Leichtathletik-WM in Doha Verkehrskollaps einmal anders als in Stuttgart
WM-Kolumne: Was die Medienshuttles in Doha mit den X-1-Bussen in Stuttgart zu tun haben, erklärt unser Sportredakteur Marko Schumacher.
WM-Kolumne: Was die Medienshuttles in Doha mit den X-1-Bussen in Stuttgart zu tun haben, erklärt unser Sportredakteur Marko Schumacher.
Doha - Es zählt zu den besonders beklagenswerten Phänomenen der modernen Sportberichterstattung, dass Reporter auf Dienstreisen zu Großereignissen besonders gerne von ihren Erlebnissen beim Busfahren erzählen. Das können wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, leider auch diesmal nicht ersparen. Wir bitten schon jetzt um Entschuldigung und begründen den nun folgenden Selbsterfahrungsbericht damit, dass die Probleme bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha grundlegend anders gelagert sind als bei vergangenen Sportveranstaltungen in aller Welt.
Sonst wurde an dieser Stelle meist berichtet von Bussen, die entweder heillos überfüllt waren, viel zu spät oder gar nicht kamen, beziehungsweise von Busfahrern, die entweder den Weg nicht kannten, keinen Führerschein besaßen oder, auch das soll vorgekommen sein, betrunken waren. Nicht nur aufgrund des stark reglementierten Alkoholgenusses im Wüstenemirat Katar kann von alldem in dieser schillernden Metropole am Persischen Golf keine Rede sein. Vielmehr ist in Doha das Gegenteil der Fall: Hier gibt es zu viele Medienbusse, die fast im Minutentakt verkehren, und zu viele Busfahrer, die ganz genau wissen, welcher Weg von den Medienhotels in der City ins Khalifa-Stadion führt.
Die Folgen: Erstens sitzt häufig nur eine Handvoll Reporter in den Richtung Gefrierpunkt klimatisierten Bussen, was zwar ein Höchstmaß an Beinfreiheit ermöglicht. Doch dauert zweitens die Fahrt viel länger als nötig, weil sich die vielen Großraumwagen immer gegenseitig im Weg stehen. Nach meinen bisherigen Beobachtungen würde ich so weit gehen zu behaupten: Der Verkehr in Doha, einer Stadt, in der sich nicht wie in Stuttgart gut dreitausend, sondern lediglich 2,5 Einwohner einen Quadratkilometer teilen, kollabiert nur deshalb so schnell wie das WM-Teilnehmerfeld im Marathon und Gehen, weil so viele leere Medienbusse die achtspurigen Straßen verstopfen.
Das wiederum sorgt für eher gemischte Heimatgefühle, weil man täglich an die Stuttgarter Buslinie X 1 erinnert wird. Die sogenannten Expressbusse im Gepardenlook sind angetreten, die Passagiere in Rekordzeit aus Bad Cannstatt an den Hauptbahnhof zu chauffieren. Inzwischen weiß man: Eine Nacktschneckenoptik wäre passender gewesen, da die rasante Fahrt bereits daran scheitert, dass die Busse (wie in Doha nicht selten nahezu menschenleer) für ein Verkehrschaos zwischen Wilhelmsplatz und Leuzetunnel sorgen.
Ungern erinnere ich mich daran, wie vor einigen Monaten eine andere Dienstreise zum ersten und gleichzeitig letzten Mal in einem X-1-Bus begann: In der letzten Reihe sitzend durfte ich auf der König-Karls-Brücke zuschauen, wie zahllose Stadtbahnen voll fröhlicher Passagiere an uns vorbei stadteinwärts fuhren. Den anvisierten ICE am Hauptbahnhof hingegen bekam ich nicht zu sehen. Er war bei meiner Ankunft längst abgefahren. Und damit zurück zu den Leichtathletik-Festspielen in Doha.