Es ist noch ein langer Weg, bis sich auf den Talwiesen im Wernauer Neckartal die ersten Firmen und Betriebe ansiedeln können. Dass dieser Weg auch ein mühsamer werden dürfte, wurde am Montagabend während der Gemeinderatssitzung deutlich. Zum Bebauungsplan Neckartal III lieferten die beteiligten Planungs- und Fachbüros einen Sachstandsbericht ab: Natur- und Artenschutz, Verkehr und städtebauliche Überlegungen standen auf der Agenda.
Das vorgesehene Areal der ehemaligen Wasserversorgung – zwischen der Esslinger Straße und dem Neckar gelegen – hat zwischen der Kirchheimer Straße im Süden und der Antoniusstraße im Norden eine Gesamtgröße von 8,8 Hektar. Wie viel davon letztlich als Netto-Nutzfläche zur Verfügung steht, ist noch offen. Fest steht: das Gewerbegebiet wird schrumpfen, weil die Differenz zwischen Brutto und Netto größer ausfallen muss, als ursprünglich angenommen.
Die Zauneidechsen sind nicht das Problem
Der Grund dafür ist in den bisherigen Untersuchungen zum Natur- und Artenschutz zu finden, deren Ergebnisse Florian Gautsch und Professor Christian Küpfer vom Nürtinger Büro StadtLandFluss vorstellten. Dass es in dem bisherigen Grün- und Erholungsgebiet kreucht und fleucht, ist dabei nicht mal das Hauptproblem. Die dort lebenden Zauneidechsen halten sich hauptsächlich am Neckarufer auf, das bei einer Bebauung ohnehin außen vor bliebe, sowie im nördlichen Teil des Plangebiets. Außerdem könnten die bekanntermaßen geschützten Kleinreptilien leicht umgesiedelt werden.
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Das wiederum geht mit den sogenannten Mager-Flachland-Mähwiesen naturgemäß nicht. Diese FFH-Wiesen gibt es in dem Bereich in Hülle und Fülle. Gut 2,1 Hektar, also fast ein Viertel der zur Verfügung stehenden Fläche, haben die Fachleute erfasst, der Großteil davon mittendrin gelegen. „Wie lässt sich das ausgleichen?“, wollte Stefan Prakesch (Grüne) wissen. „Nur durch solche Mähwiesen an einer anderen Stelle“, erklärte Florian Gautsch und ergänzte, dass sie seit Anfang März gleichzeitig auch als gesetzlich geschütztes Biotop eingestuft würden.
Ausgleichsflächen sind wohl vorhanden
Sein Kollege Küpfer betonte, „dass man sich nach der Decke strecken muss, um solche FFH-Mähwiesen zu ersetzen“. Es gebe auf Wernauer Gemarkung jedoch Flächenpotenziale, das größte davon mit 1,25 Hektar zwischen der Bundesstraße 313 und dem Fischersee, fügte er hinzu. „Ich bin optimistisch, dass das alles in allem reichen könnte“, sagte er. Eine stellenweise genauere Beobachtung, die im Mai oder Juni noch erforderlich ist, soll in dieser Hinsicht endgültige Klarheit bringen. Grünflächen vor Ort zu erhalten, Dachbegrünungen mit Fotovoltaikanlagen, eine möglichst große Wasserrückhaltung und eine Baumreihe zwischen dem Weg am Neckar und den Gebäuden würden ebenfalls helfen, den Eingriff zu minimieren. „Machbar ist das aber“, zog Küpfer sein Fazit, das den Einschätzungen von Michael Breuninger vom Stuttgarter Büro Agos entsprach.
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„Das ist ein gewaltiger Schritt von einer Grün- , Erholungs- und Erweiterungsfläche zu einem Gewerbegebiet“, sagte er. Zumal die städtebaulichen Überlegungen in solchen Fällen und trotz 3D-Animation schwierig darzustellen seien, weil die genauen Erfordernisse, also was für Einzelgrundstücke gebraucht würden, ja noch nicht vorliegen würden. „Außerdem hat das Gehölz innerhalb des Geländes hochwertige Strukturen“, fuhr er fort. Man könne sich deshalb die ersten Entwürfe sowie „eine Erschließung wie wir sie vorhatten, abschminken“ und sei inzwischen bei zwei Varianten gelandet, die mit einer reduzierten Netto-Gewerbefläche von unter fünf Hektar auskämen.
Am 9. Mai wird weiterdiskutiert
In beiden Fällen bleiben der „Wernauer Hügel“ im Süden und die Mähwiesen im Norden des Areals erhalten. Dramatisch ist das für Breuninger indes nicht: „Diese hochwertige Stelle am Ortseingang, die zudem von allen Höhenlagen aus zu sehen ist, sollte schon einen gewissen Charakter erzeugen.“
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Was für ein „Charakter“ das sein könnte und wie es mit dem Entwicklungsprozess an sich weitergehen soll, wird der Gemeinderat in seiner Sitzung am 9. Mai diskutieren. Das Gremium war sich einig, dass die „Informationsflut“, wie es von mehreren Seiten hieß, erst einmal in den Fraktionen besprochen werden soll. Bürgermeister Armin Elbl stellte derweil klar, dass auch in der nächsten Runde noch kein Beschluss fallen wird. „Wir möchten aber schon wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte er.
„Richtig“ wäre für den Wernauer Bund der Selbstständigen, wie aus einer Stellungnahme hervorging, die im Verlauf der Sitzung vorgetragen wurde, dass es möglichst schnell geht. Ob dieser Wunsch erfüllt werden kann, ist dabei eine ganz andere Frage.
Auch über die verkehrliche Erschließung muss noch gesprochen werden
Knotenpunkte
Drei Möglichkeiten, das Gewerbegebiet Neckartal III für den Verkehr zu erschließen, sind bislang angedacht. Die Planer, Thomas Bolz und Steffen Eckert, sprechen von möglichen Knotenpunkten, die an der Kirchheimer Straße, auf Höhe der Talstraße oder auf Höhe der Antoniusstraße liegen. Das Problem dabei ist die bereits vorhandene Belastung der Esslinger Straße mit rund 13 000 Fahrzeugen täglich beziehungsweise der gesamten Kreuzung mit der Kirchheimer Straße. Dort ist das Verkehrsaufkommen ungefähr doppelt so groß.
Lösung
Da der Verkehr in diesem Bereich zu Stoßzeiten jetzt schon staut, ist aus Sicht der Experten eine Hauptanbindung des Gewerbegebiets, möglichst weit von der Kreuzung entfernt, sinnvoll. Eine weitere Zufahrt, die dann mit einer Ampelanlage oder mit Beschränkungen beim Abbiegen versehen sein müsste, halten Bolz und Eckert darüber hinaus für angebracht. In welcher Form die Hauptanbindung erfolgen soll, muss noch besprochen werden: Linksabbiegerspur ohne Ampel, Linksabbiegerspur mit Ampel oder Kreisverkehr. Die von Eckert vorgelegten Zahlen beschreiben den Ist-Zustand. Eine Prognose, wie sich der Verkehr entwickeln könnte, gibt es bis jetzt noch nicht.