Gewerkschaftsgründung bei Google Der digitale Arbeitskampf

Google-Mitarbeiter demonstrierten im Jahr 2018 wegen des Umgangs im Unternehmen mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung. Foto: AFP/Bryan R. Smith, privat

Nachdem Google in letzter Zeit etliche Verfehlungen vorgeworfen wurden, versucht nun eine Gewerkschaft die Moral hoch zu halten.

Digital Desk: Felix Frey (fog)

Stuttgart - In den Leitlinien von Google heißt es „Don’t be evil“ – zu Deutsch: Sei nicht böse. Als der US-amerikanische Konzern sich im Jahr 2015 neu aufstellte und zur Tochterfirma von Alphabet wurde, verschwand der Slogan kurzzeitig aus den Leitlinien. Die Aufregung in der Onlinewelt war groß und manch ein Angestellter hätte das Ereignis auch als schlechtes Omen deuten können.

 

Seither sah sich Alphabet immer wieder Sexismusvorwürfen ausgesetzt und war in Debatten um digitale Ethik verwickelt, sodass einige Angestellte den Konzern nun dazu auffordern, sich an seinen eigenen Leitspruch zu erinnern und ihm gerecht zu werden. Im Januar dieses Jahres wurde dazu in den USA die Alphabet Workers Union (AWU) gegründet. Eine Gewerkschaft mit etwa 800 Mitgliedern, die sich unter anderem für mehr Transparenz einsetzt und einen moralisch vertretbaren Umgang mit Googles Datenmacht einfordert.

Abfindung trotz eines Skandals

Denn wie Google mit dem Wissen über seine Nutzer umgeht, betrifft nahezu jeden Menschen, der ans Internet angeschlossen ist: Unter den Suchmaschinen ist Google der Platzhirsch mit 90 Prozent Marktanteil auf Mobilgeräten. Dazu kommen andere zum Konzern gehörende Dienste, wie die Navigationsapp „Maps“ oder die Videoplattform „Youtube“. Google ist aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken.

Dass sich binnen kurzer Zeit so viele Menschen gewerkschaftlich organisiert haben, ist ungewöhnlich für ein Land, in dem sonst meist nach dem „hire and fire“-Prinzip gearbeitet wird und in dem die organisierte Arbeitnehmervertretung eher Ausnahme als Regel ist. Ein Grund dafür könnte das Ausmaß der Vorwürfe sein, die gegen Google gerade beim Thema Ethik im Raum stehen: Der Erfinder des Smartphone-Betriebssystems „Android“, Andy Rubin, wurde beschuldigt, sexuelle Übergriffe begangen zu haben. Obwohl interne Untersuchungen die Vorwürfe als glaubwürdig einstuften, erhielt Rubin im Jahr 2014 eine Abfindung über 90 Millionen Dollar. Öffentlich gemacht hatte das die Zeitung „New York Times“ im Jahr 2018, noch bevor Google selbst sich dazu äußerte. Rubin bestreitet die Vorwürfe.

Suchmaschine für China

Unter dem Codenamen „Dragonfly“ (Libelle) wollte Google zudem eine Suchmaschine für den chinesischen Markt entwickeln. Amnesty International warnte vor zwei Jahren: „Falls die geplante Such-App nur eine streng zensierte Online-Suche möglich macht, kommt das einer Zusammenarbeit Googles mit einer der repressivsten Regierungen gleich.“ Nach massiver Kritik aus Politik und Gesellschaft, sah sich Google dann schließlich gezwungen, die Entwicklung einer Suchmaschine für China ganz einzustellen.

Erst im Februar feuerte der Konzern Margaret Mitchell, eine Forscherin, die sich mit der Ethik von Künstlicher Intelligenz befassen sollte. Sie wiederum hatte sich schützend vor ihre Kollegin Timnit Gebru stellen wollen, die im Dezember 2020 den Konzern verlassen hatte.

Und jetzt soll die AWU wieder für geordnete Verhältnisse sorgen. Wobei die Themenschwerpunkte eher gesellschaftliche Fragen, als Gehaltserhöhungen sind. Die Gewerkschaft will sich dafür einsetzen, dass der interne Umgang sich verändert und Diskriminierung nicht stattfinden kann. Auf der anderen Seite, so postuliert es die Gewerkschaft auf ihrer Website, seien sich die Angestellten der Macht des Konzerns bewusst. Man wolle das „Gewissen“ des Konzerns sein, da Alphabet inzwischen das Leben vieler Menschen auf der ganzen Welt beeinflusse.

Betriebsrat in Europa

Doch was nützt die AWU? Google hat weltweit rund 102 000 direkt beschäftigte Arbeitnehmer, so berichtet es die „New York Times“. Noch viel mehr Menschen, nämlich 121 000, sind Werksvertragnehmer oder Zeitarbeiter. Um in den USA als Gewerkschaft anerkannt zu werden, müssen in den einzelnen Betrieben mindestens 50 Prozent der Angestellten für die bloße Existenz einer Gewerkschaft stimmen, um dann auch als solche anerkannt zu werden.

Sich zusammen zu tun und den Forderungen einfach mit einem Streik Nachdruck zu verleihen, ist wegen des fehlenden Kündigungsschutzes in den USA kaum möglich. Die AWU hat also einen langen Weg vor sich, doch sie hat auch Vorbildfunktion. So haben Google-Mitarbeiter jetzt einen europäischen Betriebsrat ins Leben gerufen. Gegenüber unserer Zeitung äußert sich Google-Sprecher Ralf Bremer zum Umgang mit Betriebsräten nur allgemein: „Wir haben immer alles getan, damit unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Arbeitsumfeld vorfinden, in dem sie sich wohl und für ihre Arbeit honoriert fühlen. In mehreren Ländern Europas gibt es bereits seit einiger Zeit Google-Betriebsräte, mit denen wir einen konstruktiven und offenen Dialog führen.“ Zudem seien Betriebsräte für Google in Europa nicht neu, so gebe es etwa in Frankreich seit über 10 Jahren einen Betriebsrat. Den gesamteuropäischen Betriebsrat haben die Angestellten in der Chefetage schriftlich eingefordert – jetzt wird verhandelt. Der Europabetriebsrat hat allerdings keinerlei Mitbestimmungsrechte und soll bislang vor allem der Information und der Anhörung dienen.

Es brodelt auch bei Amazon

Es sind kleine Schritte, die aber auch bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) gerne gesehen werden. IT-Bundeskoordinatorin Christine Muhr begrüßt die jüngsten Entwicklungen: „Wir freuen uns über die Entwicklungen in den USA und stehen in unserem europäischen Bündnisnetzwerk natürlich beratend zur Seite“, sagte sie unserer Zeitung. Die Zeit des blinden Vertrauens gegenüber dem Arbeitgeber scheint in der IT-Branche endgültig vorbei zu sein, denn: „IT-Beschäftigte sind sich ihrer Verantwortung bewusst“, sagt Muhr. Die Digitalisierung verändere Arbeitsprozesse. Man müsse diese kritisch begleiten und, wenn notwendig, auch anpassen.

Um Anpassungen kämpft Verdi bereits seit Längerem auch beim Internet-Giganten Amazon. Schon seit Jahren wird hier ein Tarifvertrag gefordert. Immerhin: seit 2014 gibt es an allen deutschen Amazon-Versandzentren einen Betriebsrat. Von einem Tarifvertrag ist man bei Amazon allerdings noch weit entfernt.

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