Glaser-Kolumne Im Ernstfall verzichtet man auf Roboter

Von Peter Glaser 

Japan gilt als roboterverliebt. Aber warum werden dann Menschen in die verstrahlten Meiler in Fukushima geschickt?

In Fukushima werden Menschen zu lebensgefährlichen Einsätzen in die Atommeiler geschickt - während es in Japan ansonsten für jede vorstellbare Aufgabe einen Roboter gibt.  Foto: dapd
In Fukushima werden Menschen zu lebensgefährlichen Einsätzen in die Atommeiler geschickt - während es in Japan ansonsten für jede vorstellbare Aufgabe einen Roboter gibt. Foto: dapd

Fukushima - Es sieht so aus, als wären sie überall. Am Narita Airport in Tokio machen zwei Roboter mit niedlichen Gesichtern, Narita-kun and Epo-chan, den Boden sauber. Wissenschaftler der Universität von Pennsylvania haben autonome Flugroboter dazu gebracht, Gerüste aus Fertigteilen aufzubauen. Biorobotiker an Carnegie Mellon University haben einen Schlangenroboter gebaut, der einen Baum hochkriechen kann. Der deutsche Robotikforscher Klaus Schilling spricht sogar von der Notwendigkeit, juristische und ethische Grundlagen zu schaffen, um bei der zunehmenden Entscheidungsfähigkeit von Robotern deren Schuldfähigkeit festzustellen. 

Aber zuvor vielleicht noch eine Frage: Wo sind die Roboter in Fukushima?

Wo sind, in einer geradezu roboterverrückten Hightechnation wie Japan, die Flugroboter, die in den offen liegenden Reaktorgebäuden nach der inneren Sicherheitshülle um den Reaktorkern sehen, nach den plutoniumhaltigen Brennstäben in den Abklingbecken? Die Messungen durchführen, ohne dass Menschen in Gefahr geraten? Eine amerikanische Global-Hawk-Flugdrohne soll die Reaktorblöcke in Fukushima nun überfliegen. Wo sind die Roboter, die für Mondlandschaften prädestiniert sind und sich im Gebäudeschutt der Reaktorblöcke bewähren können? Raupengeräte, Kletterroboter, fernsteuerbares schweres Gerät? Das kann doch nicht wahr sein, dass die ganze Roboterverheißung nur für Wettbewerbe und Firmenpräsentationen da ist.

Warum schickt man in Fukushima Menschen in die Todeszone?

"Robots take dangerous Jobs" - Roboter übernehmen gefährliche Aufgaben - bereits 2003 waren auf der Fachmesse Robodex in Tokio Roboter vorgestellt worden, die unter Extrembedingungen arbeiten sollten. So wurden etwa an der japanischen Universität Chiba Minenräumgeräte entwickelt, darunter der eine Tonne schwere Comet III, der sich wie eine Spinne auf sechs Beinen bewegt. Der Prototyp HRP-2 einer anderen Forschungseinrichtung war explizit für Arbeiten an Orten vorgesehen, "die für Menschen gefährlich sind".

Shin Furukawa, Planungsdirektor bei dem Roboterhersteller Tmsuk, hob die Wichtigkeit von Robotern für diese Art von Einsätzen hervor. Im September 1999 stand er mit der Betreiberfirma JCO der Wiederaufarbeitungsanlage in Tokaimura 120 Kilometer nordöstlich von Tokio in Kontakt, als sich der bis dahin schwerste Atomunfall in Japan ereignete. Zwei Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden kontaminiert. "Ich habe mit einem der Verantwortlichen gesprochen, er hatte eine Liste mit Namen vor sich, mit Alter und Familienstand. Hätten wir Roboter gehabt, wir hätten sie stattdessen schicken können."

Roboter bringen nicht immer den gewünschten Erfolg. Zur Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko hatte die Firma BP auf Unterwasserroboter gesetzt - aber hier kam die Hoffnung auf Maschinen, die sich mit selbstverständlicher Todesverachtung in 1500 Metern Tiefe gegen widrige Umstände durchsetzen, mit der merkwürdigen Realität von Katastrophen in Kontakt. Die Steuerung der Tauchroboter war so schwierig, dass zwei Personen, umgeben von Monitoren, jeweils einen Roboter zu kontrollieren versuchten - einer navigierte das Vehikel, der andere versuchte, dessen Arme so zu bewegen wie die eines Menschen. Der Versuch, damit die Absperreinrichtungen des Bohrlochs zu aktivieren, schlug fehl.