Gewerbegebiete Flächensuche trifft auf Widerstände

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Die Region prüft fünf Gebiete im Kreis auf ihre Eignung für Gewerbe. Eine seltene Allianz aus Landrat und Naturschützern übt Kritik: es gebe noch genügend Reserven.

Hier ist noch Platz, finden die Betreiber des Gewerbeparks Eichwald. Foto: factum/Granville
Hier ist noch Platz, finden die Betreiber des Gewerbeparks Eichwald. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Viel Rot, wenig Grün: ein Blick auf die kürzlich publizierte Übersichtskarte des Verbands Region Stuttgart genügt, um die Sorgen des Ludwigsburger Landrats zu verstehen. Laut einer Studie ist Ludwigsburg derjenige Kreis in der Region, in dem es am wenigsten Grünflächen, Erholungsraum und vom Menschen ungenutzten Boden gibt. Das hat der Landrat Rainer Haas wohl im Hinterkopf gehabt, als er unlängst öffentlich seine Bedenken zum Thema Flächenverbrauch kundtat.

Er wolle keineswegs den Verband Region Stuttgart kritisieren, betonte Haas. Der aktuell angestoßene Suchlauf nach Ersatzgewerbeflächen für die nicht realisierbaren Gebiete Pleidelsheim/Murr und das Güterverkehrszentrum Kornwestheim sei „sicher richtig und nötig“. Bei seiner Fahrt zur Arbeit von Leonberg nach Ludwigsburg sehe er jedoch täglich ein Beispiel dafür, wie viel die Wirtschaft und die Politik der Natur und den Freiflächen zumuten: die Firma Thales in Ditzingen erhebe sich am Rand der A 81 „fast schon wie ein Berg“.

„Ich sehe Diskussionsbedarf“

Deshalb habe der Suchlauf der Region – fünf Gebiete mit potenziell 100 Hektar (siehe Grafik) – bei ihm eine gewisse Skepsis ausgelöst. „Ich sehe da einen Diskussionsbedarf“, sagt der Landrat, „wir müssen uns fragen, ob wir wirklich den ganzen Freiraum zwischen Bietigheim-Bissingen, Sachsenheim und Tamm zubauen wollen.“ Irgendwann, so Haas, „droht das Ganze auf Kosten der Standortqualität zu gehen“. Er habe auch „mehr und mehr Bedenken“, wenn neue Gebiete für Betriebe ausgewiesen würden, die ihre Wurzeln nicht in der Region hätten.

Daraus ist inzwischen eine ungewöhnliche Allianz entstanden: Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bemängelt das Gebaren der Region, wenn auch deutlich schärfer. „Ich bin sehr dankbar, dass der Landrat die Pläne skeptisch sieht“, sagt der BUND-Kreisvorsitzende Stefan Flaig.

Sein Verband habe wiederholt darauf hingewiesen, „dass es schon ausreichend Flächenreserven für Gewerbe gibt“. Auf einer Karte der Wirtschaftsregion habe er allein im Kreis Ludwigsburg insgesamt 98 Hektar bereits voll erschlossener Fläche gefunden. Er habe zudem erhebliche Zweifel daran, dass die Ergebnisse einer Bedarfsumfrage der Region in der Wirtschaft wirklich zuträfen. „Da werden Kommunen gegeneinander ausgespielt“, sagt Stefan Flaig. Die Unternehmen würden in der Regel in mehreren Rathäusern anfragen, um günstigere Angebote zu erhalten. „Bei einer Umfrage kommen dann beim Flächenbedarf viel zu hohe Summen raus.“

„Wir müssen mit Freiraum sparsam umgehen“

Thomas Kiwitt sieht die Kritik gelassen. „Eine allein quantitative Betrachtung hilft uns auf Dauer nicht weiter“, sagt der Chefplaner beim Verband Region Stuttgart. Das Beispiel des umzugswilligen Autozulieferers Magna in Markgröningen habe gezeigt, „dass wir nicht schnell genug die passenden Flächen zur Verfügung hatten“. Grundsätzlich sieht Kiwitt aber „gar keinen so großen Widerspruch zum Landrat Haas“.

Die Region verstehe sich als Hüterin der Freiflächen im Ballungsraum. „Wir müssen mit unserem Freiraum sparsam umgehen.“ Gleichzeitig hänge der Wohlstand im Mittleren Neckarraum nun einmal auch am Wohlergehen der hiesigen Unternehmen. „Es ist schon heute so, dass wir vielen Firmen, die erweitern oder umziehen wollen, nichts anbieten können.“ Deshalb bestehe akuter Handlungsbedarf. „Die Spielräume werden enger“, sagt Kiwitt.

Überall das selbe Problem

Bei der Veranstaltungsreihe zur Präsentation des Suchlaufs, die am kommenden Montag in Ingersheim beginnt (18 Uhr, SKV-Halle), rechne er durchaus mit kritischen Tönen. Ihm sei bewusst, dass man etwa in Freiberg das Gebiet bei Ingersheim skeptisch sehe – aus Angst vor Lkw-Verkehr. Auch betone man etwa im Strohgäu, dass durch neue Gewerbegebiete wertvolle Ackerböden verloren gingen. „Dieses Problem haben wir fast überall“, sagt Kiwitt.

Je größer der Widerstand – etwa durch eine Bürgerinitiative im Bottwartal, die gegen das Gebiet „Holzweiler Hof“ mobilmacht –, desto größer sind anderswo die Hoffnungen. Das Gewerbegebiet Eichwald zwischen Sachsenheim und Sersheim könne womöglich schon dieses Jahr bis zu 28 Hektar Fläche anbieten, sagt der Sachsenheimer Bürgermeister Horst Fiedler. Das Gebiet sei zudem nur zehn Minuten von der Autobahn entfernt. Und auch das Gebiet Ensingen-Süd, neben dem Eichwald ebenfalls Gewerbeschwerpunkt im Regionalplan, hat laut dem Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch noch 40 Hektar Entwicklungspotenzial. „Eine ganzheitliche Betrachtung würde die Gebiete bei uns stärker beleuchten“, bemängelt Maisch. Thomas Kiwitt hält dagegen: Eichwald, Ensingen-Süd und Ottmarsheim (Besigheim) seien bei der Bedarfsplanung schon berücksichtigt. „Uns fehlen Standorte mit größerer Nähe zur Autobahn“, sagt der Chefplaner.