Gewerbe im Kreis Göppingen Ob Energiepreise oder Bürokratie – das Handwerk kämpft an vielen Fronten

Das Handwerk im Kreis Göppingen kämpft mit vielen Herausforderungen. Foto: dpa/Markus Scholz

Hohe Energiepreise und Bürokratie setzen den Handwerksunternehmen zu. Die Ruhestandswelle rollt, die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, sinkt. Was bedeutet das für den Kunden von morgen?

Kaum Veränderung, kein Wachstum – das Handwerk der Region Stuttgart kämpft gegen den Stillstand an. Das ist das Ergebnis einer Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Region Stuttgart. Mehr als zwei Drittel der Betriebe bewerten den Auftragseingang im letzten Quartal 2024 als gleichbleibend oder sinkend, nur ein Drittel spricht von einem Plus. Die gute Nachricht: Die Geschäftslage der Handwerksbetriebe der Region Stuttgart hat sich zumindest nicht grundlegend verschlechtert. Die schlechte: Sie hat sich aber auch nicht verbessert.

 

Auch der Göppinger Kreishandwerksmeister Jürgen Schmid macht keinen Hehl daraus, dass seine Kolleginnen und Kollegen im Filstal mit vielschichtigen Problemen zu kämpfen haben. „Die Bürokratie und die Energiepreise sind ein Riesenthema“, sagt er. Bäcker hätten wegen der explodierenden Kosten teilweise Filialen schließen müssen, nennt er ein Beispiel. Auch die notwendige Mobilität der Handwerker schlage ins Kontor, sprich die Benzinpreise. Schmid hat einen Tipp: „An der Tankstelle ist es morgens am teuersten. Lieber abends tanken, das macht extrem was aus. Und auch den Stromanbieter zu wechseln, bietet eine kleine Chance.“

Energiepreise contra Wettbewerbsfähigkeit

Schmid weiß um die Krux: Unendlich könne man die gestiegenen Kosten nicht an die Kunden weitergeben. „Die meisten im Handwerk versuchen, das sozial aufzufangen.“ Schmid fordert die Politik auf, das Thema Energiepreise anzugehen, damit die Wirtschaft in Deutschland wieder wettbewerbsfähig werde. Er ist aber zugleich überzeugt, dass der Strompreis in Zukunft nicht günstiger wird. Und für Investitionen in alternative Energien „haben die Betriebe das Geld gar nicht“, sagt er.

Das Thema Fachkräftemangel sei hingegen nicht so groß, erklärt der Kreishandwerksmeister, und von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Das bestätigt auch Alexander Bremora, seit Anfang Januar Geschäftsstellenleiter bei der Kreishandwerkerschaft: „Von 2023 auf 2024 gab es ein Plus von zehn Prozent im Handwerk.“ Doch selbst wenn derzeit offenbar noch genügend Mitarbeiter zu bekommen sind: „Der Kampf um junge Leute geht ja erst richtig los. Und das Handwerk ist eben nicht so sexy“, meint Schmid. Aufgrund der vielen Herausforderungen – neben hohen Energiepreisen sind das auch inflationsbedingte Kaufkraftverluste und der Einbruch der Neubautätigkeit, den das Handwerk spürt – liebäugeln immer mehr Handwerker mit einer früheren Schließung des Betriebs. „Nach dem Motto: Mir reicht’s voll aus“, sagt Jürgen Schmid.

Hinzu kommt der demografiebedingt ohnehin große Anteil an bevorstehenden Betriebsschließungen beziehungsweise -übergaben. Wenn man denn überhaupt jemanden findet, der diesen Schritt gehen will. „Wegen der überbordenden Bürokratie sinkt die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen“, berichten Schmid und Bremora. Ringt sich ein Meister durch, einen Betrieb zu übernehmen, geht es oft auch ums Geld. „Die Banken haben viele Auflagen und wollen Sicherheiten“, nennt der Kreishandwerksmeister eine weitere Hürde. Fazit: Es werde deutlich mehr Schließungen als Übernahmen geben.

Wird man als Kunde denn in drei, fünf oder zehn Jahren noch einen Elektriker oder Sanitär-Spezialisten finden, wenn man ihn braucht? Schmid hat hier einen Rat: „Das Schnäppchen im Internet mag sich zunächst rechnen. Aber wenn ich keinen Handwerker finde, der sich dann darum kümmern kann, hat man ein Problem. Da geht es auch um Fragen der Gewährleistung.“ Wie geht es weiter? „Wir brauchen politische Stabilität und ganz klare Ansagen“, lautet eine Forderung an die neue Bundesregierung. Beim Blick auf die gesamtwirtschaftliche Lage im Filstal meint Jürgen Schmid: „Wir sind froh, wenn wir auf dem Level bleiben.“

Umfrage soll Stimmungsbild bringen

Um ein Stimmungsbild zur aktuellen Situation zu bekommen, hat die IHK-Bezirkskammer Göppingen in Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft eine Standortumfrage gestartet. „Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage und der großen wirtschaftspolitischen Unsicherheiten ist es umso wichtiger, hier vor Ort die Standortbedingungen im Kreis Göppingen für die Unternehmen und Investoren auf den Prüfstand zu stellen und zu verbessern“, betont Edith Strassacker, die Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Göppingen. Zusätzlich will sich die IHK im Kreis Göppingen den konkreten Bürokratieabbau auf die Fahnen schreiben. Zusammen mit der Stadtverwaltung will man ein Pilotprojekt zum Bürokratieabbau in der Verwaltungspraxis starten.

Der Kreishandwerksmeister Schmid will trotz allem aber nicht zu schwarz malen. „Das Handwerk ist ein solider und konstanter Steuerzahler“, unterstreicht er. Eine Verlagerung ins Ausland komme so gut wie nicht in Frage. „Das heißt aber auch: Wir sind auf Gedeih und Verderb der Entwicklung hier ausgeliefert.“ Er und Bremora wollen für das Handwerk werben – als familienfreundliche Unternehmen, die einen sicheren Arbeitsplatz, Karrierechancen und den Kontakt zu Menschen bieten. Schmid ist überzeugt: „Das Handwerk braucht man immer. Man wird ihm noch die Füße küssen.“

2000 Unternehmen im Kreis befragt

Zufriedenheit
 Für die Standortumfrage im Kreis Göppingen wurden rund 2000 Unternehmen aus allen Branchen per E-Mail angeschrieben und um ihre Meinung gebeten. Die Unternehmen werden gefragt, wie wichtig ihnen einzelne Standortfaktoren sind und wie gut oder schlecht sie diese beurteilen. Mit der groß angelegten Umfrage wollen die IHK-Bezirkskammer Göppingen und die Kreishandwerkerschaft anschließend eine detaillierte Analyse des Wirtschaftsstandortes vorlegen.

Bürokratieabbau
 Zusätzlich plant die IHK-Bezirkskammer mit Unternehmen und der Stadt Göppingen ein Pilotprojekt zum Bürokratieabbau in der Verwaltungspraxis. Ein Schwerpunkt der Umfrage beschäftigt sich daher mit Fragen zur Bürokratiebelastung. Die Umfrage geht noch bis Freitag, 4. April. Wer sich beteiligen möchte, kann bei der IHK-Bezirkskammer Göppingen unter Telefon 0 71 61/67 15-84 10 oder per E-Mail an info.gp@stuttgart.ihk.de einen Teilnahmelink anfordern.​ 

Weitere Themen