Glaser-Kolumne Der schlafende Schlaf

Von Peter Glaser 

Früher war das Unterbewusste mal populär, heute versucht man mit Maschinen die unbeliebte Zeitverschwendung zu verhindern.

Schlafen wird immer häufiger als unnötige Zeitverschwendung empfunden. Foto: dpa
Schlafen wird immer häufiger als unnötige Zeitverschwendung empfunden. Foto: dpa

Stuttgart - Der Sommer ist da und mit ihm die Versuchung, sein entferntes Urlaubsziel im Auto in einem Rutsch zu erreichen. Sekundenschlaf ist die Ursache für jeden vierten Verkehrsunfall in Deutschland. Die Neigung, den Schlaf zu verdrängen, ist zeitgemäß. Schlaf wird heute weithin als lästige Unterbrechung des Lebensfortlaufs angesehen, als unvermeidlicher biologischer Boxenstopp. Mit Mitteln von Koffein bis Ritalin wird die feindliche Müdigkeit bekämpft. In Japan hat die fatale Kultur der Schlafverkürzung sogar einen Namen: Karoshi.

Im Westen war das Interesse am Schlaf und seinen Begleiterscheinungen im 20. Jahrhundert einigen Wandlungen unterworfen. Heute scheint niemand mehr träumen zu wollen. Sigmund Freud hatte das Unterbewusste zum Popstar gemacht, die Folgen waren in der gesamten Kulturproduktion zu besichtigen. Vom Surrealismus über verschwimmende Überblendungen im Film, die Traumsequenzen signalisierten, bis hin zu psychedelischen Dream Machines - alle erkundeten diese neuen Erweiterungen des menschlichen Selbstbilds. In den 70er Jahren rückten die wissenschaftlichen Aspekte in den Vordergrund. Die Ergebnisse der Schlafforschung wurden popularisiert, Rem-Phasen und Alpha-Wellen hielten Einzug in den Smalltalk.

Träume sind oft rätselhaft

Zwar pflegen auch Programmierer die Bohemetradition des Nachtmenschentums. Die Versuche der Komplexitätszähmung, die das Computerzeitalter mit sich brachte, machten die krause Welt der Träume aber zunehmend zu einer No-go-Area. Im Gegensatz zum Marketingbegriff "Vision", der meist irgendwelche glattgebügelten Zukunftsvorstellungen plakatiert, sind Träume oft rätselhaft, verstörend und zutiefst beunruhigend.

Währenddessen versuchen die Visionäre sich an forcierten technischen Lösungen zur Traumabwehr und Schlafbekämpfung. Amerikanische Autohersteller und Elektronikfirmen haben Hardwarelösungen entwickelt, um drohendem Schlaf zu begegnen. Bei den einfachen Ansätzen wird die Kopfposition ermittelt. Fällt der Kopf eines Einnickenden nach vorne, wird der Betroffene vehement darauf aufmerksam gemacht. Die japanische Firma Takanoha hat eine bürotaugliche Form dieser Idee mit Vibrationsalarm auf den Markt gebracht ("Nap Vieeb"). Einen anderen Ansatz verfolgen die Designer der Arch Group. Sie versuchen, die Fahrzeiten vom Arbeitsplatz zum Schlafplatz zu reduzieren oder ganz zum Verschwinden zu bringen, indem sie im Büro oder in benachbarten Gebäuden sogenannte Sleep Boxes aufstellen wollen - etwas wie die Individualisierung der japanischen Kapselhotels. Neuere Systeme für ermüdungsgefährdete Fahrzeuglenker arbeiten mit im Auto eingebauten Kameras und entsprechender Software.

Die Idee ist nicht neu. Lokführer und Bediener an gefährlichen Maschinen müssen schon seit den 30er Jahren alle paar Minuten den sogenannten Totmannschalter drücken, um der Maschine bekanntzugeben, dass sie noch leben. Keine Traumjobs.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de

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