Nach den Straßenschlachten in Kiew hat der ukrainische Geheimdienst eine „Antiterroraktion“ gegen radikale und extremistische Gruppierungen gestartet. Doch wer die Gegner sind, ist nicht immer klar. Die Opposition ist zersplittert.
Kiew - Nennen wir ihn Chaim, denn der Mann in der Lederjacke will zur Sicherheit inkognito bleiben. Nach dem Scheitern der Orangen Revolution wollte er der Ukraine den Rücken kehren und nach Israel auswandern, doch nun ist er wieder zurück. „Der neue Protest auf dem Maidan ließ mich kalt, bis die ersten Schüsse auf wehrlose Demonstranten fielen“, erzählt der Mann. Als im Januar zum ersten Mal die Reifen im Regierungsviertel brannten, glättete Chaim die Wogen und überzeugte manchen Heißsporn, dass es besser sei, Fluchtwege frei zu räumen sowie Barrikaden zu halten, als die Sicherheitskräfte des Staatspräsidenten mit Steinwürfen herauszufordern.
Verglichen mit seinen Erfahrungen in der israelischen Armee sei das alles Kinderkram gewesen– auf beiden Seiten der Barrikaden, erzählt der Banker aus Kiew, der lange Zeit nur eines wollte: die Selbstverteidigung des Maidan so zu professionalisieren, damit Todesopfer verhindert werden können. Doch nach der Eskalation am Dienstag ist die Situation völlig außer Kontrolle.
Viele haben damit gerechnet, der Tag X komme nach Sotschi
Sie haben sich vorbereitet auf den Sturm der Regierungskräfte. Der Tag X stehe nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi bevor, waren viele überzeugt. Nun hat sich Staatspräsident Viktor Janukowitsch überraschend früh für den Sturm entschieden. Den Verhandlungsbemühungen der drei im Westen bekannten Oppositionsführer Klitschko, Jazenjuk und Tjagnibok vertrauten auf dem Maidan schon zuvor nur noch wenige. „Reden kann jeder, wir wollen Taten“, sagt Sergej, der sein Haar in der Version der Bilderbuchkosaken trägt – vorne lang, die Schläfen abrasiert.
Auf die geflohenen Leibeigenen, die seit dem 16. Jahrhundert am damals dünn besiedelten Dnieprlauf Wehrbünde gründeten, berufen sich auf dem Maidan heute fast alle. Die ukrainische Nationalbewegung hat sich auf sie berufen, denn die Kosaken kämpften gegen die Herrschaft der Polen (im Westen), der Tataren (im Süden) und des russischen Zaren (im Osten). Dass es dabei auch zu Judenpogromen kam, wissen die meisten auf dem Maidan indes nicht. Unter den Maidan-Kosaken dominieren die Westukrainer, die den Partisanenchef Stefan Bandera als Galionsfigur kultivieren, der zu Sowjetzeiten verfolgt wurde. Jetzt gibt es Liberale und Nationalisten, Künstler und Kiffer, Fußballhooligans und Sozialrevolutionäre – ein breites Spektrum, das kaum ins westliche Rechts-links-Schema passt.