Gleichstellung an der Uni Stuttgart Frauen holen nur langsam auf

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Die Universität Stuttgart hat zwar ihren Professorinnenanteil gesteigert, ist aber bei Promotionen und wissenschaftlichem Mittelbau in der Gleichstellung bundesweit Schlusslicht. Das ist nicht nur bei der Begutachtung von Forschungsvorhaben von Bedeutung.

Nicole Radde gehört an der Uni Stuttgart zur Minderheit: Sie ist Professorin für Systemtheorie in der Systembiologie. Als Gleichstellungsbeauftragte arbeitet sie an einer Steigerung des Frauenanteils Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Nicole Radde gehört an der Uni Stuttgart zur Minderheit: Sie ist Professorin für Systemtheorie in der Systembiologie. Als Gleichstellungsbeauftragte arbeitet sie an einer Steigerung des Frauenanteils Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Universitäten scheinen für Frauen kein natürliches Habitat zu sein. Das gilt verstärkt für die Uni Stuttgart. „Die Schere geht auf zwischen Männern und Frauen – und das verschärft sich noch im Lauf der Karrierestufen“, sagt Nicole Radde bei der Vorstellung ihres Berichts als Gleichstellungsbeauftragte der Universität Stuttgart vor Unirat und Senat. Die Professorin für Systemtheorie in der Systembiologie gehört dabei selber als eine von derzeit 42 Professorinnen an der Uni Stuttgart klar zur Minderheit, gendermäßig gesehen. Denn der Professorinnenanteil konnte hier zwar auf 15 Prozent gesteigert werden, liegt damit aber immer noch deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 25 Prozent.

Das Ziel, diesen Anteil an der Uni Stuttgart bis zum Jahr 2022 auf 20 Prozent zu erhöhen, findet Radde „sehr ambitioniert“. Noch immer ist an der Uni Stuttgart in vier der zehn Fakultäten der Professorinnenanteil einstellig. Besonders augenfällig zeigt sich die Entwicklung des Frauenanteils in der Fakultät Energie-, Verfahrens- und Biotechnik: Dort sind zwar mit 44 Prozent fast die Hälfte der Studierenden weiblich, doch im akademischen Mittelbau ist der Frauenanteil mit 27,5 Prozent fast halbiert, und die Professorinnen machen gerade mal 6,9 Prozent aus.

Auch in der Gesamtbetrachtung liegt die Uni Stuttgart mit ihrem Frauenanteil bei den Promotionen, den Postdocs und beim wissenschaftlichen Personal unter den 69 Unis bundesweit in der Schlussgruppe. Auffällig immerhin: Während der Anteil der Studentinnen an der Uni Stuttgart seit dem Jahr 2000 gerade mal von 30 auf 33 Prozent geklettert ist, liegt die Hochschule bei der Steigerung des Professorinnenanteils von drei auf 15 Prozent bei den technischen Unis in der Spitzengruppe.

Gleichstellungsbeauftragte plädiert für „veränderte Führungskultur“

Das Thema Gleichstellung ist keinesfalls nur „nice to have“, sondern längst auch ein hartes Kriterium bei der Begutachtung von Forschungsanträgen, etwa in der bundesweiten Exzellenzstrategie. Dabei konkurrieren die Universitäten um Millionen Euro an Fördergeldern.

Um hier auch gendermäßig punkten zu können, hält Radde „eine veränderte Führungskultur an Hochschulen“ für notwendig. Sprich: Das Thema Gleichstellung muss stärker darin integriert und mitgedacht werden. Auch Berufungsverfahren müssten dahingehend optimiert und vereinheitlicht werden, so Radde. Sie schlägt vor, ein Berufungsmanagement einzuführen. Das Gleichstellungsreferat habe hierzu die Expertise.

Radde plädiert zudem für eine verbesserte Fortführung sämtlicher Projekte für Schülerinnen, Studentinnen, Doktorandinnen, weiblichen Postdocs und Professorinnen. Am Interesse der Mädchen mangelt es jedenfalls nicht. So sind in diesem Jahr beim Girls’ Day 384 Plätze für Schülerinnen der Klassen fünf bis zehn reserviert und 29 Veranstaltungen hierzu geplant.

Beim „Try Science“-Programm können Schülerinnen und Schüler an Workshops in verschiedenen Studiengängen und sogar Sonderforschungsbereichen teilnehmen sowie – begleitet – auch an Vorlesungen, und sie bekommen den Campus gezeigt. Interessant dabei: Seit das Programm auch für Schüler geöffnet wurde, habe man auch deutlich mehr Schülerinnen für die Teilnahme begeistern können. Diese erhalten zudem in Eins-zu-eins-Tandems mit Studentinnen ein besonderes Mentoring. „Wir kooperieren dabei mit großen Gymnasien in der Region“, sagt Radde. Dabei ermutige man die jungen Frauen, ein Mint-Fach (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu studieren.

Erstmals kümmert sich an der Uni eine Prorektorin um Diversity

Eine Erhöhung des Frauenanteils erhofft sich Radde auch durch die enge Zusammenarbeit mit der Prorektorin für Wissenschaftlichen Nachwuchs und Diversity – eine neu geschaffene Prorektorstelle, die Monilola Olayioye, Professorin für Molekulare Tumorzellbiologie, im Januar angetreten hat. Dabei geht es darum, ganz bewusst die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen in den Teams zu fördern.

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