Glücklich mit sich „Alleinsein macht die Welt größer“

Glücklich allein sein? Das kann man lernen, sagt Sarah Diehl. Foto: Ivo Mayr/Ivo Mayr

Die Berliner Autorin Sarah Diehl glaubt, dass die Fähigkeit, mit sich allein sein zu können, uns auch in Partnerschaften zufriedener macht. Sie plädiert dafür, bewusst Zeit mit sich zu verbringen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Zwischen Arbeit, Kindern, Haushalt und Freizeitstress bleibt oft weniger Zeit für einen selbst. Oft sind wir den Großteil des Tages von anderen Menschen umgeben. Die Berliner Autorin und Aktivistin Sarah Diehl plädiert dafür, bewusst Zeit mit sich selbst zu verbringen, um sich von äußeren Erwartungshaltungen zu befreien. Den Glauben, die Kleinfamilie sei der Garant für ein glückliches Leben, hält sie für einen Irrtum. Im Interview erzählt sie, warum vor allem Frauen das Alleinsein eher meiden.

 

Frau Diehl, Sie wollen in Ihrem Buch Menschen dazu ermutigen, mehr Zeit für sich zu verbringen. Was bedeutet für Sie Alleinsein?

Für mich bedeutet Alleinsein, Freiraum zu haben, um meine eigenen Bedürfnisse zu erkunden und meine Wahrnehmung zu schärfen. Ich habe sonst das Gefühl, permanent von anderen beeinflusst zu werden. Ich höre oft, dass andere eine große Angst vor dem Alleinsein haben. Ich habe diese Angst aber selbst nie gespürt. Für mich macht Alleinsein die Welt größer.

Für viele ist doch genau dies das Ideal: feste Partnerschaft, fester Job, viele Freunde, Familienglück. Warum sind Sie da anderer Meinung?

Eigentlich will ich gar nicht zwischen dem Singledasein und dem Leben in einer Partnerschaft unterscheiden. Der Grundstein für ein gutes Miteinander ist für mich, dass jemand allein sein kann. Und auch wenn ich in einer Partnerschaft lebe, ist Zeit für mich zu haben, ein elementarer Teil der Selbstfürsorge. Früher hatten Frauen zum Beispiel oft innerhalb der Familie nicht einmal ein Zimmer für sich – damit geht ihnen doch eine elementare Freiheitserfahrung verloren. Dennoch halte ich es für eine trügerische Vorstellung, dass nur eine Partnerschaft und Familie das große Glück bringen.

Für viele ist Alleinsein aber schwer. Sie fühlen sich einsam und können mit sich nichts anfangen.

Aber weil viele einfach allein auf der Couch sitzen, wenn niemand anderes für sie Zeit hat. Natürlich fühlen sie sich dann einsam. Viele wissen gar nicht, wie sie sich ihre Zeit alleine schön gestalten können. Sie haben gar kein positives Konzept für das Alleinsein. Wer allein tanzen oder essen geht, der schämt sich oft. Oder fühlt sich nicht gewollt. Das ist doch Unsinn.

Sie sind der Meinung, vor allem Frauen haben oft viel zu wenig Zeit für sich allein. Woran liegt das?

Die meisten Frauen sind immer darauf trainiert, die Bedürfnisse von anderen zu erfüllen. Sie kümmern sich um die Kinder, den Ehemann und pflegen obendrauf vielleicht noch die Eltern. Deshalb erzählten mir viele Frauen, dass sie eine große Angst haben, in ihrer Familie regelrecht zu verschwinden – einerseits weil sie vereinsamen und andererseits weil sie kaum Zeit und Raum für sich haben.

Alleinsein hat einen schlechten Ruf. Wer allein ist, wird bedauert und bemitleidet.

Früher war Einsamkeit positiv besetzt, es war das religiöse und philosophische Ideal, Zeit mit sich zu verbringen und eins mit seiner Gedankenwelt zu werden. Einsamkeit ist heutzutage in unserer Gesellschaft eher negativ besetzt. Das hat aus meiner Sicht auch Gründe. In patriarchalen Strukturen werden Frauen immer noch als dienendes Fürsorgepersonal angesehen – sie waren zu Hause und haben sich dort um alles gekümmert. Viele Frauen sind heute noch in diesem Denken verhaftet und ziehen dann ihren Selbstwert aus der Anerkennung als Ehefrau und Mutter. Das ist ein besonders hässlicher Teufelskreis, der Frauen daran hindert, eigene Wege zu gehen.

Aber es kann doch jede heute selbst entscheiden, welchen Weg sie geht – ob als Single oder als Ehefrau zum Beispiel.

Aus meiner Sicht ist es keine alleinige Privatentscheidung. Singles werden oft als wertlos angesehen. Und bei Paaren kommt ein sozialer Anpassungsdruck dazu, wie Liebe und Familie gesellschaftlich zu funktionieren haben. Wir haben häufig immer noch eine geschlechtliche Arbeitsteilung bei der Lohn- und Fürsorgearbeit. Viele Frauen sind in einer Partnerschaft einsam, bleiben aber, weil sie finanziell abhängig sind. Auch bestimmt unser Partner häufig unseren Selbstwert mit. Deshalb versuchen viele auch immer wieder, ihren Partner zu ändern, oder fühlen sich selbst minderwertig, wenn der andere zum Beispiel seinen Job verliert oder krank wird.

Ist es gesellschaftlich derart zementiert, dass man zu zweit sein muss, dass wir dafür alles in Kauf nehmen?

Ja! Auch einfach mal so allein Urlaub machen oder gar allein zu schlafen – das ist für viele völlig unvorstellbar in einer Beziehung. Dabei gibt es viele Studien, dass Frauen allein viel besser schlafen.

Sie bieten Kurse für Frauen an, die nicht wissen, ob sie ein Kind bekommen wollen. Was lässt viele schwanken?

Ganz viele schwanken in der Entscheidung, weil sie eigentlich nur Angst davor haben, im Alter allein zu sein. Mir kommt es so vor, als würden wir das Schreckgespenst der Einsamkeit im Alter für Frauen aufbauen, damit sie aus dieser Angst heraus falsche Kompromisse in der Familiengründung eingehen. Denn wir als Gesellschaft verlassen uns darauf, dass Frauen das dienende selbstlose Personal der Kleinfamilie sind, das wurde während Corona deutlich. Dabei kommen Frauen tatsächlich, wie Studien zeigen, allein viel besser klar: physisch und psychisch. Und sie sind auch diejenigen, die sich im Alter eher aus lieblosen Ehen trennen.

Leben und Werk

Leben
Sarah Diehl, geboren 1978, lebt als Autorin und Dokumentarfilmerin in Berlin. Sie ist Diplom-Museologin und hat einen Magister in Afrikawissenschaften und Gender Studies.

Aktivismus
Sie engagiert sich vor allem zu reproduktiven Rechten. Sie gründete die NGO Ciocia Basia, die Hilfe bei Schwangerschaftsabbrüchen gibt, und gibt das Seminar „Will ich Kinder?“ (www.diekinderfrage.de). Im Jahr 2014 schrieb sie das Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“. In ihrem aktuellen Buch „Die Freiheit, allein zu sein“ beschäftigt sie sich mit dem Alleinsein. (nay)

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