Verdi-Chef Frank Bsirske sieht – am Beispiel des Versandhändlers Amazon – durch die Digitalisierung große Gefahren auf die Arbeitswelt zukommen. Er treibt seine Gewerkschaft beim Bundeskongress in Leipzig an, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Leipzig - Der seit Mai 2013 währende Arbeitskampf beim Online-Versandhändler Amazon, den Verdi jetzt auf acht von neun deutschen Standorten ausweiten konnte, hat für die Gewerkschaft eine exemplarische Bedeutung. „Was wir bei Amazon antreffen“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske am Mittwoch auf dem Leipziger Bundeskongress, „klingt nach Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts und ist zugleich ein auf die Zukunft gerichtetes Labor der Ausbeutung“. Daher will Verdi mit den Streiks erst nachlassen, wenn ein Tarifvertrag auf dem Niveau des Handels erreicht wurde.

 

Detailliert schildert Bsirske am Beispiel Amazon die Risiken der digitalisierten Arbeitswelt: Scanner zeichneten jeden Schritt eines Mitarbeiters auf, und auf Inaktivität folge die Maßregelung. „Bei Amazon treffen wir auf ein System totaler Kontrolle“, klagt er. Hinzu komme, dass viele Mitarbeiter nur befristet eingestellt würden und dadurch ständig vom Jobverlust bedroht seien. „Wer nicht mithalten kann oder will, wird aussortiert.“ Die Folge seien „extrem hohe Krankenstände von 20 Prozent und mehr“. Amazon wolle weltweit die „Amerikanisierung der Arbeitsbeziehungen“ einführen.

Nahles will „nicht jeden Scheiß kopieren“

In seiner Grundsatzrede treibt der Verdi-Chef die Gewerkschaft zur fundamentalen Neuausrichtung. In einer Arbeitswelt mit digitaler Transparenz seien Daten ein „Herrschaftsinstrument“. Den Wandel von Dienstleistungen müsse Verdi genauso mitgestalten wie die „digitale Prekarisierung, wie wir sie bei den Clickworkern als modernem Proletariat erleben“. Amazon betreibt mit einer US-Tochterfirma eine Internetplattform, auf der weltweit Mikroaufgaben für Soloselbstständige ausgeschrieben werden – ohne Gewähr einer Entlohnung. Das Recht auf geistiges Eigentum und das Recht auf Bezahlung seien beim „Crowdsourcing“ zum Nachteil der Arbeitsanbieter geregelt.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) springt ihm in Leipzig zur Seite: „Wir haben Flexibilität und gute Arbeitsbedingungen und müssen nicht jeden Scheiß kopieren, den andere uns aufdrücken wollen.“ Mit neuen Vorschriften will sie der Erosion des Tarifsystems, einem Übermaß an Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen und der heimlichen Überwachung durch Datenmissbrauch entgegenwirken.