Er spielt ein göttlich klingendes Instrument, zu dem sein Nachname Hell, das englische Wort für „Hölle“, so gar nicht passen mag. Doch solche Wortspielereien entlocken Leonhard Hell nur ein müdes Lächeln. Er kennt sie fast alle, die Gags mit seinem Nachnamen. Der wäre aber noch mehr auf ihn zugeschnitten, wenn er mit einem „B“ beginnen würde. Denn „Bell“, das englische Wort für „Glocke“, wäre ideal für einen Glockenspieler. Das sei aber nicht seine korrekte Berufsbezeichnung, lenkt Leonhard Hell das Gespräch in ernstere Bahnen. Denn er hat keine entsprechende Ausbildung durchlaufen. Ein Glockenspieler ist er dennoch. Denn er ist in den Diensten der Stadt Esslingen für das Instrument im Alten Rathaus zuständig.
Die Musik war immer da. Schon in frühester Jugend. Als junger Steppke wollte Leonhard Hell Kontrabassspielen lernen. Die Lehrer winkten ab. Für das große Instrument war er noch zu klein. Also entschied er sich für das Cello. Dieses Instrument hat er nach seinem Abitur an der Waldorfschule in Esslingen auch studiert. Er spielt außerdem Akkordeon, Orgel, Klavier: „Eigentlich fast alles, was Tasten hat.“
Lange Lehrzeit
Ein Glockenspiel gehörte zunächst nicht dazu. Leonhard Hell arbeitete nach dem Studium als freier Musiker und Chorleiter. Als aber der bisherige Esslinger Glockenspieler Eckart Hirschmann in den Ruhestand gehen wollte und einen Nachfolger suchte, kam die Stadt auf Leonhard Hell zu, der sofort zustimmte. Drei Jahre lang hat ihn der scheidende Meister angelernt, bis er 2021 übernehmen konnte. Seitdem ist ein Teil der Aufgaben, für die Leonhard Hell im Rahmen seiner 50-Prozent-Stelle am Kulturamt zuständig ist, auch die Pflege des Glockenspiels.
In Frack und Fliege mit bedeutungsschwerer Miene zum Klavier zu schreiten und dem Instrument, getragen von der Bewunderung des Publikums, Töne zu entlocken – solche Auftritte sind Leonhard Hell in seiner Funktion als Glockenspieler nicht vergönnt. Doch er vermisst nichts: Er habe erstens keinen Frack, und ein öffentlicheres Instrument als das Glockenspiel würde es zweitens gar nicht geben, meint der 43-Jährige. Jeder Misston sei laut und hörbar und werde von tausenden Menschen wahrgenommen. Fünf Mal täglich erklingt das Glockenspiel auf dem Alten Rathaus. Alle zwei Wochen, sagt Leonhard Hell, ändert er die Musikstücke ab. Sein Büro im Kulturamt ist genau gegenüber dem Alten Rathaus, und wenn irgendetwas schief läuft, ist er sofort zur Stelle.
Glockenspiel spielt verrückt
Vor seiner Amtszeit sei das einmal auf lautstarke Weise der Fall gewesen, gibt der Musiker eine Esslinger Anekdote zum Besten. Vor etwa zehn Jahren habe das Glockenspiel mitten in der Nacht wohl aufgrund eines technischen Defekts verrückt und wie wild gespielt. Gerade in jeder Nacht sei niemand da gewesen, um den Ruhestörer zur Ruhe zu bringen. Irgendwann habe das Instrument dann aber doch geschwiegen. Doch meist gibt es wohlklingende Töne von sich.
Bei der Auswahl der Melodien kann Hell aus dem Vollen schöpfen – mehr als 500 Weisen stehen auch dank des Fleißes seiner Vorgänger zur Auswahl. Er selbst mit Arrangements ebenfalls dafür, dass neue hinzukommen. Vor Kurzem hat er sich den Kanon „Lachend kommt der Sommer über das Feld“ vorgenommen. Die Melodie auf die Bedürfnisse des Glockenspiels anzupassen, sei gar nicht so einfach, sagt der Musiker. Denn es gebe keine klaren Regeln. Das Instrument habe seine Eigenheiten – und verfüge nur über 29 und damit sehr wenige Töne. Auch dürften mit Rücksicht auf das Trommelfell der Zuhörer nicht zu viele Glocken auf einmal erklingen. Zudem sei das Obertonspektrum sehr stark ausgeprägt. Das alles müsse er bei seinen Arrangements bedenken.
Attraktive Arrangements
Sie entstehen bei ihm zu Hause am Klavier. Dann spielt er sie in einem Zimmer im Alten Rathaus auf einem modernen Synthesizer ein. Sie werden aufgenommen und gespeichert und können bei Bedarf abgerufen und vorprogrammiert werden. Er spielt aber auch live. Normalerweise gibt Leonhard Hell einmal im Monat ein Konzert, doch während der Ferienzeit macht er eine Pause. Dafür ist er in der Adventszeit meist einmal wöchentlich zu hören. Beim Glockenspiel-Festival am Wochenende vom 9. und 10. September tritt Leonhard Hell zusammen mit internationalen Künstlern auf. Seine Kreation ist eine Mischung aus Johann Sebastian Bach und Metallica. Die Balladen der Heavy-Metal-Band hätten ein melodiöses Intro, die Präludien von Bach ebenfalls – das passe gut.
Der 43-Jährige mag Musik aber nicht nur, wenn sie laut ist. In seiner Freizeit geht Leonhard Hell gerne auf kleine, schnuckelige Festivals und hört sich an, was eben gerade so gespielt wird. Auf eine Richtung festgelegt ist er nicht – er ist offen für vieles. Nur Mainstream-Pop mag er gar nicht.
Leonhard Hell und das Glockenspiel auf dem Alten Rathaus
Person
Leonhard Hell wurde 1979 in Stuttgart-Uhlbach geboren, ist aber in Esslingen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach seinem Abitur studierte er Musik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Neben seiner 50-Prozent-Stelle am städtischen Kulturamt ist er als freier Musiker tätig. Er ist zudem Leiter der Chor Connection Obertürkheim und des evangelischen Kirchenchors im Esslinger Stadtteil Zollberg.
Glockenspiel
Das Glockenspiel auf dem Turm des Alten Rathauses in Esslingen ist um 8.02 (außer sonntags), 12.03, 15.02, 18.02 und 19.32 Uhr zu hören. Bei jedem Glockengeläut werden zwei Stücke gespielt. Alle zwei Wochen ändert Leonhard Hell das Repertoire. Konzerte gibt er in der Regel um 10.30 Uhr zur Marktzeit an einem Samstag im Monat. Die Termine stehen auf der Homepage unter www.esslingen.de und dem Stichwort „Glockenspiel“.
Festival
Beim Glockenspiel-Festival „Turm und Klang“ gibt es am Samstag, 9. September, um 16.30, 17.30 und 18.30 Uhr sowie am Sonntag, 10. September, um 18.05 und um 19.05 Uhr Konzerte mit internationalen Künstlern auf dem Glockenspiel im Alten Rathaus. Leonhard Hell hat seinen Auftritt mit einer Mischung aus Johann Sebastian Bach und Metallica am Sonntag um 16.30 Uhr. Mehr zum Programm steht unter turm-und-klang.esslingen.de