Göppingen 27 Kubikmeter Nichts

Von Sabine Riker 

Im Park der Klinik Christophsbad lädt die Rauminstallation „Leerstelle“ der Kunsttherapeutin Michaela Demuth zu einer Begegnung mit der Stille ein. Das Kunstwerk ist begehbar.

Göppingen - Es ist quadratisch, hat kein Fenster und steht im Park des Göppinger Klinikums Christophsbad. 27 Kubikmeter umschließt das Gebilde aus Sperrholzplatten, das dazu einlädt, sich bewusst der Leere zu stellen, sie – je nach Standpunkt und Befindlichkeit – zu genießen oder einfach auszuhalten. Konzipiert hat diese Rauminstallation die Tanz- und Kunsttherapeutin Michaela Demuth. Sie will diesen „Raum zum Nachdenken“, wie der Geschäftsführer der Klinik, Bernhard Wehde, den Kubus bei der Vernissage bezeichnete, mit Patienten nutzen und darüber dann ihre Masterarbeit schreiben. Die Teilnahme an diesem „Versuch“ ist freiwillig.

Eintreten erwünscht. Allerdings muss alles draußen bleiben, was von diesen 27 Kubikmetern Nichts ablenken könnte. Zigaretten sind tabu, auch Essen oder andere Menschen, das macht eine Anleitung auf einem Schild direkt neben dem Eingang der Installation klar. Die Besucher sollen in diesem Raum in sich hinein hören, ihre Empfindungen wahrnehmen und im besten Fall zu sich selbst finden. Die Arbeit mit abhängig erkrankten Menschen im Christophsbad inspirierte Michaela Demuth zu diesem Projekt. „Die meisten Patienten klagen über innere Leere, Langeweile und Einsamkeit, offenbar sind diese Empfindungen nur schwer auszuhalten“, sagt sie.

Jeder ist mit sich allein

Also machte sich die 29 Jahre alte Kunsttherapeutin auf eine „künstlerische Reise“, um die Leere am eigenen Leib zu ergründen. Zwei Stunden lang verbrachte sie in Nürtingen auf einem Stuhlgerippe sitzend in einem hohen, fensterlosen Ausstellungsraum. Es sei sehr anstrengend gewesen, ohne Sitzfläche und Lehne durchzuhalten. Aber er sei sehr viel in ihr passiert, erzählt sie. „Das war die Geburtsstunde der Leerstelle.“

Sanftes Oberlicht ergießt sich in den Kubus, dessen Innenraum mit hellen Wänden ausgestattet ist. Auf ein paar Steinplatten inmitten eines Kiesbetts ist ein Hocker festgeschraubt, der zum Sitzen einlädt. Von draußen dringen nur Verkehrslärm und Vogelgezwitscher herein. An diesem Ort ist jeder mit sich allein. Das ist nicht immer angenehm, manchmal auch beängstigend. „Da ist dieser konfrontative Moment, das auszuhalten, wenn Gedanken und Gefühle lauter werden“, sagt Michaela Demuth und spricht von der „therapeutischen Hoffnung“, dass diese Rauminstallation dabei hilft, besser mit der Leere umzugehen, sie als Rückzugsort anzunehmen und mehr Geduld mit sich zu haben.

Sie hofft auch, dass viele Menschen – Patienten, Besucher, Mitarbeiter – die „Leerstelle“ betreten und sie per Mail an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, so dass sie auch diese für ihre Masterarbeit verwerten kann. Michaela Demuths Mailadresse ist dazu eigens dazu auf dem Schild am Eingang vermerkt.

Klinik fördert das Projekt

Für die Patienten ist die Teilnahme an diesem kunsttherapeutischen Projekt, das die Klinik fördert, freiwillig. Niemand wird gezwungen. Wer aber mitmacht, wird über seine Befindlichkeit vor und nach einem 15-minütigen Aufenthalt in dem Kubus befragt. „Ich verspreche mir signifikante Werte“, sagt Michaela Demuth, bevor sie lachend einschränkt: „Ich glaube daran, aber man weiß es nicht.“

Zwei bis drei Monate will sich die Kunsttherapeutin Zeit nehmen für die Befragungen. Am Ende steht eine künstlerische Masterarbeit, bei der die Installation als Kunstwerk, die Umsetzung und die Konzeption wie auch der kunsttherapeutische Kontext bewertet werden. „In diesem Fall ist das eine sehr passive therapeutische Haltung“, sagt sie. Der Therapeut bleibe im Hintergrund und überlasse den Patienten seinen Erfahrungen.




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