Gewalttätiger Politiker Der „Ohr-Abbeißer“ – bei der AfD geschätzt und gefürchtet

Der Einsatz Anfang 2016: Polizeibeamte bei der Festnahme des „Ohrabbeißers“ Foto: 7aktuell.de/Oskar Eyb

Er biss einem Stadtmitarbeiter das Ohr ab, saß Jahre in Haft. Nun sitzt Markus P. für die AfD in einem Bezirksbeirat und als Delegierter bei Parteitagen. Wie kann das sein?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Diesen Tag in Stuttgart wird das Ehepaar aus der Schweiz so schnell nicht vergessen. Angereist war es Ende Mai mal wieder wegen seines Sohnes, der als Nachwuchstalent beim VfB Stuttgart trainiert. Abends saßen die Eltern noch gemütlich in einer Gaststätte zusammen, nicht weit vom Stadion entfernt.

 

Zu fortgeschrittener Stunde aber wurde es plötzlich ungemütlich. Ein 43-jähriger Gast, so schildert es die Polizei, sei mit seiner Begleiterin in Streit geraten. Zwei Männer und eine Frau - das Paar und der Wirt - hätten schlichtend einzugreifen versucht. In der Folge sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der die drei geschlagen und leicht verletzt worden seien. Beim Eintreffen der Polizei sei der Verdächtige schon weg gewesen. Tatablauf und Hintergründe seien Gegenstand der Ermittlungen. Der angezeigte Gast schildert den Abend ganz anders: es habe keinen Streit mit seiner Begleitung gegeben, die Aggression sei nicht von ihm ausgegangen. 

Vorfall „nicht öffentlichkeitswirksam“?

Im Polizeibericht tauchte der Vorfall, der Ermittlungen wegen des Verdachts auf Körperverletzung auslöste, erst mal nicht auf. Derlei Delikte mit Leichtverletzten blieben regelmäßig unveröffentlicht, besonders, wenn sie sich in geschlossenen Räumen abspielten, erläutert eine Polizeisprecherin. Ein Zeugenaufruf sei nicht geboten gewesen, da man alle vor Ort Anwesenden habe befragen können. Zudem sei der Vorgang „ersten Einschätzungen zufolge nicht öffentlichkeitswirksam“ gewesen.

Bei näherer Betrachtung dürfte sich das anders darstellen. Denn der Mann, gegen den inzwischen die Staatsanwaltschaft ermittelt, ist ein AfD-Politiker: Markus P., aktives Mitglied im Kreisverband Stuttgart, seit 2024 AfD-Bezirksbeirat in einem südlichen Stadtbezirk und wiederholt Delegierter auf Parteitagen. Regelmäßig posiert er mit AfD-Größen aus Land und Bund für Fotos, gerne auch mit dem Co-Landessprecher und „Ministerpräsidenten-Kandidaten“ Markus Frohnmaier. Auch der geschädigte Wirt war einst AfD-Mitglied und sitzt bis heute auf Vorschlag der Partei in einem anderen Bezirksbeirat. Erst vor einigen Monaten verließ er die „Alternative“, weil ihm immer mehr Entwicklungen missfielen.

Blutfontäne nach Biss ins Ohr

Relevant ist der Vorfall auch wegen der Vorgeschichte des Beschuldigten. Laut Staatsanwaltschaft ist er „bereits mehrfach, unter anderem wegen Gewaltdelikten, vorbestraft“. Seine vermutlich längste Strafe – sechs Jahre Haft sowie Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wegen mehrfacher Körperverletzung und versuchter Anstiftung zum Mord – war erst 2022 ausgelaufen. Zwei Jahre zuvor kam er nach Verbüßung von zwei Dritteln auf freien Fuß, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Geahndet wurde damit ein Angriff, der als „Ohrabbeißer“-Fall in Stuttgart allseits Entsetzen ausgelöst hatte. Zwei Mitarbeiter des städtischen Vollzugsdienstes bemerkten Anfang 2016 eine Schlägerei am Josef-Hirn-Platz, einem von Spielhallen und Imbissen geprägten Areal unweit der Eberhardstraße in der Innenstadt. Der „Brutalo“ („Bild“) prügelte unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen auf einen Kontrahenten ein, brach ihm dabei die Nase. Als die vorbeikommenden Stadtbediensteten schlichtend eingreifen wollten, richtete sich seine Aggression gegen den älteren der beiden. Dieser spürte „seine Lippen an meiner rechten Backe“, schilderte er im Prozess – und im nächsten Moment starke Schmerzen am Ohr. Von einer „großen Blutfontäne“ und einem „herabhängenden Ohr“ berichtete ein Zeuge.

Vorstrafe war der Stadt nicht bekannt

Entgegen ersten Befürchtungen konnte das Ohr wieder angenäht werden, doch beiden machte die „lebensbedrohliche Situation“ lange zu schaffen. Für den Biss entschuldigte sich der Täter vor Gericht, die versuchte Anstiftung zum Mord bestritt er bis zuletzt. „Nimm mein Messer und stech’ sie ab“, soll er im Gerangel einem Verwandten zugerufen haben. Tatsächlich wurde bei ihm ein Küchenmesser gefunden. Zweimal saß der Mann bereits wegen Gewalttaten in Haft, wurde im Prozess bekannt, zur Tatzeit stand er noch unter Bewährung.

Gewalt gegen Behördenmitarbeiter – das ist auch im Stuttgarter Rathaus ein brisantes Thema. Man werde „alles dafür tun, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen und die Opfer zu unterstützen“, versprach der frühere Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Wie passt es dazu, dass sein Nachfolger Frank Nopper den Täter in einem besonders krassen Fall offiziell zum Bezirksbeirat ernennt, auf Vorschlag der AfD? Die Vorstrafe wegen mehrfacher Körperverletzung „war der Verwaltung nicht bekannt“, teilte Noppers Kommunikationschefin mit. Man prüfe anhand des Einwohnermelderegisters nur die Wählbarkeit, die bei Markus P. gegeben gewesen sei; darüber hinaus gehende „Hintergrundrecherchen“ verbiete der Datenschutz. Selbst wenn die Verurteilung bekannt gewesen wäre, so die Sprecherin, hätte das an der Bestellung nichts geändert. Aufgrund der Presseanfrage werde man nun noch eine Auskunft aus dem Bundeszentralregister einholen.

AfD-Fraktionschef betont Resozialisierung

Der AfD im Gemeinderat war die Vorgeschichte des Bezirksbeirates sehr wohl bekannt. „Wir wurden von dem Betroffenen von Anfang an über seine Vorstrafe informiert“, berichtet der Fraktionschef Michael Mayer. Straftäter hätten ein „Recht auf Resozialisierung“, das sei das wichtigste Ziel des Strafvollzuges, betont er und zitiert einen entsprechenden Wikipedia-Artikel. Genau in diesem Sinne habe man dem Verurteilen „im Rahmen unserer Möglichkeiten die Chance geboten, sich zu engagieren und seinen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft zu leisten“. Bisher, so Mayer, habe er sich „stets tadellos betragen“. Die jüngsten Ereignisse bedauere die Fraktion, darüber gebe es „unterschiedliche Darstellungen“, die nun untersucht würden. Je nach dem Ergebnis der Ermittlungen und eventuell eines Gerichtsverfahrens werde man „dann weiter sehen und weiter entscheiden“.

Ungleich kürzer angebunden gibt sich der Kreissprecher der Stuttgarter AfD, Andreas Mürter. Über „Mitgliederdaten und schwebende Verfahren“ könne man keine Auskunft geben, teilte er mit. Wenige Tage nach dem jüngsten Vorfall trafen Mürter und Markus P. beim Landesparteitag in Heilbronn aufeinander, wo die Liste für die Landtagswahl verabschiedet wurde. Auf Facebook bedankte sich der Bezirksbeirat für die Wahl zum Delegierten und teilte ein Foto, auf dem er inmitten seiner Stuttgarter Kollegen steht. Andere Bilder zeigen ihn bei Parteifreunden im Rathaus oder im Landtag – und mehrfach Seite an Seite mit Landeschef Frohnmaier.

Frohnmaier will Fall P. nicht kennen

Doch der „Ministerpräsidenten-Kandidat“ gibt sich gegenüber unserer Zeitung ahnungslos. Der angesprochene Vorgang – gefragt war nach dem „Ohrabbeißer“-Fall – sei ihm „schlicht und ergreifend nicht bekannt“. Viele Menschen bäten ihn inzwischen um ein gemeinsames Foto, was er in der Regel gewähre. Vorher prüfe er weder das polizeiliche Führungszeugnis, „noch kundschafte ich die Lebensgeschichte jeder einzelnen Person aus“. Ein gemeinsames Bild sei mithin „im Zweifel alles nur Zufall“ und keineswegs eine „Bewertung oder Positionierung zu dieser mir unbekannten Person“. Wie die Südwest-AfD generell mit straffällig gewordenen Mitgliedern umgeht, ob es unter Mandatsträgern einen auffälligen Hang zur Gewalt gebe, wie voriges Jahr eine „Correctiv“-Recherche ergab – das bleibt zunächst unbeantwortet. Auch zu Informationen, dass er den Bezirksbeirat sehr wohl persönlich kenne, äußert sich Frohnmaier nicht mehr.

Dabei macht der „Mann mit der extrem kurzen Zündschnur“ (ein AfD-Kollege) aus seinem Vorleben keinen Hehl. Manche Parteifreunde haben geradezu Angst vor ihm, fühlen sich schon durch seine Präsenz eingeschüchtert. Von Markus P. selbst war auf mehrere Nachfragen keine Stellungnahme zu erhalten. Auf Facebook plädiert er wie Frohnmaier für „Remigration“, präsentiert sich als Fan von Parteichefin Alice Weidel und spottet über Proteste bei einer Bezirksbeiratssitzung, wo er als „Neu-Nazi“ beschimpft worden sei. Seine Reaktion: wenn es um die deutsche Bevölkerung und um seine Kinder gehe, sei er „gerne ein Unmensch“.

Weitere Themen