Glasfenster Schottenkapelle Was treiben die Nazis in der Konstanzer Kapelle?
In der Konstanzer Schottenkapelle ist Überraschendes zu sehen: Ein Glasfenster des Künstlers Albert Birkle zeigt zwei SA-Männer. Das Hakenkreuz war jahrelang überklebt.
In der Konstanzer Schottenkapelle ist Überraschendes zu sehen: Ein Glasfenster des Künstlers Albert Birkle zeigt zwei SA-Männer. Das Hakenkreuz war jahrelang überklebt.
Die meisten Passanten lassen das alte Bauwerk links liegen. Oder sie rasen auf der viel befahrenen Straße vorbei. Die Schottenkapelle im Konstanzer Stadtteil Paradies steht im Schatten eines imposanten Gymnasiums und eines schicken grauen Wohnblocks. Das Dornröschen unter den Konstanzer Gotteshäusern würde noch lange schlummern, wenn sich nicht eine Initiative seit Sommer darum kümmern würde.
Bei den Führungen durch das Bauwerk reibt sich mancher Besucher die Augen. Auffällig sind vor allem die Glasfenster. Sie entstanden deutlich nach dem Zweiten Weltkrieg und stammen aus der Hand des Salzburger Glaskünstlers Albert Birkle. Während die Augen die farbigen Flächen und die Figuren betrachten, bleibt der Blick plötzlich hängen: Auf einem der prall leuchtenden Fenster sind zwei Nazis dargestellt. Sie quälen und bedrängen einen Mann in einem dunklen Mantel. Die beiden stecken in SA-Uniform, der Oberarm eines Mannes ist mit der Hakenkreuzbinde versehen.
Die Farben des Parteisymbols (schwarz, weiß, rot) sowie der Schnitt der Uniformen lassen kaum Zweifel zu: Der Künstler hat in voller Absicht zwei NSDAP-Männer in sein Fenster komponiert, das bis heute in der Kirche hängt. Einer der beiden Schläger weist Ähnlichkeiten mit Hitler auf.
Einer, der das Kuriosum erklären kann, ist der Kunsthistoriker Bernd Konrad. Er hat sich intensiv mit Glasmalerei in Süddeutschland beschäftigt. Auch die Fenster in der lange Zeit geschlossenen Kapelle hat Konrad dokumentiert und Material dazu gesammelt. Was sagt er zu den Gespenstern aus dem Dritten Reich? Konrad stellt die Darstellung in einen größeren Zusammenhang. Es geht im Kontext um die geistigen Werke der Barmherzigkeit (also Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten). Zu jeder dieser barmherzigen Taten suchte der Glaskünstler Birkle eine bildliche Umsetzung. Das Thema „den Beleidigern verzeihen“ kleidete der Künstler in Uniformen des NS-Zeit.
Deshalb lässt er die beiden SA-Männer einen Priester peinigen; an dem Kreuz, das er hochhält, ist er gut erkennbar. Birkle, der 1900 in Berlin geboren wurde und 1986 in Salzburg starb, hat die Diktatur selbst erlebt. Der Künstler nahm an beiden Weltkriegen teil. Sein Werk ist vieldeutig. Einige seiner Ölbilder – im Stil der Neuen Sachlichkeit – wurden als „entartet“ klassifiziert. Andererseits erhielt er nach 1933 großformatige Staatsaufträge und konnte Werke in Ausstellungen präsentieren.
Die beiden Krawallmacher in SA-Uniform fielen bereits kurz nach der Enthüllung unangenehm auf. „Das Hakenkreuz war jahrelang überklebt“, berichtet der Kunsthistoriker Konrad. Er bezweifelt, dass mit dem linken der beiden Fanatiker tatsächlich Hitler gemeint ist. „Das ist der Typus des aggressiven Menschen schlechthin“, sagt er.