Gewerkschaftstag in Nürnberg IG Metall peilt wieder starkes Lohnplus an

Jörg Hofmann hat an den Arbeitgebern derzeit vieles auszusetzen. Foto: dpa/Daniel Karmann

Auf dem Gewerkschaftstag in Nürnberg geht IG-Metall-Chef Jörg Hofmann am Tag nach seinem dürftigen 71-Prozent-Ergebnis in die Offensive – vor allem gegen die Arbeitgeber und Unternehmen, denen er Verantwortungslosigkeit vorwirft.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Nürnberg - Schon 24 Stunden später mag vielen Delegierten bewusst geworden sein, was sie mit ihrem 71-Prozent-Wahlergebnis für den Vorsitzenden Jörg Hofmann angerichtet haben. Minutenlang wird er nach seinem Zukunftsreferat auf dem Nürnberger Gewerkschaftstag beklatscht und mit stehenden Ovationen bedacht. Der Abgestrafte nimmt es sichtlich gerührt zur Kenntnis. „Jetzt müssen wir aber arbeiten“, bremst er den Applaus, und eine Delegierte lobt auf der Bühne seine Grundsatzrede: „Er hat er uns alle sehr berührt und den richtigen Ton getroffen.“

 

Hofmann ist aus Sicht vieler Metaller kein brillanter Redner. Doch er kann die Abteilung Attacke. In der aktuell kritischen Lage scheint ihm diese besonders angebracht zu sein. Es sei ja kein Zufall, dass sich die „ganze Riege“ der Arbeitgebervertreter vor dem Gewerkschaftstag zu Wort gemeldet hätte, sagt er. Vielmehr hätten sie die Tarifrunde 2020 alle mit dem gleichen Tenor eingeläutet: „Werdet bescheiden! Erkennt die Not der Branche!“ Dazu sage er nur: „Auf die Leimspur einer Lohnzurückhaltung lassen wir uns nicht locken. Wir haben immer Forderungen gestellt, die in die ökonomischen Realitäten passten und das gilt auch 2020.“ Getragen werde die Konjunktur derzeit nur von einer stabilen Binnennachfrage; sie sichere Deutschland vor dem krisenhaften Einbruch. „Es wäre töricht, an diesem Ast zu sägen“, betont der Vorsitzende. Zu Beginn des neuen Jahres will die IG Metall in ihre interne Forderungsdebatte einsteigen.

„Die Zahl der Einschläge häuft sich“

Wenige Minuten zuvor hat er selbst ein eher düsteres Bild gezeichnet: Die Produktion im Fahrzeugbau sei seit Mitte 2018 um 20 Prozent eingebrochen. Auch die Ausrüstungsinvestitionen schwächelten. Dies bedeute für den Maschinenbau und die Nutzfahrzeugsparte ebenso einen signifikanten Rückgang. Allmählich strahle die Industrierezession auch auf die unternehmensnahen Dienstleister aus. Kurzum: „Die Zahl der Einschläge häuft sich, wo Aufträge abbrechen, Investitionen zurückgestellt und über Kurzarbeit nachgedacht oder angemeldet wird.“

Eine Konjunkturkrise erwartet der Vorsitzende aber nicht. Denn die Wirtschaftsforscher rechneten mit einer Stabilisierung Ende 2020, weil die ansonsten gute Konjunktur auch 2020 und 2021 ein leichtes Wachstum bringe. Allerdings nutzten manche Unternehmen „die Gunst der Stunde, um jetzt unter dem Eindruck sinkender Auftragseingänge, Strukturen zu bereinigen“. Fast alle Zulieferkonzerne hätten in jüngster Zeit in unterschiedlicher Radikalität Standortschließungen und Personalabbau auf den Plan gebracht. Es seien dieselben Zulieferkonzerne, die im gleichen Zeitraum in Osteuropa Kapazitäten aufbauen. „Unerträglich“ und „verantwortungslos“, findet Hofmann dieses Vorgehen. „Wenn jetzt der erste Gegenwind genutzt wird, Kollegen auf die Straße zu setzen, dann findet das unseren Widerstand.“ Wie solle man die Belegschaften für ein engagiertes Mitmachen in der Transformation gewinnen, wenn nun im ersten Moment einer konjunkturellen Flaute das Miteinander aufgekündigt werde? „Krise heißt Verantwortung – nicht Entlassung“, betont Hofmann. Ausdrücklich bezieht er die Leiharbeiter ein – er will nicht hinnehmen, „wenn da Tausende abgemeldet werden, ohne dass wir ernsthaft in den Konflikt darüber gehen, ob es Alternativen gibt“.

„Mehr Anwaltskanzlei als Tarifpartei“

Mehr Sicherheit für alle Beschäftigten verlangt die IG Metall. Dazu gehört für ihren Chef eine Unternehmensstrategie, die Beschäftigung an den Standorten sichere, für Investitionen sorge und die die Belegschaften etwa durch Qualifizierung mitnehme. Nach zahlreichen Zukunftsvereinbarungen regt er eine Kampagne an, um in möglichst vielen Betrieben solche Abkommen zu erringen.

Auch will Hofmann in der Bundesregierung und vor Ort stärker für mehr Tarifbindung und gegen Austritte aus den Arbeitgeberverbänden kämpfen. „Gerade die Transformation führt vermehrt zur Tarifflucht durch Ausgliederung“, klagt er. Seit kurzem hätten die Mitgliedsverbände von Gesamtmetall mehr OT-Betriebe (ohne Tarifbindung) als tarifgebundene Mitglieder, moniert der Vorsitzende. Arbeitgeberverbände wie Gesamtmetall gerierten sich „mehr als Anwaltskanzleien denn als Tarifpartei“. Dabei sei das „Märchen, ,OT’ würde als Lockmittel zur Stärkung der Tarifbindung eingeführt, längst widerlegt“. Wer die Vorteile eines Tarifvertrags wolle, müsse Mitglied sein. „Das gilt auch für die Arbeitgeberverbände.“

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