Gewalttat in Bietigheim-Bissingen Messerattacke im türkisch-kurdischen Bandenmilieu

Von Susanne Mathes 

Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Heilbronn hat ein Prozess gegen zwei Männer wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags begonnen.

Am Heilbronner Landgericht war am Mittwoch Prozessauftakt – unter starken Sicherheitsvorkehrungen und großem Polizeiaufgebot. Foto: dpa
Am Heilbronner Landgericht war am Mittwoch Prozessauftakt – unter starken Sicherheitsvorkehrungen und großem Polizeiaufgebot. Foto: dpa

Bietigheim-Bissingen - Mord, versuchter Totschlag, Kindstötung: „Wir sind als Schwurgerichtskammer einiges gewohnt, aber diese Wochen toppen alles“, entfuhr es Roland Kleinschroth, dem Vorsitzenden Richter am Heilbronner Landgericht, am Mittwoch. Anlass seiner Feststellung war der Auftakt eines Prozesses gegen zwei Männer wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags, der unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und großem Polizeiaufgebot startete. „Irgendwann muss mal einer so helle sein zu sagen: Jetzt ist Schluss mit der Gewalt. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass Eltern ihr Kind im Grab sehen müssen“, sagte er.

So hätte die Messerstecherei, die es am 13. August vergangenen Jahres vor einer Shisha-Bar in Bietigheim-Bissingen gegeben hat, allerdings durchaus enden können: Ein 21-jähriger Kfz-Elektriker und ein 23-jähriger ungelernter Arbeiter sollen gegen 23 Uhr elfmal auf einen 23-jährigen Groß- und Außenhandelskaufmann eingestochen haben. Tatwaffe war ein Einhandmesser mit einer mehr als 15 Zentimenter langen Klinge. Bei dem Opfer kollabierte unter anderem ein Lungenflügel; der Mann überlebte schwer verletzt.

Verbindung zu Osmanen und Bahoz

Abgespielt hat sich die Tat offensichtlich im Milieu der verfeindeten rockerähnlichen Gruppierungen der türkischen Osmanen Germania und der kurdischen Bahoz. Alle Beteiligten gaben zwar an, diesen Banden selbst nicht anzugehören. Es gab aber zumindest Verbindungen. Das Opfer, das auch als Nebenkläger auftritt, räumte im Zeugenstand offen ein, Freunde bei den Osmanen zu haben, sich mit diesen auf Facebook zu präsentieren und mitunter auf türkischen Demonstrationen mit von der Partie zu sein. Die Angeklagten selbst wollten noch keine Angaben machen, „um Zeugen nicht die Möglichkeit zu geben, sich abzusprechen“, wie der Verteidiger des 21-Jährigen sagte. Beide hätten vor, zu einem späteren Zeitpunkt auszusagen. Mit dem Bandenstreit habe die Tat aber nichts zu tun.

Das Problem sei, erklärte der Anwalt, dass bei der Sache enorm viel Angst im Spiel sei. Erst recht, nachdem es am Sonntagabend vor derselben Shisha-Bar wieder eine Messerattacke gegeben habe. Der Verletzte war der Bruder des 21-jährigen Angeklagten. Nun steht die Frage im Raum, ob dies eine gezielte Einschüchterungstat vor dem Prozessauftakt gewesen sein könnte.

Warum es im August 2017 überhaupt zu der Eskalation kam, inwieweit ein angeblicher Machetenangriff auf den zweiten Angeklagten eine Rolle spielte und ob auch Eifersüchteleien um eine Frau im Spiel sind, wurde am Mittwoch nicht geklärt. Das türkischstämmige Opfer und die kurdischstämmigen Angeklagten kannten sich offensichtlich nur oberflächlich. Laut Aussage des Opfers hatte der Fakt genügt, dass es zufällig den Dönerladen betreten habe, der dem Vater des 21-Jährigen gehöre.

Neun weitere Verhandlungstage

Das – und vielleicht Eifersucht auf seinen Wohlstand – habe den 21-Jährigen veranlasst, ihn herauszufordern. Er selbst habe die Sache, wie es sich für Männer gehöre, mit Fäusten klären wollen, „reden funktionierte nicht“. Doch dann habe der 21-Jährige unvermittelt hinterrücks zugestochen. Sein Kumpel habe ihm geholfen.

Der Anwalt des 21-Jährigen sagte, vieles verhalte sich völlig anders. Das werde noch zur Sprache kommen. „In der Sache wurde unglaublich viel gelogen.“ Für den Fall sind neun weitere Verhandlungstage angesetzt.