Gewinne mit dem Corona-Impfstoff Kleine Impfstoffhersteller profitieren
Die Entwicklung der Coronavakzine hat die Machtverhältnisse auf dem Impfstoffmarkt umgekrempelt. Bisher profitieren kleinere Firmen und wenige große Konzerne.
Die Entwicklung der Coronavakzine hat die Machtverhältnisse auf dem Impfstoffmarkt umgekrempelt. Bisher profitieren kleinere Firmen und wenige große Konzerne.
Stuttgart - Die Peoples Vaccine Alliance, ein breites Bündnis von fast 90 Gesundheits- und Entwicklungsorganisationen weltweit, hat es vor einigen Wochen schon einmal griffig ausgerechnet. 1000 Dollar je Sekunde – so viel verdienten allein die beiden Impfstoffhersteller Biontech/Pfizer und Moderna an den von ihnen entwickelten so genannten mRNA-Impfstoffen, ausgehend von einer Gewinnschätzung von 34 Milliarden Dollar (rund 30 Milliarden Euro) für das Jahr 2021. Die Stoßrichtung: Der Patentschutz für die Vakzine müsse aufgehoben werden, um endlich die Menschen in ärmeren Ländern zu impfen. Die Firmen würden das Argument vorschieben, ihre Technologie sei zu komplex, um sie global zu teilen, sagt Anna Marriott, Gesundheitsexpertin der Hilfsorganisation Oxfam: „Hinter dieser Ausrede verstecken sich die Pharmafirmen nur, um ihre astronomischen Profite zu schützen.“
Die Entwicklung von Corona-Impfstoffen hat einige, bisher kleinere oder im Impfstoffbereich eher unbedeutende Unternehmen ganz nach vorne gebracht. Dazu gehören vor allem das deutsche Vorzeigeunternehmen Biontech sowie die ebenfalls einen sogenannten mRNA-Impfstoff produzierende US-Firma Moderna. Bisher relativ unbekannte Unternehmen, die zu Gewinnern wurden, sind das schwedisch-britische Unternehmen Astrazeneca und die kleine US-Firma Novavax, deren Impfstoff in der EU gerade die Zulassung geschafft hat.
Von den großen Pharmakonzernen hat bisher vor allem Pfizer, der Partner des deutschen Unternehmens Biontech, massiv profitiert. Für den US-Konsumgüter- und Pharmakonzern Johnson & Johnson gilt es dank eines selbstentwickelten Impfstoffes ebenfalls, aber mit großem Abstand. Bemerkenswert ist, dass die drei bisher größten Impfstoffhersteller wie das britische Unternehmen GSK, die französische Firma Sanofi oder das US-Unternehmen Merck bisher selber noch keinen Corona-Impfstoff auf den Markt bringen konnten.
Besonders spektakulär ist die Gewinn- und Umsatzentwicklung bei Biontech und Moderna. Machte Biontech im Jahr 2019 noch knapp 180 Millionen Euro Verlust, und lag das Ergebnis 2020 bei einem kleinen Plus von 15 Millionen Euro, so lag der Gewinn allein in den ersten drei Quartalen 2021 bei mehr als 7,1 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr schätzt der Datendienst S&P Global Market Intelligence einen Gewinn von mehr als neun Milliarden Euro. Allein beim Vergleich des dritten Quartals 2020 mit dem von 2021 haben sich die Umsätze des Mainzer Unternehmens verzehnfacht. „Die traumhafte Kapitalausstattung versetzt Biontech natürlich in die Lage, sämtliche Forschungsprogramme auf eigene Rechnung durchzuziehen“, schreibt aktuell der Analyst Ralf Anders vom Börsenportal Motley Fool. Die Abhängigkeit vom Erfolg eines einzigen Impfstoffes sei aber sehr groß. Noch größer ist der Gewinnsprung bei Moderna: Roten Zahlen in Höhe von 747 Millionen im Jahr 2020 steht ein geschätzter Gewinn von 11,2 Milliarden Dollar 2021 gegenüber – in Euro wären das knapp 10 Milliarden .
Aber auch für den Biontech-Partner Pfizer ist der Corona-Impfstoff inzwischen eine tragende Säule des Geschäfts. Allein damit rechnet man für 2021 mit einem Umsatz von 36 Milliarden Dollar (rund 32 Milliarden Euro) . Zum Vergleich: 2020 nahm Pfizer in seiner gesamten Pharmasparte 42 Milliarden Dollar ein. Auch die Gewinne sprudeln. Pfizer sagt für alle Sparten des Konzerns 2021 fast 22 Milliarden Dollar Profit voraus – fast zweieinhalb mal so viel wie 2020. Im Jahr 2022 soll der Gewinn auf fast 30 Milliarden Dollar steigen, also etwa 26,5 Milliarden Euro. Pfizer ist bei Corona auch mit einem neuen, antiviralen Medikament im Geschäft.
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Etwas anders sieht das bei Astrazeneca aus. Das Unternehmen, dessen Impfstoff deutlich günstiger ist als die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna und das sein Vakzin zusammen mit der Universität Oxford entwickelt hat, verzichtete bis zum Sommer 2021 darauf, daraus Gewinn zu schlagen. Hier hat sich der Gewinn von 2020 auf 2021 sogar verringert – um fast ein Fünftel auf 2,6 Milliarden Dollar. Erst seit dem dritten Quartal macht das Unternehmen, das auch andere Medikamente herstellt, mit dem Corona-Impfstoff überhaupt Profit. 2022 peilt man für das gesamte Unternehmen eine Gewinnsteigerung um das Zweieinhalbfache im Vergleich zu 2021 auf dann umgerechnet 6,2 Milliarden Euro an.
Es ist deshalb kein Zufall, dass Astrazeneca für Länder mit niedrigerem Einkommen neben chinesischen Impfstoffen dank seines preisgünstigen Vakzins zum Rückgrat im Kampf gegen Corona geworden ist. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) stammen etwa die Hälfte der in Ländern mit niedrigem und mittleren Einkommen verimpften Dosen von Astrazeneca. 1,6 Milliarden der insgesamt 2,3 Milliarden bis Mitte Dezember 2021 von der Firma ausgelieferten Dosen gingen an solche Länder.
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Damit tritt das Unternehmen, das von Anfang an auf globale Produktionspartnerschaften gesetzt hat, den Beweis an, dass auch ein Unternehmen ohne einen großen Pharmakonzern im Rücken und ohne Aufhebung des Patentschutzes global zu mehr Impfgerechtigkeit beitragen kann.
Wie groß sind die Impfstoffhersteller?
Die Großen
Zwei ganz große sind bei den Corona-Impfstoffen ganz vorn: Die US-Konzerne Johnson & Johnson und Pfizer, wobei ersterer mit einem voraussichtlichen Jahresumsatz von 94 Milliarden Dollar gegenüber den 82 Milliarden Dollar von Pfizer vorne liegt. Der eigentliche Pharmaumsatz liegt allerdings in beiden Unternehmen nur bei ziemlich genau der Hälfte. Nach den zuletzt verfügbaren Umsätzen aus dem Jahr 2020 lag Johnson & Johnson auf Platz vier und Pfizer auf Platz sechs.
Die Kleinen
Rund 17,5 Milliarden Euro Umsatz hat Biontech 2021 angestrebt, bei Moderna sind es 17,5 Milliarden Dollar – in Euro laut aktuellem Kurs sind das 15,5 Milliarden. Da dies für beide Firmen weitgehend Impfstoffumsätze sind, haben sie sich in diesem Pharma-Teilbereich binnen eines Jahres ganz nach vorne gearbeitet. Sie stechen bei den Impfstoffumsätzen traditionsreiche Konkurrenten wie das britische Unternehmen GSK, das französische Unternehmen Sanofi oder den US-Pharmakonzern Merck klar aus aus. Biontech und Moderna haben sich damit weltweit in die Top 20 der Pharmaunternehmen katapultiert. Zum Vergleich: Novavax aus den USA hat diesen Sprung noch vor sich – von umgerechnet 1,4 Mlliarden Euro im vergangenen Jahr will man die Erlöse auf immerhin fast vier Milliarden Euro multiplizieren.