Glasfaser im Kreis Böblingen Doppelter Ausbau löst Kritik aus

Asphalt weg, neue Leitungen rein: Die Telekom ist in Altdorf bereits in einigen Straßen mit dem Ausbau des Glasfasernetzes beschäftigt. Foto: Stefanie Schlecht

In Altdorf und Bondorf im Kreis Böblingen bauen sowohl die Telekom als auch die Deutsche Glasfaser das Leitungsnetz für schnelleres Internet aus. Anstatt sich konkret abzusprechen, verlegen die Unternehmen unabhängig voneinander die Kabel. Das sorgt vor Ort für Unverständnis.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Der Glasfaserausbau in der Region Stuttgart nimmt an Fahrt auf. Auch im Landkreis Böblingen sind Telekom und Deutsche Glasfaser aktiv dabei, das Netz auszubauen – zumeist ohne sich ins Gehege zu kommen. Der Wettbewerb der beiden Unternehmen führt in den Gemeinden Bondorf und Altdorf allerdings zu einem kuriosen Doppelangebot: Sowohl die Telekom als auch die Deutsche Glasfaser verlegen vor Ort ihre Leitungen – ohne sich abzusprechen. Das bedeutet: Zwei Glasfaserleitungen werden nacheinander im gleichen Areal versenkt, obwohl eine theoretisch genügen würde. Neben dem überflüssig hohen finanziellen Aufwand wird es durch die doppelten Bauarbeiten für die Anwohner deshalb zu Unannehmlichkeiten kommen. Die Gemeinden kritisieren zwar das Vorgehen, können aber nichts dagegen tun.

 

Die Deutsche Glasfaser baggert im Norden, die Telekom im Westen

In Bondorf am südlichen Ende des Landkreises rollen bereits die Bagger: Die Deutsche Glasfaser hat im Norden des Ortes angefangen zu graben, die Telekom im Westen. Beide sind mit dem Anspruch angetreten, den Ort komplett mit Glasfaser auszubauen. Doch offensichtlich sprechen sich die Unternehmen nicht ab. Einige Anwohnerinnen und Anwohner müssen sich in nächster Zeit also darauf einstellen, dass an genau derselben Stelle zu unterschiedlichen Zeitpunkten zweimal gebaggert wird.

„Wir haben das als Gemeinde versucht im Vorfeld zu koordinieren, damit die Bauarbeiten gleichzeitig durchgeführt werden können“, sagt der Bondorfer Bürgermeister Bernd Dürr auf Nachfrage unserer Zeitung. Die zweifache Verlegung der Kabel sei den Bürgern kaum vermittelbar, die jedes Mal mit Verkehrsbeeinträchtigungen zu rechnen haben. Doch die Bemühungen der Gemeinde sind bei den Unternehmen offenbar nicht auf offene Ohren gestoßen. Im Falle von Bondorf werden die beiden Telekommunikationsunternehmen nun in den nächsten Wochen aufeinander zubauen – bis sie sich irgendwann treffen. Nach Informationen des Bürgermeisters lehnt die Deutsche Glasfaser einen Doppelausbau grundsätzlich ab, weshalb das Unternehmen, sobald es an das Telekomgebiet im Westen anstößt, wohl abstoppen wird. Die Telekom allerdings habe vor, ihre bestehenden Kupfernetze im gesamten Gebiet als Glasfasernetze auszubauen. Das bedeutet im Klartext: Wo nun die Deutsche Glasfaser baggert, wird in einigen Wochen oder Monaten noch einmal die Telekom graben.

Die Telekom will in Altdorf noch im Sommer mit dem Ausbau starten

Ein ähnliches Schicksal ereilt neben den Bondorfern auch die Altdorfer. Hier wie dort sorgt dieses Vorgehen für Kopfschütteln. Aus der Altdorfer Verwaltung heißt es: „Es wäre wünschenswert, wenn Firmen miteinander arbeiten würden, sodass nur einmal Bauarbeiten anfallen.“ Das Vorgehen der Unternehmen sei aus finanzieller Sicht nicht sinnvoll, ganz zu schweigen von den entstehenden Verkehrsbeeinträchtigungen und der Beanspruchung von Straßen und Gehwegen. Die Telekom will in Altdorf noch im Sommer mit dem Ausbau von über 2000 Haushalten beginnen. Wann die Deutsche Glasfaser startet, ist der Verwaltung noch nicht bekannt. Obwohl der Ausbau nicht so läuft wie gedacht, verweist der Bondorfer Bürgermeister Bernd Dürr noch auf einen positiven Aspekt: „Kooperationen sind immer wünschenswert, aber Wettbewerb eben auch. Der hat nämlich erst dazu geführt, dass die Kabel kostenfrei von den Firmen verlegt werden.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Altdorf: Telekom baut Glasfasernetz

Was es mit diesem Wettbewerb auf sich hat, erklärt Hans-Jürgen Bahde. Er ist Geschäftsführer der Gigabit Region Stuttgart GmbH (GRS), die gemeinsam mit den Breitband-Zweckverbänden der Landkreise und der Landeshauptstadt Stuttgart den Glasfaserausbau steuert. „Die Kommunen, genauso die Zweckverbände und die GRS, sind zu Neutralität verpflichtet“, sagt er. Das bedeutet, dass sie nicht regulatorisch in den Markt eingreifen und sich ein Unternehmen aussuchen dürfen, das den Glasfaserausbau übernimmt. Im Idealfall würden sich die Telekommunikationsunternehmen in ihrem Bestreben, das Netz auszubauen, synchronisieren.

Dies hat in Bondorf und Altdorf aber offensichtlich nicht geklappt. Das liegt laut Hans-Jürgen Bahde daran, dass es im südlichen Teil des Landkreises für die Telekom auf der einen Seite von erheblichem Interesse sei, ihre Bestandskunden zu halten. Für die Deutsche Glasfaser, die sich vom Kreis Tübingen in den Kreis Böblingen arbeitet, sei es auf der anderen Seite wichtig, Neukunden zu gewinnen. Da die beiden Unternehmen Konkurrenten auf dem Markt sind, hätten sie kein großes Interesse daran, ihren Mitbewerber in irgendeiner Weise zu fördern oder gar einen schnelleren Zugang zu ermöglichen, erklärt Bahde.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Beim Glasfaserausbau soll Wettbewerb für neuen Schwung sorgen

In anderen Gemeinden im Landkreis übernimmt zumeist nur eines der Unternehmen den Ausbau. Die Deutsche Glasfaser legt jedoch Tempo vor und geht aktiv auf lokale Verwaltungen zu, die mit Zustimmung des Gemeinderates Kooperationsverträge abschließen. Daraufhin beginnt die Vorvermarktung des Projekts: Die Deutsche Glasfaser baut nämlich nur aus, wenn sich 33 Prozent der Haushalte zu einem Glasfaseranschluss entschließen. Aidlingen, Weil im Schönbuch, Holzgerlingen und Waldenbuch sind nur einige der Gemeinden, die einen solchen Kooperationsvertrag abgeschlossen haben. In Waldenbuch kam es zuletzt zu Kritik an der Deutschen Glasfaser: Nach Beschwerden über das offenbar aufdringliche Vertriebsteam schickte die Firma neue Vertriebler in das Gebiet, um die Vorvermarktungsquote noch zu erreichen. Die Telekom hingegen verfolgt einen anderen Ansatz: Nach Umstellung ihres Geschäftsmodells baut das Unternehmen ohne Quote aus. Die Bauarbeiten und die Vermarktung der Anschlüsse läuft dabei gleichzeitig ab.

Obwohl sich die negativen Effekte des Wettbewerbs in Altdorf und Bondorf momentan bemerkbar machen, ist Hans-Jürgen Bahde von den grundsätzlichen Vorteilen überzeugt: „Wettbewerb ist immer begrüßenswert, weil es zu einem schnelleren und flächendeckenden Ausbau führt.“ Was gerade in Altdorf und Bondorf passiert, schätzt er als Ausnahmesituation ein.

Die Altdorfer und Bondorfer müssen sich also wohl damit abfinden, dass sie beim Glasfaserausbau vielleicht etwas zu viel des Guten abbekommen. Aber wie man so schön sagt: Doppelt hält besser.

Glasfaserausbau in der Region

Gigabit Region Stuttgart GmbH (GRS)
Die Regionalpolitik hat sich zeitliche Ziele gesetzt, was den flächendeckenden Glasfaserausbau angeht. Eine koordinierende Rolle hat dabei die Gigabit Region Stuttgart GmbH (GRS). In einem Kooperationsprogramm mit der Deutschen Telekom, das 2019 ins Leben gerufen wurde, steuert die GRS den gesamten Ausbau in der Region. 174 von 179 Städten und Gemeinden in der Region Stuttgart beteiligen sich derzeit an dem gemeinsamen Ausbauprogramm. Sindelfingen und Böblingen sind dem Zweckverband für den Breitbandausbau nicht beigetreten. Sie wollen den Ausbau selbstständig mit ihren eigenen Stadtwerken angehen. Nach Zahlen aus dem Jahr 2021 sind im Landkreis Böblingen bis jetzt 10,2 Prozent der Haushalte mit Glasfaser ausgestattet. Im Landkreis Esslingen sind es 7,4 Prozent im Landkreis Ludwigsburg 14, 2 Prozent. Bis 2030 sollen 90 Prozent der Haushalte in der Region an das Glasfasernetz angeschlossen sein.

Wettbewerb beim Glasfaserausbau
Der Glasfasermarkt ist nicht reguliert. Damit unterscheidet er sich vom Ausbau des Kupfernetzes. Dort hat die Telekom, ein ehemals staatliches Unternehmen, einen Grundversorgungsauftrag. Das heißt, dass die Telekom überall dort, wo niemand ein Kupfernetz bauen will, dieses verlegen muss. Beim Glasfaserausbau ist dies nicht der Fall. Der Wettbewerb soll dafür sorgen, dass das Netz in höherem Tempo verlegt wird. Vom Gesetzgeber ist es gewünscht, dass möglichst viel eigenwirtschaftlich von den Unternehmen selbst – und ohne Steuermittel – ausgebaut wird. Dafür braucht es allerdings den Wettbewerb.

Weitere Themen