Die Höhe der Gewerbesteuereinnahmen im Landkreis Ludwigsburg hängt stark von der Automobilindustrie ab (Symbolbild). Foto: Imago/Kirchner-Media
Eine Datenanalyse zeigt einen klaren Spitzenreiter in Sachen Gewerbesteuer im Kreis – doch selbst diese hohen Einnahmen bieten keine Sicherheit vor Haushaltslöchern.
Die Gewerbesteuer galt lange als verlässlicher Wohlstandsindikator – doch 2026 zeigt sich, wie trügerisch diese Sicherheit sein kann. In mehreren Städten im Kreis Ludwigsburg brechen die Einnahmen plötzlich ein, Haushaltspläne geraten ins Wanken, und aus einstigen Musterschülern werden Sorgenkinder.
Eine exklusive Datenanalyse offenbart die Mechanik hinter dem Auf und Ab: Wer im Landkreis besonders stark von der Gewerbesteuer profitiert, wo die Risiken liegen und wie sehr einzelne Unternehmen über die finanzielle Zukunft ganzer Städte entscheiden. Das Wichtigste über die Gewerbesteuer im Landkreis in fünf Punkten.
1. Das sind die Gewerbesteuer-Champions 2025
Ein Blick auf die Gewerbesteuer pro Einwohner zeigt: Im Kreis Ludwigsburg gibt es klare Gewinner. Seit Jahren führen einige Kommunen die Liste an – allen voran Gerlingen. Mit großen Gewerbesteuerzahlern wie Bosch gehört die Stadt traditionell zu den Spitzenreitern und liegt 2025 mit rund 2100 Euro pro Einwohner auf Platz eins.
Doch auch andere Städte haben in den vergangenen Jahren aufgeholt. Kornwestheim etwa steigert seine Einnahmen seit rund einem Jahrzehnt kontinuierlich und kommt mittlerweile auf etwa 1800 Euro pro Kopf. Ludwigsburg liegt bei rund 1200 Euro und zeigt ebenfalls eine stabile Entwicklung. Ähnliche Werte erreichen Mundelsheim und Tamm mit jeweils rund 1240 Euro, gefolgt von Markgröningen mit etwa 1100 Euro.
Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung der Gewerbesteuer im Landkreis wie eine Erfolgsgeschichte. Doch der Eindruck trügt.
2. Champions von plötzlichem Einbruch betroffen
Ausgerechnet einige dieser „Gewinner-Kommunen“ stehen aktuell unter massivem finanziellen Druck. In Markgröningen brechen die Gewerbesteuereinnahmen 2026 auf etwa die Hälfte der geplanten Summe ein, in Kornwestheim fehlt rund ein Viertel der erwarteten Einnahmen. Auch Ludwigsburg kämpft mit deutlichen Rückgängen.
Die Ursache liegt im System selbst: Die Gewerbesteuer hängt direkt von den Gewinnen der Unternehmen vor Ort ab. Geht es der Wirtschaft schlecht, sinken die Gewinne – und damit automatisch auch die Einnahmen der Kommunen. „Es besteht eine klare Verbindung zwischen der Krise der Automobilindustrie und der einbrechenden Gewerbesteuer“, sagt Oliver Sievering, Professor an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg.
Doch warum kommt der Einbruch gerade jetzt, obwohl sich die wirtschaftliche Lage schon länger eintrübt? Ein wichtiger Grund sind Sondereffekte aus den Vorjahren. Viele Kommunen profitierten zuletzt von Nachzahlungen aus wirtschaftlich starken Jahren oder einmalig hohen Gewinnen einzelner Unternehmen.
Diese Effekte haben die Einnahmen künstlich nach oben getrieben – fallen sie weg, wirkt das wie ein plötzlicher Absturz. Das Blatt habe sich in kürzester Zeit gewendet, sagt Sievering. Er erwarte für die kommenden vier Jahre, dass die Gewerbesteuereinnahmen auf diesem niedrigeren Niveau bleiben werden.
3. Die Probleme liegen tiefer
Die aktuellen Rückgänge verschärfen die Lage – sie sind aber nicht die eigentliche Ursache der finanziellen Probleme vieler Kommunen. Denn selbst in Jahren mit hohen Gewerbesteuereinnahmen reicht das Geld oft nicht aus. Schuld sei jedoch nicht eine unsolide Haushaltspolitik der Städte, betonen Sievering und viele Bürgermeister.
„Die Ausgaben laufen den Einnahmen davon“, sagt Markgröningens Bürgermeister Jens Hübner. Dabei konnte seine Schäferlaufstadt die Gewerbesteuereinnahmen zwischen 2020 und 2025 mehr als verdoppeln. „Das, was wir zusätzlich einnehmen, wird an anderer Stelle wieder aufgezehrt.“
Ähnlich beschreibt es Kornwestheims Stadt-Pressesprecherin Sandra Schuon. Die steigenden Pflichtaufgaben der Kommunen fressen die Mehreinnahmen zunehmend auf. So mussten allein durch den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige rund 20 neue Stellen geschaffen werden – mit Kosten von etwa 1,4 Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen zusätzliche Stellen im Bereich Migration, ohne dass Bund und Land diese Belastungen ausreichend ausgleichen.
Das zeigt: Aus Sicht der Kommunen ist die Krise nicht nur konjunkturell bedingt – sie ist strukturell.
4. Das ist der Topwert der vergangenen 15 Jahre
Ein Blick auf die vergangenen 15 Jahre zeigt auch, wie extrem die Gewerbesteuer nach oben ausschlagen kann. Den Spitzenwert erreicht ausgerechnet eine kleine Gemeinde: Affalterbach. Die Mercedes-AMG-Gemeinde kommt im Jahr 2024 auf fast 4300 Euro Gewerbesteuereinnahmen pro Einwohner – ein absoluter Ausreißerwert im Landkreis.
Doch genau dieser Rekord zeigt auch die Schattenseite des Systems. Denn die Einnahmen in Affalterbach schwanken massiv. Auf Jahre mit außergewöhnlich hohen Einnahmen folgen immer wieder Phasen, in denen die Gewerbesteuer auf 400 bis 700 Euro pro Kopf abstürzt. Der Grund: die starke Abhängigkeit von wenigen Unternehmen. Macht ein zentraler Gewerbesteuerzahler wie AMG keinen oder wenig Gewinn, hat das unmittelbare Folgen für den gesamten Gemeindehaushalt.
In Affalterbach ist man sich dieser Risiken bewusst. Die guten Jahre wurden genutzt, um Rücklagen aufzubauen, sagt Pressesprecherin Stephanie Nagel. Gleichzeitig bemühe sich die Gemeinde, sich diverser aufzustellen: „Wir wissen um diese Abhängigkeit. Auch deshalb war die Gemeinde stets bestrebt, im Gewerbegebiet einen breiteren Mix an Unternehmen aus verschiedenen Branchen anzusiedeln.“
5. So unfair ist das System für Städte mit kleinteiliger Wirtschaft
Ein einfacher Zusammenhang scheint zunächst zu gelten: Je größer die Kommune, desto mehr große Unternehmen – und desto höher die Gewerbesteuereinnahmen. Doch ein Blick in den Landkreis zeigt, dass es so einfach nicht ist. Denn auch große Kreisstädte wie Remseck und Vaihingen/Enz landen 2025 mit lediglich 313 beziehungsweise 478 Euro pro Einwohner am unteren Ende der Tabelle.
In Vaihingen liegt das vor allem an der Wirtschaftsstruktur. Die Unternehmen vor Ort seien überwiegend kleine und mittelständisch geprägt und zahlen entsprechend wenig oder gar keine Gewerbesteuer, erklärt Stadtsprecherin Astrid Kniep. Was fehlt, ist ein großer Gewerbesteuerzahler – also ein Unternehmen mit hohen Gewinnen und entsprechend hohen Steuerzahlungen.
Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist ein System gerecht, bei dem einzelne große Firmen über die Finanzkraft ganzer Städte entscheiden? Zum Teil wird das durch den kommunalen Finanzausgleich abgefedert. Städte mit hohen Einnahmen zahlen in einen Topf ein, aus dem finanzschwächere Kommunen unterstützt werden. Vaihingen etwa erhielt 2025 rund 20 Millionen Euro aus diesem Ausgleichssystem.
Doch ein vollständiger Ausgleich ist das nicht, sagt Professor Oliver Sievering. Städte mit starken Gewerbesteuerzahlern bleiben strukturell im Vorteil – weil sie über mehr eigene Mittel verfügen, freier investieren können und weniger abhängig von Ausgleichszahlungen sind. „Einige Kommunen hatten also einfach ein Stück weit Glück, dass sich ein großer Arbeitgeber bei ihnen niedergelassen hat.“