nicht der Grund für den Einsatz gewesen, sagt Sprecher Peter Widenhorn. „Es war einfach zu voll auf dem Platz.“ Das verstehen auch die meisten jungen Menschen am Freitagabend. Manche lassen sich Zeit beim Gehen, viele aber ziehen bereitwillig von dannen. Fast, als hätten sie es geahnt, dass es so kommen würde.
Ein Platz für die Jugend
An diesem Abend bleibt es ruhig an einem der Brennpunkte in Ludwigsburg. In jüngster Vergangenheit war das aber nicht immer so. Streitereien mündeten in wüsten Schlägereien, Flaschen flogen auf dem Akademiehof nicht nur einmal – und um die Müllberge zu beseitigen, braucht es manchmal ein Dutzend Reinigungskräfte. Bei der Stadt sind die Probleme seit Jahren bekannt. Andere Städte – allen voran die Landeshauptstadt Stuttgart – greifen bei solchen Zuständen hart durch. Brennpunkte wie der kleine Schlossplatz werden kurzerhand abgesperrt. Für Oberbürgermeister Matthias Knecht und den Rest der Rathausspitze ist das aber keine Option.
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„Für uns ist klar, wir wollen den Akademiehof nicht schließen“, sagt Knecht. Der Platz solle ein Treffpunkt für die Jugend bleiben. Viele kommen an den Wochenenden auch in Ermangelung von Alternativen, manche sind für Bars und Kneipen zu jung, derzeit sind Sitzplätze im Freien ohnehin schnell belegt. „Der Akademiehof liegt auf der Hand“, sagt auch Knecht. Eine Schließung des beliebten Platzes würde wahrscheinlich ohnehin nur dazu führen, dass sich das Feiervolk anderswo in großen Gruppen sammelt – beispielsweise auf der Bärenwiese. Polizei und Verwaltung sind sich in diesem Punkt einig. Deshalb heißt die Strategie: Deeskalation.
Klientel, das Streit sucht, kommt häufig erst später dazu
Tagsüber muss sich ohnehin niemand fürchten, der über den Platz geht, in den Abendstunden – vor allem an den Wochenende und bei gutem Wetter – hat die Polizei ihre Präsenz deutlich erhöht. „Die Kollegen schauen sich das meistens eine Weile an“, sagt Widenhorn. Wenn sich aber zu viele Menschen versammeln, die Stimmung zu kippen droht – in der Regel geht das mit steigendem Alkoholkonsum einher –, dann schreitet die Polizei ein. Sie hat mit der Taktik zuletzt gute Erfahrungen gemacht. In der Regel stoßen die Beamten – wenn die Leute noch einigermaßen ansprechbar sind, also noch nicht schon Unmengen getrunken haben – auf Verständnis.
Alina Yklymova ist am Freitagabend mit zwei Kommilitonen auf dem Akademiehof, die drei drehen einen Film für ein Kunstprojekt. Die 31-Jährige hat vor drei Jahren am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich die Gewalt Bahn brechen kann, als sie in eine Schlägerei geriet. „Ich habe das Gefühl, es ist inzwischen noch härter geworden“, sagt die Studentin. Besonders Frauen sind immer wieder betroffen. „Sexuelle Belästigung ist nicht nur ein Problem am Akademiehof“, sagt Asta-Sprecherin Lisa Davydenko von der Film-AK zwar. Allerdings haben sich die Geschäftsführer der beiden Hochschulen deshalb schon an die Stadt gewandt, weil es auf dem Akademiehof doch immer mehr wird. Besonders die Störenfriede, die sich teils anderswo betrinken und dann spät auf den Akademiehof kommen, um gezielt zu pöbeln und sich mit Jugendlichen und Studenten vermischen, wollen Stadt und Polizei in die Schranken weisen – „mit aller Macht“, wie Matthias Knecht sagt.
Videoüberwachung – wenn dann erst im kommenden Jahr
Ihm bereitet zudem Sorge, dass auf dem Platz wohl auch mit Drogen gedealt wird. Um Personen, die in dunkleren Ecken Geschäfte machen, die Rückzugsorte zu nehmen, soll bald zusätzliche, hellere Beleuchtung angebracht werden. Sie soll auch dabei helfen, den Platz zügig zu räumen. „Die Leute müssen merken, dass die Party vorbei ist, wenn das Licht angeht“, sagt der Oberbürgermeister. Eine weitere Möglichkeit wäre Videoüberwachung – wie es sie beispielsweise am Eckensee in Stuttgart gibt. Für den gelernten Juristen Knecht ist die Aufzeichnung von Bewegtbildern, auch wegen Fragen des Persönlichkeitsrechts, aber das letzte Mittel. Die Stadt werde Kameras nur in Erwägung ziehen, wenn sich Gewalt und sexuelle Übergriffe häufen würden.
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Weil die öffentlichen Toiletten wieder geöffnet sind, dürfte sich das Thema Wildpinkler bald erledigt haben – hofft zumindest die Verwaltung. Bleibt der viele Müll. Und da bleibt dem Oberbürgermeister nichts anderes, als an die Vernunft der Jugendlichen zu appellieren. Sie sollten, wenn die Mülltonnen voll sind, ihren Unrat einfach auch mal mit nach Hause nehmen.