Kerzen vor dem Haus erinnern an die Opfer der Schüsse am Sonntag in einem Lautlinger Wohngebiet. Foto: Jannik Nölke
Die polizeiliche Vernehmung der angeschossenen Tochter hat inzwischen mehr Licht in die Hintergründe der Familientragödie gebracht, bei der ein 63-Jähriger am Sonntag seinen Sohn und seine Schwiegermutter und anschließend sich selbst getötet hat.
Karina Eyrich
17.07.2024 - 04:00 Uhr
„In Memory“ steht auf einer kleinen Tafel, auf der fünf weiße Kerzen stehen – zum Gedenken an die 84-Jährige und ihren 24-Jährigen Enkel, die am Sonntag durch die Schüsse des 63-jährigen Schwiegersohnes und Vaters ihr Leben verloren haben. Und als Zeichen der Verbundenheit zu den überlebenden Opfern der Familientragödie: die 59-jährige Frau und die 26-jährige Tochter des Mannes, der sich in seinem Leben nie zuvor etwas hatte zu Schulden kommen lassen, wie die Staatsanwaltschaft Hechingen und das Polizeipräsidium Reutlingen inzwischen ermittelt haben und der Presse mitteilen.
Frau und Tochter waren von Schüssen schwer verletzt worden – die Tochter gar lebensgefährlich. Inzwischen ist sie außer Lebensgefahr, wie die Behörden mitteilen, und nach Recherchen unserer Redaktion bereits polizeilich vernommen worden. Zu den Ergebnissen der bisherigen Ermittlungen äußern sich die Behörden nur dürftig. Der 63-Jährige, der als Jäger auch legal Gewehre besaß, soll mit einer Pistole – auch sie durfte er aufgrund seines Jagdscheins besitzen – auf seine Familie geschossen und dann sich selbst getötet haben.
Ein polizeiliches Siegel verschließt die Haustür, hinter der sich am Sonntag die unfassbare Gewalttat ereignet hat. Foto: Jannik Nölke
Dass er sich aufgrund einer psychischen Erkrankung freiwillig in stationärer Behandlung befunden und diese über das Wochenende für ein Treffen mit seiner Familie unterbrochen habe, teilen die Behörden ebenfalls mit. Mit Blick auf sein Motiv gehen die Ermittler laut Pressemitteilung Hinweisen nach, wonach finanzielle Zukunftsängste und die Erkrankung eine Rolle gespielt haben könnten.
Notartermine unter Zeitdruck
Nach Recherchen des Schwarzwälder Boten soll der Mann vor der Tat mit seiner Familie spazieren gegangen sein und sie darüber informiert haben, dass er einem Immobilien-Hai aufgesessen sei. Von Schulden in Millionenhöhe ist die Rede. In diesem Zusammenhang stehen wohl auch die Notartermine, die der Mann unter Zeitdruck anberaumt haben soll. Staatsanwaltschaft und Polizei geben dazu keine Auskunft.
Bestätigt hat Ronny Stengel, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hechingen, auf Anfrage des Schwarzwälder Boten aber, dass der 24-jährige Sohn, bevor er sein Leben verlor, noch selbst einen Notruf abgesetzt haben soll. Dem Vernehmen nach war er beim Spaziergang nicht dabei, hatte stattdessen an einer Videokonferenz teilgenommen.
Was sich danach im Haus und im Garten der Familie des Investmentmaklers genau abgespielt hat, ist bislang nicht bekannt. Nachbarn hatten die Schüsse gehört und die Polizei verständigt. Wie verzweifelt der Mann gewesen sein muss, um zu einer solchen Tat fähig zu sein, bewegt die Menschen in Albstadt und im Zollernalbkreis nach wie vor. Die Frage nach dem Warum stellen viele, immer noch fassungslos.
Sohn und Vater auf einer Gemeinderatsliste
Bis zum Sonntag war die Familie als gut situiert bekannt, lebte unauffällig in einer ruhigen Wohngegend von Lautlingen. Sohn und Vater hatten bei der Wahl zum Gemeinderat am 9. Juni kandidiert – der 24-jährige Student der Politik- und Geschichtswissenschaft gar auf Platz drei der Liste, wäre mit seinem Stimmergebnis der erste Nachrücker seiner Partei für das Stadtparlament gewesen und hatte sich darauf gefreut, sich dann auch mit Stimmrecht für seine Heimatstadt einsetzen zu dürfen.
Diese Träume endeten jäh am Sonntag zur Mittagszeit. Nur ein paar Kerzen vor dem polizeilich versiegelten Haus erinnern daran, dass Albstadteines seiner größten politischen Talente verloren hat.