Girls’ Day und Boys’ Day in Esslingen Weg mit den Geschlechterklischees! – Jetzt modeln die Jungs

, aktualisiert am 10.04.2025 - 10:10 Uhr
Die Jungen posieren, stylen und fotografieren. Foto: Roberto /Bulgrin

Modeln, Stylen, Filmen, Schneiden: 30 Schüler sammeln beim Girls’ und Boys’ Day an der Esslinger Lazi Akademie Einblicke in spannende Berufsfelder, die eigentlich vom jeweils anderen Geschlecht dominiert werden.

Volontäre: Yelin Türk (tye)

Anesti und Maxim stehen in einem dunklen Studio. Neben ihnen ist ein großer Bildschirm, vor ihnen eine Kamera. Die beiden Siebtklässler tragen gewagte Outfits. Es ist ein spannender Nachmittag für die beiden Model-Praktikanten, denn statt ihn am Schreibtisch mit Hausaufgaben zu verbringen, müssen die beiden Jungen gleich vor die Kamera.

 

Im Rahmen des Girls’ Day und des Boys’ Day bekommen jüngst insgesamt 30 Jugendliche die Chance, an der Esslinger Lazi Akademie Erfahrungen und Perspektiven für ihre Zukunft zu sammeln – abseits jeglicher Rollenbilder. Die meisten von ihnen sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Die Mädchen dürfen sich zum Beispiel als Kamerafrauen hinter der Kamera ausprobieren, die Jungen hingegen davor als Models. „Es gab viele verschiedene Angebote. So etwas habe ich noch nie gemacht, deswegen wollte ich es mal ausprobieren“, erklärt Anesti.

Orientierung über den Tellerrand hinaus

Tatsächlich ist genau das der Grund dafür, dass die private Lazi Akademie bei der Aktion mitmacht. „Wir sind davon überzeugt, dass Berufung oft dort entsteht, wo Neugier auf offene Türen trifft“, sagt Anja Kalischke-Bäuerle, eine Sprecherin der Akademie, auf Nachfrage. Gerade kreative Berufe wie Film, Fotografie oder Design seien für viele Jugendliche schwer greifbar, der Girls’ und Boys’ Day würde eine einzigartige Chance bieten.

Die Bereiche Film und Fotografie wurden dabei gezielt ausgewählt. „Für viele Jugendliche sind es gerade diese Medien, über die sie sich im Alltag mitteilen, orientieren, hinterfragen,“ führt Kalischke-Bäuerle weiter aus. Das Programm greife darauf zurück, was bei den Schülerinnen und Schülern bereits da sei, und versuche dies zu vertiefen. Außerdem bieten beide Bereiche laut Kalischke-Bäuerle eine pädagogische Leistung: „Film und Fotografie ermöglichen es, Perspektiven zu wechseln, Geschichten zu erzählen, Stimmungen einzufangen.“

Dass bestimmte Berufsfelder den Geschlechtern zugeschrieben werden, ist laut Kalischke-Bäuerle auch an der Akademie zu beobachten: „In der Fotografie zum Beispiel ist der Frauenanteil in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während der Bereich Film, gerade in den technischen Gewerken, noch immer eher männlich geprägt ist.“ Grund dafür seien neben individuellen Interessen auch Rollenbilder.

Konzentrierte Regisseurinnen und Kamerafrauen

Am Girls’ und Boys’ Day sind an der Akademie 15 Jungs und 15 Mädchen auf zwei Projekte aufgeteilt. In ihrer Pause nutzen sie das schöne Wetter und die abgelegene Lage der Akademie aus, und spielen Fangen oder Verstecken.

Eine Schülerin steht vor der Kamera – alle anderen dahinter. /Bulgrin

Nach der Pause kehren die Mädchen wieder zurück zu ihrem Set. Sie filmen einen 20-minütigen Kurzfilm, der auf einem aktuellen Tiktok-Trend basiert. In den ersten zwei Stunden waren sie nur mit dem Aufbau beschäftigt, danach wurde mit dem Filmen begonnen. Sie teilen sich dabei auf verschiedene Stationen auf.

Sei es die Regie, die Kamera, das Licht oder der Ton, am Set wird alles von jungen Mädchen kontrolliert. Ihnen stehen auch zwei Studenten der Akademie zur Seite und helfen mit. Die Stationen werden regelmäßig gewechselt, damit jedes Mädchen die Chance bekommt, sich auszuprobieren. Später, nach Abschluss der Dreharbeiten, müssen sie ihren Film dann schneiden.

Die Jungs stehen als Models vor der Kamera

Auch die Jungen sind beschäftigt. In einem dunklen Raum wurden für sie zwei Studios aufgebaut. Laute Hip-Hop-Musik dröhnt durch den Raum. Ihnen stehen an mehreren Kleiderstangen verschiedene Klamotten, Schuhe und Accessoires zur Verfügung. Heute sollen sie sich als Stylisten, Models und Fotografen ausprobieren. Später geht es dann um die Nachbearbeitung der Fotos.

15 Schüler hatten beim Boys’ Day die Chance vor und hinter der Kamera zu stehen. /Bulgrin

Ein Junge ist bunt gekleidet in Sportjacke und kurzer Hose, dazu eine große Sonnenbrille sowie eine weiße Pelzmütze. Das Jungmodell neben ihm kombiniert einen langen roten Mantel mit einem weißen Barett. Sie sind aufgeregt, während sie verschiedene Kleidungsstücke anprobieren und sich austauschen.

Vor Ort stehen ihnen zwei professionelle Models zur Seite, die mit Modetipps aushelfen und mit ihrem Wissen beim Fotografieren unterstützen.

Ein Experte der Akademie und eine Stylistin unterstützen ebenfalls – richtiges Posing will eben gelernt sein. Während ein paar Jungen an der Garderobe beschäftigt sind, fotografieren andere ein Model vor einer blauen Leinwand. Zwischendurch schauen sie sich die Fotos durch oder geben dem Model neue Anweisungen.

Geschlechter-Klischees zu überwinden, dauert

Anesti und Maxim könnten sich vorstellen, später mal in diesem Bereich zu arbeiten. Das Modeln interessiere sie weniger, die Technik dahinter umso mehr: „Ich interessiere mich sehr für Kameras, Videografie und Fotografie“, sagt Maxim. Auch das Editieren der Fotos finden die beiden Jungen spannend.

Sie sehen ihre Arbeit im Studio nicht als typischen Frauenberuf, haben aber dennoch das Gefühl, dass Models häufiger weiblich sind.

Generell nehmen sie die geschlechtliche Unterteilung von Berufen weniger wahr: „Das gibt es ja an sich nicht mehr so stark“, erklärt Maxim. Joel, ein weiterer Klassenkamerad der beiden, bestätigt das, fügt aber hinzu: „Trotzdem existieren noch manche Klischees.“

Ein Wandel ist, laut Kalischke-Bäuerle, auch aus der Sicht der Lazi Akademie bereits spürbar. „Wir sehen zunehmend junge Frauen, die souverän Regie führen oder komplexe Filmtechnik beherrschen – und junge Männer, die sich mit Empathie und Sinn fürs Detail in fotografische Langzeitprojekte stürzen.“ Es geht also voran beim Thema Gleichstellung.

Girls’ Day und Boys’ Day

Berufsorientierung
Der Girls’ Day und der Boys’ Day sind jährlich stattfindende Aktionstage zur Berufs- und Studienorientierung von Jungen und Mädchen. Bundesweit können sich Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse zur Teilnahme anmelden.

Neues kennenlernen
Von anderen Orientierungsangeboten unterscheiden sie sich dadurch, dass die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einblicke in Berufe erhalten, bei denen der Anteil des jeweiligen Geschlechts unter 40 Prozent liegt. So sammeln Mädchen zum Beispiel Erfahrungen in den Bereichen IT, Handwerk und Technik, und Jungs in Pflege, Erziehung oder sozialen Berufen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen Girls Day Beruf