Auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga wird über das Sicherheitskonzept abgestimmt. Die Politik fordert scharfe Maßnahmen, die Fans fühlen sich in der hitzigen Debatte unfair behandelt. Ein Überblick.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Stuttgart - Es sind seltsame Dinge geschehen in den Stadien vor dieser Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Nicht nur, dass die Fans aus Protest gegen die geplanten Maßnahmen in Anlehnung an das heutige Datum nach dem Anpfiff bei den Spielen zwölf Minuten und zwölf Sekunden schweigen.

 

Nein, der Protest hat in ungekannter Art die heterogene Bruderschaft der aktiven Fans, die so viel Wert auf Rivalität legt, geeint. Am Samstag etwa stimmten in der Mercedes-Benz-Arena die Fans des VfB Stuttgart und die Anhänger des FC Schalke 04 im gegenseitigen Wechsel Schmähgesänge an – gegen die DFL und gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Heute ist der D-Day. Der Tag der Entscheidung. In Frankfurt treffen sich die Vertreter der 36 Proficlubs.

Zwei Punkte sorgen für Diskussionen

Der Streit um ein neues Sicherheitskonzept sorgt seit vielen Wochen für Aufregung. Angefangen hat es mit dem ersten Entwurf „Sicheres Stadionerlebnis“, der nach massiven Protesten der Anhängerschaft sowie den Rückmeldungen aus den Vereinen durch das – inhaltlich etwas abgerüstete und weicher formulierte – Konzept „Stadionerlebnis“ ersetzt wurde. Das Maßnahmenpaket beinhaltet eine Vielzahl von Punkten, die laut DFL die Standards optimieren sollen. Neben unumstrittenen dialogfördernden Ansätzen, sorgen zwei Punkte für Diskussionen.

Erstens: Kollektivstrafen für Gruppen bei bestimmten Vorfällen (etwa dem Zünden von Pyrotechnik oder gewalttätige Auseinandersetzungen) sollen laut DFL zwar vermieden werden. Theoretisch kann aber das Ticketkontingent von zehn Prozent der verfügbaren Karten für Gastvereine reduziert werden. Letzteres, so Fanvertreter, würde Repressionen gegenüber den Anhängern der Gastmannschaft ermöglichen.

Fans befürchten, dass die Voraussetzungen für Ganzkörperkontrollen geschaffen werden

Zweitens: der Ligaverband will Vollkontrollen nicht vorschreiben, der Vorstand beantragt aber „lageabhängige Kontrollen der Besucher und der von ihnen mitgeführten Gegenstände“. Entscheiden darüber sollen Heimverein und Polizei. „Die Kontrolleinrichtungen müssen so beschaffen sein, dass Kontrollen sicher, zügig und angemessen durchgeführt werden können“, heißt es. Fans befürchten, dass damit die Voraussetzungen geschaffen werden für Ganzkörperkontrollen – wie kürzlich beim Bundesligaspiel Bayern gegen Frankfurt.In der aktiven Fanszene wird das Papier in Gänze abgelehnt. Die Gruppen fürchten um die gewachsene Kultur in den Kurven. Man hat deshalb gefordert, dass der Resetknopf gedrückt wird, man bei null anfängt und im Dialog Maßnahmen erarbeitet. Die Anhänger argumentieren, dass man sich eine Debatte habe aufzwingen lassen, die an der Wirklichkeit vorbei gehe. Inwieweit sich die Situation in der Folge zuspitzen wird, lässt sich schwer vorhersagen. Manche befürchten, dass durch die Beschlüsse Hardliner gestärkt werden könnten und es, speziell beim Thema Pyrotechnik, eine „Jetzt-erst-recht“-Attitüde geben könnte.

Politiker wehren sich gegen Relativierungen

Die Fakten sind eindeutig – die Interpretation nicht. Grundlage der Debatte sind Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis). In der Saison 2011/2012 wurden laut Zis bei den 612 Spielen in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga 1142 Personen verletzt (Vorjahr: 846), insgesamt besuchten 18,7 Millionen Menschen die Bundesligastadien. Während die Zahl der verletzten Polizisten und Unbeteiligten im Vergleich quasi gleich geblieben ist, ist der deutliche Anstieg auf die Zahl der verletzten „Störer“ zurückzuführen. Wie viele Verletzte es etwa durch polizeilichen Einsatz von Pfefferspray gab, konnte die Behörde nicht beantworten.

Fanvertreter verweisen auf die in Relation zu den Zuschauerzahlen verschwindend geringe Gefahr, bei einem Stadionbesuch verletzt zu werden. Sie argumentieren, dass etwa der Besuch von Volksfesten – der beliebte „Oktoberfest-Vergleich“ – weitaus gefährlicher sei. Dort gebe es an einem Tag mehr Verletzte als in einer gesamten Fußballsaison.

Der Kriminologe und ehemalige DFL-Berater Thomas Feltes sagt: „Wenn ich mit dem Auto zum Stadion fahre, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden wesentlich größer, als die Gefahr, beim Fußballspiel selbst Opfer zu werden.“ Auch der ehemalige DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn kritisiert die „populistische“ Debatte und spricht von einer „aufgebauschten“ Situation. Ähnlich haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen auch viele andere Experten geäußert.Politiker wehren sich gegen Relativierungen und kritisieren zudem die Clubs: „Ich finde es nicht lustig, dass einige Vereine noch immer glauben, Gewalt in den Stadien sei eine Erfindung der Politik. Sie ist leider Realität an jedem Wochenende“, sagt der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Die Macht der Bilder und mediale Hysterie haben einen entscheidenden Anteil daran, dass das hoch komplexe Thema statt sachlich und konstruktiv bisweilen allzu hitzig debattiert worden ist – was zu einer Frontstellung geführt hat, die von den unter massiven Zugzwang geratenen Verbänden nur schwer aufgeweicht werden kann. Vonseiten einiger Politiker und Funktionäre der Polizeigewerkschaften wurde großer öffentlicher Druck auf den Fußball aufgebaut.

Die Polizei klagt auch über die gewaltige Belastung

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagt: „Es wird höchste Zeit, dass etwas passiert“. Er habe kein Verständnis für den Widerstand von Vereinen und Fanverbänden gegen die Maßnahmen. Die Polizei klagt auch über die gewaltige Belastung durch den Sicherheitsbedarf rund um die Stadien und vor allem bei der Anreise der Fans. So verbrächten Bereitschaftspolizisten ein Drittel ihrer Zeit bei Einsätzen im Fußball. In der Saison 2011/2012 fielen circa 1,89 Millionen Einsatzstunden an.Vor diesem Hintergrund gab und gibt es immer wieder die Forderung, die Vereine an den Kosten zu beteiligen. Das allerdings hat etwa Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall im Interview mit der Stuttgarter Zeitung mit Verweis auf die rechtliche Situation ausgeschlossen: „Wie gehe ich dann mit anderen Veranstaltungen um, mit Castortransporten oder Stadtfesten, mit Faschingsumzügen, Volksfesten und so weiter?“

Der deutsche Fußball will in dieser Frage ein einheitliches Bild abgeben. Immer wieder wird von verschiedenen einflussreichen Funktionsträgern appelliert, dass man sich nicht dividieren lassen dürfe und in dieser Frage als Einheit agieren müsse. Während einige Vereine den überarbeiteten Entwurf ablehnen, etwa Union Berlin oder der FC St. Pauli, haben sich aber auch große Clubs kritisch geäußert und angemahnt, sich in dieser wichtigen Frage nicht unter Zeitdruck zu setzen – etwa der VfB Stuttgart oder der Hamburger SV. Allerdings dürfte wohl die Mehrheit dem Konzept, das aller Voraussicht nach heute beschlossen wird, zustimmen.

Derzeit wird unkontrolliert im Stadion gezündelt

Hinter vorgehaltener Hand wurde manchem Vereinsvertreter in dieser Frage Populismus vorgeworfen. „Der eine oder andere will sich bei den Fans einschmeicheln“, sagt ein Verbandsvertreter. „Ich wüsste nicht, was eine Verschiebung bringen sollte“, sagt der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.Viele Diskussionen, aber keinen Spielraum, gibt es beim Thema Pyrotechnik. Für Teile der Szene gehört dies zum Stadionerlebnis dazu, speziell in den Ultra-Gruppierungen wird Pyrotechnik als unverzichtbarer Bestandteil der Fankultur gesehen. Längst ist aus dem Zwist um die Fackeln ein Symbol geworden, bisweilen auch eine Machtprobe. Vereine und Verbände lehnen Pyrotechnik ab.

Dass dieser Streit eskaliert ist, hat auch mit dem DFB zu tun. Der hatte sich vor eineinhalb Jahren mit Vertretern von Fangruppierungen an einen Tisch gesetzt und Möglichkeiten für ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik ausgelotet. Es gab einen Entwurf – dann wurde der Dialog abgebrochen. Theoretisch zumindest gibt es durchaus Optionen, Pyrotechnik unter strengen Auflagen zu erlauben. Dies hat auch ein – unter Verschluss gehaltenes – Rechtsgutachten des Deutschen Fußball-Bundes ergeben. Derzeit wird unkontrolliert im Stadion gezündelt, indem die Materialien in die Fanblocks geschmuggelt werden.