Gewerkschaftsbilanz IG Metall bald unter zwei Millionen Mitglieder

Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner kritisiert die Wahl des neuen Präsidenten aufseiten des Metallarbeitgeberverbands. Foto: AFP

Die IG Metall wird von Personalabbau, Verlagerungen und Demografie gebeutelt: Sie verliert rund vier Prozent der Mitglieder. In der Tarifrunde will sie sich trotzdem nicht zurückhalten.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die IG Metall, größte deutsche Gewerkschaft, droht bei der Mitgliederzahl unmittelbar unter die Zwei-Millionen-Grenze zu fallen. Zum Jahreswechsel zählte sie noch 2,015 Millionen Beitragszahler – das ist ein Minus von 3,9 Prozent für 2025. Vor zehn Jahren waren es noch 2,274 Millionen.

 

Industrie hat 140 000 Beschäftigte verloren

Neben der Alterung der Belegschaften machen der Gewerkschaft Personalabbau, Verlagerungen sowie weniger Ausbildung zu schaffen. Allein im vorigen Jahr hat die Metall- und Elektroindustrie nach IG-Metall-Angaben mehr als 140 000 Beschäftigte verloren. „Wo die Beschäftigtenzahl anhaltend und im großen Maße sinkt, sinkt auch die Mitgliederzahl“, sagt die Vorsitzende Christiane Benner. 1,46 Millionen Mitglieder arbeiteten Ende 2025 im Betrieb; der Frauenanteil verharrte bei gut 18 Prozent.

Besonders die IG Metall Baden-Württemberg wird von der Krise der Industrie gebeutelt und hat nur noch 393 780 Beitragszahler (minus 3,9 Prozent). „Unsere Stärke in den Betrieben bleibt ungebrochen“, betont Bezirksleiterin Barbara Resch. „Wo Konflikte auftreten, sind wir präsent und durchsetzungsfähig.“

Dies soll auch für die Tarifrunde im Herbst gelten. Das zuständige Vorstandsmitglied Nadine Boguslawski erteilt dem von der Arbeitgeberseite erwarteten Lohnverzicht der rund 3,8 Millionen Beschäftigten in der Krise schon mal eine Absage: „Pauschale Eingriffe in das Entgelt lehnen wir ab“, sagt die Stuttgarterin. „Eine Nullrunde würde Stillstand bedeuten – das können und werden wir uns nicht leisten.“ Der Konsum bundesweit sei angesichts wegbrechender Exporte „einer der Hoffnungsschimmer“ für die Wirtschaft. „Träger des Aufschwungs 2026 werden wieder die Beschäftigten sein – deswegen ist Lohnzurückhaltung kontraproduktiv.“

Kritik am Gesamtmetall-Präsidenten

Dass ihr künftiger Gegenüber auf Ebene des Arbeitgeberdachverbands, Udo Dinglreiter, von einem nicht tarifgebundenen Unternehmen in Bayern kommt, „finden wir nicht gut“, sagt die IG-Metall-Vorsitzende. Dessen Wahl zum Präsidenten von Gesamtmetall „haben wir ein Stück weit als Affront aufgegriffen, muss ich ganz ehrlich sagen.“ Die IG Metall kritisiere OT-Mitgliedschaften (ohne Tarifbindung). Es sei daher „eine Schwierigkeit, wenn Gesamtmetall sein eigenes Produkt, Tarifverträge, so schlecht vermarktet, wie es im Moment passiert“.

Ihr Ehrgeiz sei es jedoch, den neuen Präsidenten von einer Tarifbindung zu überzeugen – in diesem Instrument steckten Chancen, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. In diesen schwierigen Zeiten brauche es ein starkes sozialpartnerschaftliches Signal. Insofern werde die Wahl Dinglreiters bei Gesamtmetall „bei uns in den Belegschaften auch kritisch diskutiert“.

„Ohne uns wäre es in der Industrie zappenduster“

Trotz hoher Konfliktbereitschaft an der Basis sei die Gewerkschaft allerdings bereit, mit den Arbeitgebern zu Verbesserungen zu kommen: „Wir erwarten eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und eine klare Unterstützung unserer Initiative für Arbeit und Aufschwung.“ Benner fordert sie auf, die Deindustrialisierung des Landes zu stoppen – mit einem „klaren Bekenntnis gegen Verlagerungen, Standortschließungen und Kündigungen“. Gemeinsam könne man auch die Ursachen für hohe Krankenstände auf betrieblicher Ebene analysieren und Gegenmaßnahmen entwickeln.

„Die IG Metall, ihre Betriebsräte und die Beschäftigten haben geliefert“, sagt Benner. „Die Beschäftigten verzichten auf Milliardenbeträge.“ Im Gegenzug sei es gelungen, Zehntausende Arbeitsplätze zu sichern und Investitionszusagen für deutsche Standorte zu vereinbaren. „Ohne uns wäre es in der deutschen Industrie schon zappenduster“, versichert sie. Nun aber liege der Ball für die Arbeitgeber „auf dem Elfmeterpunkt“.

Angriffe auf Sozialstaat erzeugen Frust

Benner wendet sich zudem gegen die anhaltende Kritik von Bundeskanzler und CDU am Sozialstaat. „Die wirtschaftliche Situation hat viele Ursachen: Zölle, Markteinbrüche, geopolitische Verwerfungen – anstatt dies anzuerkennen, wird viel zu oft auf den Sozialstaat geschimpft; das muss aufhören.“ Kranke und überarbeitete Beschäftigte „exportieren keine zusätzliche Maschine“. Die Menschen zeigten „Frust darüber, dass sie vonseiten der Politik beschimpft werden, zu wenig zu arbeiten oder zu krank zu sein“. Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen, sei „unanständig“ – es führe zu Polarisierung und mehr Härte. „Da ist eine echt schwierige Stimmung in den Unternehmen.“

„Entsetzt“ zeigt sich Benner darüber, dass der Wirtschaftsflügel der CDU, die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), mit einem Antrag auf dem Stuttgarter Parteitag am 20./21. Februar den „Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ einschränken will – der gesetzlich fixierte Rechtsanspruch soll nur noch bei „Vorliegen einer besonderen Begründung“, etwa Kinderbetreuung, gelten.

„Ich finde das eine absurde Debatte“, empört sich die Gewerkschaftschefin. „Es hilft der Wirtschaft nicht, wenn die Geisterfahrer der Wirtschaftsunion Teilzeitbeschäftigte in Misskredit bringen.“ Viele nicht in Vollzeit tätige Frauen würden gerne mehr arbeiten. Fehlende Kindertages- und Pflegeplätze, falsche Anreize wie das Ehegattensplitting und Minijobs sowie „unwillige Arbeitgeber“ würden dies aber verhindern.

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