Gewaltambulanz in Stuttgart Jeder blaue Fleck wird untersucht

In der neuen Stuttgarter Gewaltambulanz finden Opfer von Gewalttaten nun eine erste Anlaufstelle, um sich untersuchen zu lassen. Foto: PR/Klinikum Stuttgart

Seit November gibt es in Stuttgart eine Gewaltambulanz des Uniklinikums Heidelberg. Dort werden Opfer von Gewalttaten untersucht und die Beweismittel gerichtsfest aufbereitet. Ein Besuch bei den drei leitenden Rechtsmedizinerinnen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Rechtsmediziner kennen die meisten nur aus dem Fernsehen, wie den etwas schrägen, eitlen und besserwisserischen Professor Karl-Friedrich Börne aus dem Münsteraner Tatort. Meistens werden sie dort als leicht verschrobene Typen mit einem seltsamen, schwarzen Humor dargestellt, die gemeinsam mit den Ermittlern auf spektakuläre Art und Weise knifflige Mordfälle lösen.

 

Im besten Fall haben die meisten von uns nur dieses Klischeebild im Kopf, weil wir im Alltag keine Berührung mit Rechtsmedizinern haben. Svenja Binders Alltag sieht in der Regel etwas anders aus. Die Rechtsmedizinerin ist Fachärztin in der neuen Gewaltambulanz Stuttgart, die am Klinikum Stuttgart an der Kriegsbergstraße angesiedelt ist, aber zur Universität Heidelberg gehört.

Binder wird in der Regel nicht angerufen, um in einem abgelegenen Forst eine Leiche zu untersuchen. Aber es passiert durchaus, dass ihre Fälle über die Polizei zu ihr kommen oder die Notaufnahmen der Kliniken oder das Jugendamt melden sich bei ihr. Der Großteil der untersuchten Personen stellt sich jedoch selbst und unabhängig von einer Anzeige in der Ambulanz vor.

86 Fälle haben sie schon untersucht seit die Gewaltambulanz im November in Stuttgart eröffnet hat. „Das klingt wenig, aber wir sind bisher ganz zufrieden“, sagt Binder. In den letzten sechs Monaten seien sie und das Team der Gewaltambulanz auch viel in Stuttgart unterwegs gewesen, um die Ambulanz bekannter zu machen und sich zu vernetzen. Sie haben viele Termine in Fachberatungsstellen für Gewaltopfer oder auch in Kliniken. „Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt oder sexualisierter Gewalt geworden sind, sind die größte Gruppe bei uns“, sagt Binder. Es gebe durchaus – wenngleich es ein sehr kleiner Prozentsatz ist –, Fälle, in denen Männer Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. „Für Männer ist es immer noch viel schambehafteter“, sagt Binder. Die Schwelle, sich Hilfe zu holen, sei daher nach wie vor sehr hoch.

Ein geschultes Auge erkennt Gewaltverletzungen

Svenja Binder hat Medizin studiert, um in die Rechtsmedizin zu gehen. Der Bereich habe sie schon in ihrer Jugend fasziniert. In der zehnten Klasse habe sie in der Pathologie ein Praktikum gemacht. „Aber ich wollte etwas mehr Kriminalistisches machen“, sagt Binder. Heute ist ihr Job, zu untersuchen, ob blaue Flecken durch Gewalteinwirkung entstanden sind oder ob Knochenbrüche bei kleinen Kindern wirklich nur von einem Sturz vom Wickeltisch stammen können.

„Bei Kindern gibt es Lokalisationen, wo sie häufiger Hämatome haben, wenn sie von selbst stürzen“, sagt sie. Unterschiedlich alte blaue Flecken oder Verletzungen am Gesäß passten dagegen nicht zu einem einfachen Sturz. Sie achten dabei auch sehr genau auf das Alter der Kinder. „Bei einem Säugling, der sich nicht bewegen kann, untersuchen wir jeden blauen Fleck ganz genau“, sagt Binder.

In ihren Untersuchungen dokumentieren sie im ersten Schritt solche Verletzungen sehr akribisch, um die Spuren einer Tat gerichtsfest zu machen. Dazu fotografieren sie alle Verletzungen und messen die Größe, bei Bedarf werden weitergehende Untersuchungen empfohlen. „Das muss genau beschrieben werden“, sagt die Rechtsmedizinerin bei einem Besuch vor Ort. „Wir nehmen uns da auch viel Zeit dafür.“ Anhand eines standardisierten Schemas gehe sie gemeinsam mit den Patienten alles durch.

Wichtig ist, dass sie sensibel und behutsam vorgehen, denn alle ihre Patienten sind Opfer von Gewalt. „Sie müssen sich bei uns auch nicht komplett ausziehen“, betont Binder. „Wir machen das immer schrittweise, erst der Oberkörper, dann der Unterkörper.“ Die Befunde können später für Gutachten bei Gericht verwendet werden – teils geht dies auch Jahre später noch.

Die Gewaltambulanz wird nur von Frauen geleitet

In Krimiserien sind die Rechtsmediziner häufig Männer. Die Gewaltambulanzen in Stuttgart und Heidelberg werden ausschließlich von Frauen geleitet. Gegründet wurde die Ambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg bereits im Jahr 2011 von Kathrin Yen, Professorin und Ärztliche Direktorin des dortigen Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin.

Sie hat davor Erfahrungen am Inselspital in Bern in der Schweiz gesammelt. Ihr damaliger Chef sei ein großer Visionär im Fachgebiet gewesen und habe schon vor Jahren begonnen, einen Schwerpunkt auf überlebende Opfer von Gewalt zu legen. „Wir haben in Bern schon intensiv mit lebenden Menschen gearbeitet, um Beweise zu sichern und nach Gewaltfällen Klarheit zu schaffen“, erzählt Yen bei einem Besuch an ihrem Institut in Heidelberg. Sie habe dort viel gelernt als Assistenzärztin. „Auch, wie wichtig gerade dieser vielen kaum bekannte Bereich der Rechtsmedizin ist.“

Als sie 2011 nach Heidelberg berufen worden sei, habe sie die Idee einer Gewaltambulanz dorthin mitgebracht. „Da stieß ich auf offene Ohren“, erzählt sie. Die Ambulanz in Heidelberg, die für ganz Nordbaden und darüber hinaus zuständig ist, war die zweite dieser Art in Deutschland überhaupt. Im Zuge der Umsetzung der Istanbul Konvention wurde für gesetzlich versicherte Opfer einer Misshandlung oder eines sexuellen Übergriffs seit 2021 sogar ein Rechtsanspruch auf eine vertrauliche Spurensicherung geschaffen. Das sei wichtig, weil die Beweissicherung davor eher als eine juristische Tätigkeit wahrgenommen wurde. „Es ist aber eine zutiefst medizinische“, sagt Yen.

Die Fälle sind im Laufe der Jahre konstant gestiegen. Hat man in Heidelberg im Jahr 2011 noch mit knapp 50 Fällen angefangen, sind es heute mehr als 700. Während der Coronapandemie hätte es sogar noch zugenommen, vor allem die Fälle häuslicher Gewalt, sagt Yen. In den letzten zehn Jahren seien die Fälle aber nicht nur mehr, sondern auch heftiger geworden, man sehe heute in der Gewaltambulanz mehr Fälle von erheblicher und schwerer Gewalt.

„Deshalb ist es auch so wichtig, dass es nun in Stuttgart auch eine Ambulanz gibt“, ergänzt ihre Stellvertreterin, die Oberärztin Katharina Feld, die nun für Stuttgart verantwortlich ist. Bisher habe es in Stuttgart vor allem für nicht angezeigte Fälle keine rechtsmedizinische Versorgung gegeben – darunter fallen die meisten Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt sowie von Kindesmisshandlung und -missbrauch. Schon in den ersten Tagen in Stuttgart gab es 50 Untersuchungen.

Ärztinnen und Ärzte in der Klinik seien für die Versorgung der Verletzungen zuständig, die Rechtsmedizin habe eine andere Aufgabe. „Die Polizei schickt Betroffene oft nur in eine Klinik, aber dort sind sie falsch, wenn es um eine Beweissicherung geht“, ergänzt Yen. Deshalb gibt es das Angebot der Gewaltambulanz, dass die Rechtsmedizin konsiliarisch in die Klinik oder Praxis dazu gerufen werden kann und den forensischen Part übernimmt. Die Klinik kann sich ganz auf die Behandlung konzentrieren, sofern eine solche erforderlich ist.

Die Folgekosten von Gewalt sind riesig

Im Fernsehen haben Rechtsmediziner mehr mit Toten zu tun. „Wir tun etwas für die Lebenden“, sagt Yen. Rechtssichere Urteile seien für Gewaltopfer wichtig. „Und für unsere Gesellschaft.“ Ein Blick auf die Zahlen zeigt, die Folgekosten von Gewalt sind immens. Eine Studie der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm zu Traumafolgekosten in Deutschland nach Kindesmisshandlung und Missbrauch kommt auf rund elf Milliarden Euro pro Jahr. Neben den direkten Verletzungen schließt dies unter anderem auch psychotherapeutische Behandlungen mit ein – viele sind nach in der Kindheit erlebter Gewalt psychisch derart belastet, dass sie später nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig sind.

Durchschnittlich wird jede dritte Frau im Land Opfer einer Gewalttat, jedes vierte Kind ist ein Missbrauchsopfer. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch höher ist. „Die Relevanz des Themas Gewalt in unserer Gesellschaft ist riesig“, sagt Yen. Dennoch sei es auch innerhalb der Medizin noch ein Tabuthema. „Viele Ärzte scheuen es, einen derartigen Verdacht in den Raum zu stellen.“ Die Gewaltambulanz könne hier entlasten, indem sie ihre langjährige Erfahrung im Umgang mit Gewaltopfern und eine den forensischen Fachstandards entsprechende Diagnostik unkompliziert zur Verfügung stelle.

Die Aufgabe der Rechtsmedizinerinnen ist es auch, die Befunde und gesicherten Spuren aufzubewahren, da nicht alle von Gewalt Betroffenen auch eine Anzeige erstatten möchten. Viele Opfer brauchen Zeit, bis sie sich bereit fühlen. „Wir kriegen das auch nicht immer mit, ob das später angezeigt wird“, sagt Yen. Die Entscheidung über eine Anzeige nach der rechtsmedizinischen Untersuchung kann in Ruhe und bei Bedarf auch nach entsprechender Beratung getroffen werden, wenn die Beweise erst einmal gesichert sind.

Der Wunsch der drei wäre, dass Gewalt durch ihre Arbeit verhindert wird – auch wenn das fast utopisch sei. Aber wenn eine Tat früh erkannt wird, lassen sich Opfer und Gesellschaft häufig vor weiteren Taten schützen. Denn die meisten Gewaltfälle passieren im direkten Umfeld, in der Familie oder in der Partnerschaft und würden lange unerkannt bleiben. „Leider sind die Menschen, die verletzt zu uns kommen, nicht selten „Drehtür-Patienten““, sagt Katharina Feld. Das Ziel der Gewaltambulanz sei daher, zunächst „einmal einen Fuß in diese Tür zu bekommen“, um sie zu stoppen.

Gewaltambulanz in Stuttgart

Anmeldung
Die Abteilung Gewaltambulanz Stuttgart steht mit einem speziell geschulten Expertenteam nach telefonischer Terminabsprache unter +49 152 56783333 zur Verfügung. Der Untersuchungsort (zum Beispiel Klinik, Arztpraxis, Polizei, Haftanstalt, Jugendamt, Gewaltambulanz Stuttgart) sowie der Untersuchungszeitpunkt werden fallspezifisch im Vorgespräch vereinbart.

Öffnungszeiten
Das Team der Gewaltambulanz in Stuttgart ist in der Regel während der Woche bis abends um 23 Uhr erreichbar, am Wochenende durchgehend 24 Stunden. (nay)

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