Glühweinverkauf in Stuttgart Nach Aus für die Weihnachtsmärkte – was passiert mit dem Glühwein?

Glühweinverkauf in Fünf-Liter-Kanistern ab Hof: Annette Currle und ihr Großcousin Alexander Mayer von der Fruchtsaftkellerei in Uhlbach Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth/Achim Zweygarth

Kaum ein anderes Heißgetränk verbindet so sehr. Weil aber Glühweinverkauf auf Weihnachtsmärkten nicht möglich ist, werden andere Wege gesucht, wie Winzer, Marktleute und Kunden zusammenkommen.

Lokales: Matthias Ring (mri)

Stuttgart - Adventszeit ist Glühweinzeit. Und den trinkt man ungern alleine. Aber wie schon vergangenes Jahr müssen viele auf ihr lieb gewonnenes Ritual verzichten, weil es ohne Weihnachtsmärkte wenige Möglichkeiten gibt, auf ein, zwei Becher zusammenzukommen. Was aber ist mit denjenigen, die Glühwein herstellen und verkaufen? Bleiben sie nun auf Hektolitern sitzen? Klaus Dieter Warth ist gleich doppelt betroffen. Er stellt den Glühwein in seinem Untertürkheimer Weingut nicht nur her, sondern verkauft ihn auch dort. Damit sind nicht die Flaschen gemeint, die er vorproduziert hat, sondern 300 Liter in Kanistern, die er in seinem Jessys Winterdörfle ausschenken will. Von donnerstags bis samstags bis zum 18. Dezember, so lautet der Plan.

 

Eine Alternative: Jessys Winterdörfle im Weingut Warth

An diesem Donnerstag nun ist es losgegangen, und bei aller Unsicherheit wegen wechselnder amtlicher Verordnungen sieht es Warth so: Das Winterdörfle laufe nicht unter Veranstaltungen, sondern als „Außengastronomie mit 2-G-Zugangskontrolle und Hygienekonzept“. Mit dem Aufbau von Zelten und Angeboten für Kinder ist das schon eine Investition, die je nach Entwicklung des pandemischen Geschehens auf wackeligen Füßen steht. Da dürften die 300 Liter Glühwein, die im Hof des Weinguts eventuell nicht weiter ausgeschenkt werden können, der geringere Kostenposten sein. „Auf die Schnelle in Flaschen abfüllen kann man die aber nicht mehr“, sagt Warth, der im Falle eines Falles noch einen anderen Weg finden muss, seinen Glühwein loszuwerden.

1800 Liter ab Hof in der Zaißerei sind verkauft

Mut machen dürfte ihm die Zaißerei in Stuttgart-Münster. In der Regel produziert man dort bis zu 3000 Liter Glühwein. Bis zuletzt habe man gehofft, dass ein Ausschank auf den Märkten möglich ist, berichtet Andreas Zaiß. Normalerweise beliefert er zwei Stände auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Vor allem aber sei er der „Platzhirsch“ auf dem Sternenmarkt in Bad Cannstatt. Da beides dieses Jahr nicht möglich ist, hat man über soziale Kanäle einen anderen Vertriebsweg gesucht. Mit Erfolg: 1800 Liter vorbereiteten Glühwein habe man bereits abverkauft, „zum Gastropreis und zur Selbstabholung“.

Von 25 Litern sei man auf Zehn-Liter-Kanister umgestiegen. Ansonsten fahre man weiter auf Sicht, denn ohne Zucker und Gewürze sei der „keinesfalls minderwertige Wein“ besser haltbar und ließe sich notfalls auch noch als einfacher Trinkwein verkaufen. Aber „das solidarische Verhalten ist groß“, stellt Zaiß fest. Und offenbar gibt es auch genügend Vereine, die von dem Angebot gerne Gebrauch machen. Schließlich zecht man zehn Liter Glühwein als Privathaushalt nicht mal eben so weg. Ein Dutzend Kanister habe man sogar mit entsprechendem Versandkostenaufschlag verschickt, einen davon nach Hamburg.

Cocooning mit Höhenfeuer aus dem Collegium Wirtemberg

Eine „gewisse Größenordnung“ Glühwein „mit hochwertigem Winzercharakter“ produziert man auch beim Collegium Wirtemberg, so Thomas Jud, der bei der Genossenschaft für den Privatkundenverkauf zuständig ist und keine Zahlen nennen will. Der Glühwein aus Rotenberg und Uhlbach wird normalerweise nicht nur auf den Weihnachtsmärkten in Stuttgart und Esslingen, sondern auch in Ulm und bis ins Allgäu getrunken. Aber man sei ein „flexibler Betrieb“ und könne die Produktion auf Anfragen abstimmen. „Wir sitzen nicht auf dem Fass“, so Jud, sondern habe nur noch „eine überschaubare Menge“. Und fürs „Cocooning“, wie der Verkaufsleiter sagt, gibt es weiterhin das „Höhenfeuer“ in der Flasche.

Die Geschwister Currle in Uhlbach sind auch aktiv

Annette Currles Glühwein, von der Mayer Fruchtsaftkelterei aus Uhlbacher Trauben hergestellt, war eigentlich für ihre Stände auf den Weihnachtsmärkten von Stuttgart und Esslingen vorgesehen. Dieses Jahr sei sie zwar „sehr zurückhaltend“ gewesen, habe sich aber dennoch eingedeckt – mit 1500 Litern Glühwein und Käserädern aus dem Allgäu für Kässpätzle. Und nun? Verkauft auch sie ab Hof, den Glühwein in Fünf-Liter-Kanistern, zum Beispiel für Hausgemeinschaften und deren Nachbarschaft, den Käse in Familienportionen. „Das hat ein Lauffeuer im Internet gegeben“, sagt Annette Currle erfreut, wenngleich der Umsatz im Vergleich zu dem auf den Weihnachtsmärkten allenfalls Schadensbegrenzung sei.

Charity-Aktion geplant

Weil es zu Verwechslungen kommt, steht auch bei Christel Currle das Telefon nicht still, denn eigentlich ist ja sie die Weinmacherin; ihre Schwester hat mit Currles Culinarium einen komplett getrennten Betrieb. Die Weindorfwirtin und „Winzerin des Jahres 2017“ im Fachblatt „Selection“ kann jedenfalls „eine Lanze brechen für den Glühwein aus der Region“, der sich deutlich vom süßen Zeug für 1,99 im Supermarkt unterscheide. Auch Christel Currle hat in ihrem Sortiment einige Flaschen, die sie abfüllen ließ. „Denn mit zwei Zimtstangen und ein paar Orangen, wie man daheim denken mag, ist es bei einer professionellen Herstellung nicht getan.“ Für ihren eigenen Glühweinverkauf plant Christel Currle nun eine Charity-Aktion. Sie selbst trinkt den vorweihnachtlichen Stimmungsmacher allerdings nur einmal im Jahr: an ihrem Heiligen Morgen, einer geselligen Runde in Uhlbach, zu der jeder etwas beisteuert. Ob das dieses Jahr wieder stattfinden kann, steht allerdings auch noch in den Sternen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Weihnachtsmarkt Corona