Eine kurze Whatsapp, mehr nicht: „Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut.“ Giulia Cardascia arbeitet gerade in der Küche, als die Nachricht sie erreicht. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass Beirut, die libanesische Hauptstadt, in der ihr Partner Serkan Eren sich aufhält, um für seine Hilfsorganisation Stelp neue Projekte anzustoßen, von einer heftigen Explosion erschüttert worden ist. Dass es Tote und Verletzte gegeben hat. Erst als ihr Bruder sich aufgeregt nach Serkan erkundigt, erfährt Giulia Cardascia, was passiert ist. Sie kann Eren auf seinem Handy nicht erreichen. Stundenlang. Erst eine schlaflose Nacht später kann sie mit ihm sprechen.
Ein paar Jahre zuvor war es ihr ähnlich ergangen. Da bekam sie die Nachricht, dass Eren in Griechenland verhaftet worden ist, weil er in einem Flüchtlingscamp Kinderschuhe verteilt hatte. „Die Verhaftung war schlimm“, sagt sie. „Die Explosion im Libanon aber war die Hölle.“
Giulia Cardascia und Serkan Eren sind seit fast zehn Jahren ein Paar. Sie leben gemeinsam im Stuttgarter Westen, wo Cardascia ein italienisches Feinkostgeschäft betreibt. Eren ist einer der Gründer von Stelp, hauptberuflicher Geschäftsführer – und das Gesicht der Organisation, die Flüchtlingen hilft und weltweit Menschen in Not. Binnen kurzer Zeit machte der 38-Jährige den Verein überregional bekannt. Die Leser der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten wählten ihn zum Stuttgarter des Jahres 2021.
Ein Mittwochabend im November. Die Sonne ist längst untergegangen. Nieselregen. Kaum Menschen auf den Straßen. In der Bottega da Giulia brennt noch Licht. Giulia Cardascia steht hinter der langen Theke. Sie hat ihr dunkles Haar zum Pferdeschwanz gebunden, über dem Glitzerpulli trägt sie eine pinke Kochjacke. Minestrone. Kalbsbraten mit Kartoffeln und Stängelkohl. Gefüllte Aubergine. Auf einer Schiefertafel sind die Gerichte aufgelistet, die sie heute für die Mittagsgäste zubereitet hat. Die 28-Jährige kocht alles selbst. „Schon das Vorbereiten hat etwas Meditatives.“
In der Gastronomie fühlt sie sich zu Hause. Giulia Cardascia wurde hineingeboren in eine Familie, die nie etwas anderes gemacht hat. Dem Vater Romano gehört das italienische Restaurant Oggi am Kleinen Schlossplatz. Von ihm hat sie kochen gelernt. Mutter Isabella kümmert sich in der Bottega um den Service. An diesem Abend räumt sie Tische ab und ruft den letzten Gästen ein fröhliches Ciao hinterher.
Giulia Cardascia ist es nicht gewohnt, mit Reportern zu sprechen. Sie ist ein bisschen aufgeregt, dreht immer wieder an ihrem Ring, während sie erzählt. Normalerweise überlässt sie Eren das Scheinwerferlicht. „Im-Mittelpunkt-Stehen ist nichts für mich.“ Auf der Stelp-Gala vor wenigen Wochen in Bad Cannstatt sah man sie deshalb auch nicht im Abendkleid, stattdessen leitete sie die Servicekräfte an. Ein Foto des Paares auf dem roten Teppich? Gibt es nicht. Nur selten begleitet sie ihren Partner zu Veranstaltungen. Netzwerken steht bei Eren auf der Tagesordnung. Doch Small Talk ist nicht ihr Ding. „Ich rede nur dann, wenn ich was zu sagen habe. Das ist nicht meine Welt.“
Dass sie beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern treten würde, wurde ihr erst beim Studium in Tübingen richtig bewusst. Spanisch und Französisch auf Lehramt. Nach einem Semester schmiss sie hin. Ihr Herz schlägt für die Kulinarik. Ein paar Jahre sammelte sie Erfahrung im Lokal ihres Vaters, mit 23 eröffnete sie ihren Laden. Eigentlich hatte sie von einem eigenen kleinen Café geträumt. Dass es dann etwas anders kam, ergab sich beim Renovieren der Räume.
Die Zeit der Tränen
Mit ihrer Bottega ist Giulia Cardascia beruflich mindestens so ausgelastet wie ihr Mann. Beide arbeiten viel. Beide brennen für das, was sie tun. Nur einmal hat sie ihn zu einem Einsatz begleitet – auf den Philippinen zimmerten sie Holzhütten zusammen. Ansonsten macht jeder sein Ding. „Das führt dazu, dass wir uns auch nach zehn Jahren Beziehung noch aufeinander freuen“, sagt sie. Serkan Eren ist alle drei, vier Wochen für Stelp unterwegs, oft in von Krisen gebeutelten Ländern wie Afghanistan. Allein in diesem Jahr war er siebenmal in der Ukraine, um Hilfsgüter zu verteilen. Dass er sich immer wieder Gefahren aussetzt, konnte Giulia Cardascia anfangs schwer akzeptieren. „Es hat mich viele Tränen gekostet, damit klarzukommen.“ Doch weil sie weiß, dass Angst keine gute Begleiterin ist, hat sie sich damit arrangiert.
Wenn er zurückkehrt mit neuen, teils schrecklichen Bildern im Kopf, braucht er eine Weile, bis er wieder Ruhe in sich findet. Giulia Cardascia weiß, dass sie für den Serkan Eren ein wichtiger Anker ist im Leben. Sie stellt keine Fragen. Irgendwann fängt er an zu reden, sie hört zu. „Aus dem Elend in eine tolle Wohnung zu kommen, in der es Essen im Überfluss gibt, das ist nicht leicht.“
Im August haben die beiden geheiratet in der Toskana. In der Nähe von Siena – ihrem gemeinsamen Sehnsuchtsort. Von dort stammen weltberühmte Weine wie der Chianti. Die Landschaft, ein einziges Gemälde. „Serkan sagt oft zu mir, das ist der einzige Ort auf der Welt, an dem er wirklich runterkommen kann. Er liebt alles dort, ich auch.“ Im Beisein von 130 Gästen gaben sie sich auf einem alten Gutshof das Jawort. „Serkan hat einen großen Freundeskreis, und ich habe eine große Familie. Da trafen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander“, erzählt Giulia Cardascia und schwärmt: „Es gab überhaupt keine negative Energie.“
Nach der Hochzeit nahmen sie sich in Portugal eine kurze Auszeit. Giulia Cardascia muss lachen, als sie davon erzählt. Es sei nicht ungewöhnlich, dass mit Serkan auch die kürzeste Reise zu einem Abenteuer werde. In Lissabon gab man ihnen das zuvor reservierte Mietauto nicht, mit dem sie durch die Algarve fahren wollten – Kreditkarte vergessen. Ein Freund lieh ihnen ein Fahrzeug. Beim Stand-up-Paddeln stürzte Serkan Eren auf einen Felsen. Knie verletzt. Nach ein paar Stunden am Strand war der Schlüssel des geliehenen Autos verschwunden, die Handyakkus leer. Sie trampten zum Hotel, organisierten den Abschleppdienst, ließen einen neuen Schlüssel anfertigen. Um ihren Rückflug nicht zu verpassen, fuhren sie mit dem Flixbus nach Faro. „Das war wohl die erste Probe für unsere Ehe“, sagt sie. Längere Flitterwochen folgen im Februar, in Südafrika.
Er wächst in Armut auf
Die beiden sind ganz unterschiedlich aufgewachsen. Giulia Cardascia kommt in Stuttgart zur Welt und wird in Heumaden groß, behütet in einem Haus mit Garten. Sie hat zwei ältere Brüder und einen Labrador. Die Familie verwöhnt das Nesthäkchen – ist aber andererseits auch streng. Als Kind ist Giulia eine begeisterte Hip-Hop-Tänzerin, als Jugendliche hilft sie viel im Restaurant des Vaters mit. Der Familienzusammenhalt ist ihr wichtig.
Längst ist auch Serkan Eren Teil dieser Familie. Er, der in Armut aufgewachsen ist bei seinem Vater in einem Wohnblock in Villingen-Schwenningen. Er hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Die Kinder müssen sich tagsüber selbst beschäftigen, weil der Vater viel arbeitet, um alle satt zu bekommen. Mit 13 zieht Serkan zu seiner Mutter nach Kehl. Familie, das waren für ihn immer auch seine Freunde.
Giulia ist 19, als sie den zehn Jahre älteren Serkan kennenlernt. „Ganz unspektakulär, in einem Club.“ Sie verwechselt ihn mit einem Freund des Bruders und stupst ihn an: „Hey, Andi.“ Worüber sie anschließend eine Stunde lang gesprochen haben, weiß sie nicht mehr. Er wohnt zu der Zeit in einer Einzimmerwohnung in Degerloch und studiert. Später wird er Lehrer an der Merz-Schule. Ihr gefällt seine positive Ausstrahlung. Die Art, wie er das Leben angeht. Sein Humor. Die Liebe zu Kindern. Und sie schätzt seine Ehrlichkeit, mit der er manchmal auch aneckt.
Giulia Cardascia erlebt die Anfänge von Stelp mit. Serkan Erens Ehrgeiz, seinen Tunnelblick, wie sie sagt. Heute glaubt sie, dass er dazu bestimmt ist, anderen zu helfen – und dass eine höhere Macht über ihn wacht, dass er nicht nur einen Schutzengel hat, sondern mehrere. Sie ist überzeugt davon, dass er nicht aus egoistischen Gründen Gutes tut, sondern weil er wirklich mit den Menschen mitfühlt. „Ich bin auch empathisch. Aber nicht so wie er. Nicht mal ansatzweise.“
Es gibt auch so was wie einen Alltag bei den beiden. Ist Serkan Eren nicht im Ausland unterwegs, kommt er abends zum Essen nach Hause. „Er liebt es, wenn ich koche“, sagt Cardascia. Sie liebt es, wenn er versucht, Italienisch zu sprechen. Sein Lieblingssatz: „Sei la donna più bella del mondo.“ Du bist die schönste Frau auf der Welt.