Gleichstellung an Unis Mehr Frauenpower an den Unis

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Wissenschaft ist nach wie vor vor allem Männersache. Doch mit gezielten Maßnahmen wurde an den Unis Stuttgart und Hohenheim der Frauenanteil in Führungsjobs erhöht.

Eröffnungsveranstaltung f. Erstsemester Studenten Uni Hohenheim B1 Hörsaal Okt 2014 Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Eröffnungsveranstaltung f. Erstsemester Studenten Uni Hohenheim B1 Hörsaal Okt 2014 Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - An der Uni Hohenheim ist fast jede vierte Professur in weiblicher Hand: 24,4 Prozent. Das ist mehr als im Landes- und Bundesdurchschnitt. „Das ist verdammt gut, darauf bin ich auch stolz“, sagt Ute Mackenstedt. Die Professorin für Parasitologie und frühere Prorektorin für Lehre ist seit 2008 Gleichstellungsbeauftragte der Universität Hohenheim. Damals betrug der Professorinnenanteil gerade mal sieben Prozent. Woher kommt dieser Aufschwung? „Ich habe die aktive Rekrutierung durchgesetzt“, berichtet Mackenstedt. Das sei kein einfaches Unterfangen gewesen – „im Senat haben wir fünf Stunden darum gestritten“.

Schub gebracht hätten auch die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Verkürzt gesagt bedeutet dabei weniger Gleichstellung auch weniger Forschungsfördermittel. Dieser Hebel wirkte offensichtlich – und er tut es noch.

„Wissenschaftlerinnen müssen sehr gut sein, wenn sie Professorinnen werden wollen“, sagt Mackenstedt – „und sie sind es auch“. Noch immer sind an der Uni Hohenheim zwar mit 56,9 Prozent mehr Studentinnen als Studenten eingeschrieben (besonders krass zeigt sich dieses Ungleichgewicht in der Fakultät Naturwissenschaften, wo der Frauenanteil 76,5 beträgt), Mackenstedt fragt jedoch: „Muss ich in jedem Studiengang diese Parität haben?“ Denn schon bei den Promotionen relativiert sich das Geschlechterverhältnis oder kehrt sich sogar um, wie etwa in der Fakultät Wirtschaftswissenschaften. Dort wolle ohnehin „kaum noch jemand promovieren“, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte. Der Grund: „Der Arbeitsmarkt boomt – viele werden vor der Promotion abgeworben oder haben schon einen Job.“

Die Durststrecke für Wissenschaftlerinnen kommt erst nach der Promotion

Insgesamt aber sei bei den 1369 Hohenheimer Doktoranden (davon 48,5 Prozent Frauen) die Gleichstellung im Jahr 2015 nahezu erreicht. Und in der Fakultät Naturwissenschaften mit fast 60 Prozent und der Fakultät Agrarwissenschaften mit 53 Prozent seien die promovierenden Frauen sogar in der Mehrheit. Doch der Flaschenhals kommt danach. Zum einen sei es „schwer, eine Finanzierung zu finden für die Zeit, bis man eine Professur ergattert“, sagt Mackenstedt, denn es gebe „auf dem Weg zur Professur zu wenig entfristete Stellen“. Viele Wissenschaftlerinnen lehnten es ab, mehrere Jahre in unsicheren, prekären Finanzverhältnissen zu leben. Die Uni biete deshalb zusätzlich Serviceleistungen an, um Wissenschaftler bei der Stange zu halten. Neben Kinderbetreuung etwa das Mentoring-Programm, um Frauen bessere Netzwerke zu bieten, aber auch eine Rentenberatung. Beim Programm Eldercare habe die Uni einen Vertrag mit dem Pflegering geschlossen, um Uniangehörigen Unterstützung zu bieten, wenn es darum geht, für Angehörige ein Heim zu finden oder eine Pflegestufe zu beantragen. „Denn meist sind es die Frauen, die sich um die Pflege kümmern“, so Mackenstedt. „Es rentiert sich, so was zu machen: Damit kann man auch verhindern, dass Mitarbeiter auf Teilzeit umsteigen, häufig fehlen oder ganz weggehen.“

An der technisch orientierten Uni Stuttgart ist ein paritätisches Geschlechterverhältnis naturgemäß schwerer herzustellen. Die dortige Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Hardtmann ist promovierte Chemikerin und stellvertretende Leiterin des Rektoratsbüros. Bei ihrem Jahresbericht vor Unirat und Senat lobte Hardtmann insbesondere die Frauenanteile auf der obersten und mittleren Führungsebene als „sehr schön“: Im Rektorat beträgt dieser 50 Prozent, im Unirat 45,5 Prozent. Unterstützung gebe auch Rektor Wolfram Ressel, der gesagt habe: „Gender ist Chefsache.“

Doch bei den Professuren hat die Uni Stuttgart trotz leichter Steigerung nur einen Frauenanteil 13,8 Prozent erreicht und liegt damit sowohl unter dem Durchschnitt im Land (19 Prozent) als auch im Bund (22 Prozent). Konkret seien es an der Uni Stuttgart rund 228 Professoren und 42 Professorinnen, bald könnten es sogar 48 sein. „Früher waren Frauen Exoten in der Professorenschaft – heute sind sie einfach nicht mehr wegzudenken“, sagt Hardtmann. Der Exotenstatus liegt gar nicht so lange zurück: Vor 15 Jahren hatte die Uni gerade mal sechs Professorinnen. Doch in der ganzen Fakultät Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie etwa gibt es auch heute nur eine Professorin.

An der technisch geprägten Uni Stuttgart sind Frauen in der Minderheit

Allerdings sind auch die Studentinnen an der Uni Stuttgart mit ihrem Anteil von 32,3 Prozent klar in der Minderheit – trotz zahlreicher beliebter Schnupperprojekte für Schülerinnen. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Studiengängen der Fakultäten Konstruktions-, Produktions- und Fahrzeugtechnik (Maschinenbau) mit einem Frauenanteil von zwölf Prozent sowie Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie mit 13 Prozent.

Einen deutlichen Frauenüberhang gibt es mit 72 Prozent und immerhin 50,8 Prozent im akademischen Mittelbau in der Philosophisch-Historischen Fakultät. Auch die Fakultät Architektur und Stadtplanung ist bei Studentinnen mit 55 Prozent beliebter als bei ihren männlichen Kommilitonen. Weiter oben in den Qualifikationsstufen klafft die Schere wieder auseinander.

„Promotion ist das eine“, erklärt Hardtmann, „die Postdoc-Phase das andere – das ist meistens auch die Familienphase.“ Unterstützung böten Mentoring-Programme. Ziel sei auch, mit dem Bau einer eigenen Uni-Kita auf dem Vaihinger Campus einen Wettbewerbsvorteil zu erreichen. Der Baubeginn für das Haus mit 50 betrieblichen und 50 öffentlichen Kitaplätzen sei im nächsten Jahr geplant.

Auch bei den Berufungsverfahren gelte es aufzupassen. Dort hat Hardtmann als Gleichstellungsbeauftragte zwar Stimmrecht – „aber ich muss bei den Diskussionen aufpassen wie ein Schießhund“, räumt sie ein. Ihre Erfahrung ist: „Es muss eine kritische Masse an Frauen da sein – erst dann bewegt sich was.“ Das gelte auch für die Berufungskommissionen. Es gebe sie noch, die gläserne Decke für Wissenschaftlerinnen – „wenn’s auf die Professur geht“.

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