Gisbert zu Knyphausen in Stuttgart Am Lagerfeuer sucht er nach Genuss, Liebe und Sinn

Von Bernd Haasis 

Der Barde Gisbert zu Knyphausen hat das Publikum im Merlin an seinen Beobachtungen aus dem Leben teilhaben lassen.

Dieser Sänger lebt seine Lieder: Gisbert zu Knyphausen am Sonntagabend im Merlin Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Dieser Sänger lebt seine Lieder: Gisbert zu Knyphausen am Sonntagabend im Merlin Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören“ – so schrieb Rainer Maria Rilke 1912 in der ersten seiner „Duineser Elegien“, in denen er sich mit den ­Widersprüchen menschlichen Daseins auseinandersetzte. Selbige treiben auch den zeitgenössischen Barden Gisbert zu Knyphausen um, doch er hat die deutsche Schwermutslyrik in leichtgängige Alltagspoesie überführt und findet in seinem Ringen zu versöhnlicheren Schlussfolgerungen.

Das Merlin hat Knyphausens Konzert am Sonntagabend in Stuttgart ins laufende Sommerfestival Klinke eingeschoben, der Künstler wiederum seinen Solo-Auftritt in eine laufende Open-Air-Tournee mit Band. „Es ist aufregend, mal wieder alleine auf de Bühne zu stehen“, sagt Knyphausen vor ausverkaufter Kulisse – „furchteinflößend und wunderbar.“ Selbst spontan badet der Sänger im großen Widerspruch des Lebens. „Die Welt ist grässlich und wunderschön“, singt er in „Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten“, „das Chaos ist hier ist unendlich, doch die Liebe ist es auch“ in „Das Licht der Welt“, und in „Melancholie“ rechnet er mit jenem Gefühl ab, das immer die Saat des Zweifels im Gepäck hat. Knyphausen versinkt in seiner Musik, er schließt häufig die Augen, er intoniert mit Inbrunst – dieser Sänger lebt seine Lieder, er umhegt sie und leidet mit ihnen, als wären sie seine Kinder.

Er offenbart allein sich selbst, pur und ungeschützt

Allein mit seiner Gitarre hebt er von Anfang an jede Distanz zwischen Künstler und Publikum auf. Er plaudert zwischen den Liedern locker mit seinen Gästen, lässt sie auch teilhaben an Schwierigkeiten mit dem Capodaster und mit einem kaputten Kabel. Knyphausen intensiviert die Verbrüderung, die in der deutschen Liedermachertradition angelegt ist, er verzichtet auf jegliche Maskerade oder Show und offenbart allein sich selbst, pur und ungeschützt.

Was die Wecker-Wader-Generation indes von ihm unterscheidet, sind deren klare Haltungen. Während Knyphausen das ganze ambivalente Dasein in seiner Pracht und seinem Elend umkreist, bleibt er gefangen in einer humanistisch-hedonistischen Sehnsucht nach Liebe, Genuss, Sinn. Klein wäre der Schritt, von der reinen Beobachtung des Container-Hafens in „Kräne“ zum Logistikwahnsinn der globalisierten Welt zu finden, doch Knyphausen möchte nicht hinaus, sondern ganz bei sich bleiben, im Ungefähren seiner Selbstsuche.

Leben und leben lassen könnte das Motto dieses Abends sein

Vielleicht braucht die aus den Fugen geratene Gegenwart diese Form der Selbstvergewisserung im Kleinen – Knyphausen jedenfalls trifft einen Nerv. Die Thirtysomethings im Merlin geben sich der friedlichen Lagerfeuer-Atmosphäre hin, leben und leben lassen könnte das Motto dieses Abends sein. Viel Jubel bekommt der Barde für sein Trennungslied „Dreh dich nicht um“, für die moderat zivilisationskritischen Ansätze in „Verschwende deine Zeit“, für hoffnungslos romantische Zeilen wie diese: „Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag“.

So leicht hat es er alte Rilke den Menschen nicht gemacht: „Es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer ­Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.“