Giftgestank in Leonberg „Gestank ist fast nicht auszuhalten“ – Anwohner werden langsam sauer

Das Gewerbegebiet östlich der Gebersheimer Straße: Wo liegt die Quelle des Gestanks, den viele Anwohnerinnen und Anwohner kaum mehr ertragen? Foto: Simon Granville

Die Gestankwolke wabert weiter über einen Teil Leonbergs hinweg. Weiterhin ist die Ursache nicht bekannt, wie das Landratsamt mitteilt. Immer mehr Betroffene melden sich.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Gestankwolken ziehen über Leonberg. Vor allem die Anwohnerinnen und Anwohner des Gebiets westlich der Gebersheimer Straße sind betroffen – und zusehends genervt. Denn es handelt sich um einen Zustand, der schon mehrere Jahre anhält. Die Quelle des Geruchs, der alles andere als angenehm daherkommt und fast schon giftig anmutet, ist nach wie vor unbekannt. Wenngleich man beim Landratsamt Böblingen versichert, weiter nachzuforschen, stinkt es vielen Menschen inzwischen über das erträgliche Maß hinaus.

 

Gestank-Thema ist schon viele Jahre alt

Bevor der Zustand in den vergangenen Tagen erstmals in dieser Zeitung thematisiert wurde, hatte Stadt-Pressesprecherin Leila Fendrich noch angegeben: Die erste Meldung des Gestanks sei Mitte Februar dieses Jahres bei der Verwaltung eingegangen. Das habe sich jedoch auf die aktuellen Beschwerden bezogen, wie Fendrich nun präzisiert. Beklagt hatte sich Thomas Lautenschlager, Besitzer der Leonberger Lahrensmühle. Er weiß, wie Leila Fendrich nun auf Nachfrage auch bestätigt: Das Thema ist ärgerlicherweise schon viel älter.

Genauer gesagt geht das Gemüffel mindestens bis ins Jahr 2022 zurück – das Landratsamt antwortet auf eine entsprechende Anfrage sogar mit der Jahreszahl 2019. Sechs Jahre also, in denen die Quelle des Gestanks nicht lokalisiert werden konnte. Das erscheint vielen Bürgerinnen und Bürgern dann doch mehr als seltsam. Zumal als Ausgangspunkt offenbar nur das Gewerbegebiet östlich der Gebersheimer Straße in Frage kommen kann. Der Mief ist bei leichtem Ostwind und bei Windstille präsent.

Die Lahrensmühle: Auch hier ist der Gestank deutlich wahrnehmbar. Foto: Archiv

Im Verdacht stand in Form der Firma Geze lange der größte dort ansässige, produzierende Betrieb. Doch weder dort noch anderswo stießen Kontrolleure des Landratsamtes auf Konkretes. „Auf Bitten der Stadt Leonberg waren Mitarbeiter des Amtes für Bauen und Umwelt wiederholt vor Ort und haben dabei auch selbst den Geruch wahrgenommen“, präzisiert Kreis-Pressesprecher Benjamin Lutsch. Doch gebe es bislang keine Hinweise auf eine konkrete Quelle für die Emission. „Das Amt hat mehrfach im betroffenen Bereich Firmen besucht und sich die Produktionsabläufe und Abluftsysteme darlegen und entsprechende Berichte vorlegen lassen, auch in den vergangenen Wochen erneut.“ Keine der kontrollierten Firmen habe bisher als Verursacher ausgemacht werden können.

Das reicht den Betroffenen natürlich nicht wirklich als Antwort. Vielmehr fragen sie sich: Kann das wirklich so schwierig sein? Einige haben sich in der Vergangenheit bereits an Stadt und Landratsamt gewendet. So wie Ulrike Goller, die jüngst ein Schreiben direkt an Landrat Roland Bernhard formuliert hat. Jüngst habe sich morgens „innerhalb einer halben Minute“ ihr Schlafzimmer mit dem Giftgeruch vollgesogen. „Ich stand vor dem Problem, den wieder weg zu bekommen“, schreibt sie – und fragt: „Wie lange soll das noch dauern?“

Anwohnerin: „Das riecht giftig – und es sind zwei Kitas in der Nähe“

Auch Eva Kircher, die in der Geislinger Straße im Stadtteil Ezach wohnt, versucht, sich Luft zu verschaffen. Im Telefonat beschwert sie sich nicht nur über den Gestank, von dem sie findet: „Das riecht giftig.“ Sie gibt zu bedenken: „Da sind zwei Kitas in der Nähe.“ Am schlimmsten nehme sie den Geruch in der Maybachstraße wahr – und eben zuhause. „Ich bin neulich nachts aufgewacht und musste die Fenster schließen“, berichtet sie.

Andreas Sattler, wohnhaft in der Christophstraße und damit auf der anderen Seite des Gewerbegebiets, leidet ebenfalls unter dem Gestank. Auch er hatte bereits diverse Male Kontakt mit dem Landratsamt – zum Beispiel 2021. „Da hieß es: ‚Melden Sie sich sofort, wenn’s stinkt!’“, sagt er. Er habe einst den Schleifmittelhersteller Dorfner in Verdacht gehabt. „Aber der ist ja 2021 umgezogen.“ Die Fenster bleiben auch bei ihm ein ums andere Mal geschlossen. „Sonst hält man es nicht aus“, bekräftigt er.

„Wie frühere Ausdünstungen der Mülldeponie“

Als „fast nicht auszuhalten“ bezeichnet Ulrike Hild die Situation in ihrer Zuschrift. Auch sie wohnt im betroffenen Areal. Es rieche wie „frühere Ausdünstungen der Mülldeponie oder nach verbranntem Plastik“ – und das sei mit Sicherheit nicht gesund. Sie könne nicht glauben, dass der Auslöser nach all den Nachforschungen nicht gefunden werden könne.

Vom Landkreis kommen derweil keine Auskünfte mit neuen Informationen. „Das Landratsamt wird weiter bei den Gewerbebetrieben vor Ort nach möglichen Quellen suchen“, so Benjamin Lutsch. „Das Fachamt steht der Stadt Leonberg auch künftig beratend zur Seite auch im Hinblick darauf, ob und welche weitere Maßnahmen zielführend und umsetzbar sind.“

Kontrolle der Betriebe

Betriebsuntersuchung
„Bei einer unangekündigten Betriebsuntersuchung betritt die Gewerbeaufsicht den Betrieb direkt und lässt sich im Rahmen der Kontrolle alle relevanten Tätigkeitsbereiche zeigen“, antwortet Kreis-Pressesprecher Benjamin Lutsch auf eine Anfrage. Dabei lasse sich das Amt die vor Ort stattfindenden Arbeitsprozesse erläutern – insbesondere, ob geruchstypische Tätigkeiten wie Schweißen, Erhitzen oder ähnliche Vorgänge durchgeführt werden.

Abluft
Bei der Untersuchung wird außerdem geprüft, wie die Abluftführung sowie die technische Reinigung umgesetzt wird. „Ein wesentlicher Teil der Untersuchung besteht darin, selbst wahrzunehmen, ob und in welchem Maß der Geruch im und außerhalb des Betriebs feststellbar ist“, so Lutsch.

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